Kulturstandorte an der Spree : Am Fluss wird es eng

Berlins Clubs und Kreativszene am Spreeufer sind von Verdrängung bedroht. Was tun? Ein Workshop.

Auch eine Idee. Mehr öffentlicher Personennahverkehr auf dem Wasser – einer der Vorschläge. Partygänger freut’s.
Auch eine Idee. Mehr öffentlicher Personennahverkehr auf dem Wasser – einer der Vorschläge. Partygänger freut’s.Foto: Loveboat

Teure Eigentumswohnungen am einen, Partylärm am anderen Ufer – das ist das Spannungsfeld an der Spree zwischen Friedrichshain und Kreuzberg. Die Kreativkultur lockt Jahr für Jahr Millionen von Touristen in die Stadt, und Anwohner schätzen den Blick aufs Wasser und die Ruhe. Bleibt da am Ende die kleinteilige Kulturszene auf der Strecke? Berlins Kreative fordern mehr Rückendeckung vom Senat.

In den Spreeuferbereichen zwischen Alter Münze und Plänterwald finden sich viele Juwelen der hauptstädtischen Alternativszene. Auf drei Prozent der Fläche Berlins tummeln sich fast ein Drittel aller Kreativunternehmen, wie kürzlich auf dem Workshop „Stadt essen Kultur auf“ im Radialsystem an der Holzmarktstraße festgestellt wurde. Mit Blick auf die Spree diskutierten die Teilnehmer unter der Leitung des früheren Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner angeregt über die Potentiale am Fluss.

So kam die Idee auf, den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) auch auf das Wasser auszudehnen. Zwar gibt es an der Baumschulenstraße in Plänterwald und noch weiter südlich beim Wendenschloß am Müggelsee schon lange Spreefähren der BVG, aber eben nicht zwischen Jannowitz- und Oberbaumbrücke, sozusagen als Shuttle von Club zu Club. Dabei kann Berlin es doch vom Wasserangebot her mit Venedig aufnehmen. Auch in Stockholm sind die Stadtfähren sehr gefragt.

Beim Holzmarktprojekt an der Jannowitzbrücke stößt die Idee auf offene Ohren. „Das wäre aus unserer Sicht sehr wünschenswert“, sagt Sprecher Konstantin Krex, „für die Gesamtstadt wie auch explizit für die Kulturstandorte an der Spree.“ Mit einem Bootsanleger hat die kleine Kreativsiedlung schon die Voraussetzungen für einen Fährbetrieb geschaffen – im umweltverträglichen Rahmen, versteht sich. Krex: „Eine kommerzielle Nutzung sollte es nicht sein, sondern wirklich ÖPNV.“

Doch solche Veränderungen sind nicht ohne die Unterstützung der Verwaltungen auf Senats- und Bezirksebene möglich. Beim Workshop entstand die Idee einer „Sonderwirtschaftszone“ – ein Begriff, der dann aber verworfen wurde, wie Friedrichshain-Kreuzbergs Baustadtrat Florian Schmidt berichtet. „Besser wäre ein Masterplan-Stadtspree“, schlägt er vor. „Dazu gehört die Entwicklung landeseigener Immobilien und die Planung von Uferzugänglichkeit, aber auch der Dialog mit privaten Eigentümern.“

Stadtrat: Gemeinwohlanteil durch Gesetze erhöhen

Die Kreativen sehen sich am Wasser nicht nur in der Rolle der vorübergehenden Bestandshüter. Sie wollen ihre kulturellen Freiräume zukunftssicher machen. Dafür fordern sie eine Neuausrichtung beim Baurecht. So könnte bei neuen Immobilienentwicklungen grundsätzlich ein Zehntel der Flächen für Soziokultur gesichert werden. Außerdem wurde in dem Workshop die Idee geäußert, dass Kreativprojekte vom Senat geförderte Räume zu Mieten von maximal fünf Euro pro Quadratmeter nutzen könnten. Ein anderer Vorschlag war, grundsätzlich Dach- und Erdgeschosse für Malstudio oder Töpferei zu reservieren.

Stadtrat Schmidt ist für diese Details sehr aufgeschlossen: „Ich denke, dass wir eigentlich eine Gesetzgebung bräuchten, die es ermöglicht, einen Gemeinwohlanteil bei privaten Immobilien zu fordern.“ Was die begünstigte Nutzung von Dachgeschoss und Parterre betrifft, rennen die Kreativen bei ihm offene Türen ein. „In landeseigenen Liegenschaften wie auf dem Kreuzberger Dragonerareal gehen wir schon in diese Richtung“, erklärt Schmidt und ergänzt: „Wobei soziale Projekte, Werkstätten und kleiner Einzelhandel ebenso bezahlbare Räume brauchen. Eine einseitige Fokussierung auf Kunst und Kreative ist nicht sinnvoll.“

Aus Sicht der Holzmarkt-Initiative „ist in der Bauleitplanung bezüglich der Sicherung von kulturellen Freiräumen noch viel Luft nach oben.“ Konstantin Krex fragt: „Warum werden bei aktuellen Bebauungsplänen nicht Sicherung oder Ansiedlung von Clubkultur als Planungs- oder Entwicklungsziel mitgedacht?“ Er verweist auf das aktuelle Beispiel in der Rummelsbucht im Bezirk Lichtenberg, wo ein geplanter kommerzieller Wasser-Erlebnispark Club und Wagenburg keine Chance lässt. Hier hätte die Ausweisung als „Urbanes Gebiet“ helfen können, aber die Stadt wirke da noch recht zögerlich.

Neue Eigentumsformen sollen Kreativangebote sichern

Die Leute vom Holzmarkt können sich auch neue Eigentumsformen zur Sicherung von Kreativangeboten vorstellen: „Wir wünschen uns, dass mehr Kulturstandorte den Weg in die genossenschaftliche Selbstverwaltung schaffen.“ Sie verweisen auf die Unterstützung des Senats für solche Wohnmodelle. Bei einer Anhörung kürzlich im Bauausschuss des Bundestages fand ein Vorschlag fraktionsübergreifend Zustimmung, Clubs nicht länger als Vergnügungsstätte zu betrachten – sondern als Kulturorte. „Da müssen wir jetzt alle dranbleiben und die Stadt Berlin sollte Druck machen, wo es geht, zum Beispiel im Bundesrat“, fordert Konstantin Krex.

Beim Workshop im Radialsystem wurde angemahnt, alle Betroffenen vom Kieznachbarn bis zum gemeinwohlorientierten Investor in einen langfristigen Diskussionsprozess einzubeziehen. Schirmherr dieser übergreifenden Spree-Initiative könnte der Regierende Bürgermeister sein, so das Wunschbild.

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Beim Holzmarkt backen sie derweil kleinere Brötchen, allerdings mit mehr Wirksamkeit. So wurden für das urbane Dorf mit der bunten Kreativkultur von Kindergarten bis Restaurant Katerschmaus ein Lärmschutztelefon installiert und ein Lärmschutzbeauftragter benannt. Mitarbeiterschulungen und akustische Gebäudedämmung mit Schallschutztüren, Soundabsorbern und Bassauslöschung sind weitere Bausteine. Ein „Parkläufer“ hält Nachtwache. Vielleicht der wichtigste Punkt: „Wir wollen weiterhin den Dialog mit der Öffentlichkeit und insbesondere der Nachbarschaft suchen.“ Vielleicht funktioniert das Zusammenspiel von Stadt und Kultur am Ende tatsächlich auch ohne Kannibalismus.