Konzern in der Krise wegen Stahl-Abenteuern : Notverkauf bei Thyssen-Krupp

Der Konzern trennt sich mit dem Aufzuggeschäft vom profitabelsten Bereich. Er geht an Finanzinvestoren.

246 Meter hoch ist der Testturm für Expressaufzüge, den Thyssen-Krupp im baden-württembergischen Rottweil gebaut hat.
246 Meter hoch ist der Testturm für Expressaufzüge, den Thyssen-Krupp im baden-württembergischen Rottweil gebaut hat.Foto: REUTERS

Es gibt wieder einen Neuanfang bei Thyssen-Krupp. Der Ruhrkonzern verkauft sein profitabelstes Geschäft und will mit dem Erlös in die Zukunft investieren. Das klingt absurd und ist auch eine Notmaßnahme: Thyssen-Krupp taumelt seit Jahren von einer Krise zur nächsten. Der Verkauf der Thyssen-Krupp Elevator, den der Vorstand am heutigen Donnerstag beschließen wird, muss so viel Geld bringen, dass der Konzern die nächsten Jahre übersteht. „Jeder Euro soll in die Entwicklung unserer Geschäfte fließen“, sagt die Vorstandsvorsitzende Martina Merz und verspricht Mitarbeitern und Aktionären einen „echten Neustart“.

Die RAG-Stiftung bietet mit

Nachdem sich der finnische Aufzugkonzern Kone aus dem Bewerberkreis zurückgezogen hat, kann der Thyssen- Krupp-Vorstand noch zwischen zwei Finanzinvestoren wählen: ein nordamerikanisches Konsortium mit den großen Beteiligungsgesellschaften Blackstone und Carlyle sowie dem Canadian Pension Plan, der zum kanadischen Rentenversicherungssystem gehört. Das zweite Konsortium wird gebildet vom britischen Finanzinvestor Cinven, der US-amerikanischen Advent sowie die RAG-Stiftung.

Die Stiftung, die wie Thyssen-Krupp ins Essen ansässig ist, trägt die Folgekosten des Steinkohlebergbaus und legt dazu Geld an, um mit den Erlösen die sogenannten Ewigkeitslasten im Ruhrgebiet und an der Saar zu bewältigen. Das RAG- Konsortium gilt als Favorit der Arbeitnehmerseite, die im Thyssen-Krupp-Konzern traditionell großes Gewicht hat. Der RAG-Chef hatte in der „FAZ“ gesagt, „dass mögliche Optimierungen mit sozialer Verantwortung erfolgen“.

Der Bereich verdiente fast eine Milliarde

„Optimierungen“ sind gar nicht nötig, denn im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete der Bereich Elevator mit gut acht Milliarden Euro Umsatz einen Gewinn von 900 Millionen Euro. Thyssen-Krupp insgesamt schloss das Jahr mit einem Minus von 260 Millionen Euro ab. Ohne Elevator hätte der Verlust also über eine Milliarde betragen.

Acht Milliarden Euro verbrannt

Der Verkauf der Aufzüge und Fahrtreppen steht am Ende einer dramatischen Führungskrise, die man nicht trennen kann von einer Entscheidung aus dem Jahr 2006. Damals beschloss der Vorstand unter Ekkehard Schulz und mit Billigung der Aufsichtsräte Berthold Beitz und Gerhard Cromme, in den USA und Brasilien Stahlwerke zu bauen. Das Projekt „Steel Americas“ entwickelte sich zu einer der größten Fehlinvestitionen in der deutschen Industriegeschichte. Nach unfassbar vielen Pannen verkaufte der Schulz-Nachfolger Heinrich Hiesinger die neuen Anlagen 2014 und 2017. Insgesamt verbrannte der Konzern acht Milliarden Euro in den beiden Werken – und leidet bis heute unter den Folgen: hoher Schuldenstand und Investitionslücken.

Ärger mit aktivistischem Investor

Der frühere Siemens-Manager Hiesinger räumte im Konzern auf und legte den europäischen Stahlbereich mit Tata zusammen – was dann jedoch die EU untersagte. Hiesinger lehnte den Verkauf des Profitgaranten Elevator ab, um mit den Elevator-Gewinnen Thyssen-Krupp zu einem innovativen Industriekonzern ausbauen. Doch der aktivistische Investor Cevian, der 18 Prozent am Unternehmen hält, wurde zunehmend ungeduldig und machte Druck auf Hiesinger. Die Krupp-Stiftung, mit 21 Prozent größter Aktionär, stärkte dem Vorstandsvorsitzenden nicht den Rücken, sodass Hiesinger im Sommer 2018 entnervt zurücktrat. Als dann auch noch der Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Lehner vom Hof ging, war das Führungschaos in Essen perfekt.

Glückloser Chef

Finanzvorstand Guido Kerkhoff wechselte damals auf den Chefstuhl – und kündigte den Verkauf von 49,9 Prozent der Elevator-Anteile über die Börse an. Ein gutes Jahr später war die Ära des glücklosen und entscheidungsschwachen Kerkhoff schon wieder vorbei. Da sich niemand fand für den heißen Stuhl an der Konzernspitze, opferte sich die Aufsichtsratsvorsitzende Martina Merz. Für ein Jahr, bis September 2020, übernahm sie den Vorstandsvorsitz. Merz, Jahrgang 1963, war in diversen Managementfunktionen für Bosch tätig und sitzt seit 2015 im Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat. Wenn sie Elevator für einen guten Preis verkauft und das Geld richtig anlegt, wird sie in die Konzerngeschichte eingehen.

Bis zu 20 Milliarden sind möglich

Der Wert der Aufzugsparte liegt zwischen 15 bis 20 Milliarden Euro. Die ursprüngliche Idee, nur einen Teil zu verkaufen und Mehrheitsaktionär zu bleiben, hat Merz längst verworfen, weil sie viel Geld braucht. Und die IG Metall, die nur einen Teilverkauf mittragen wollte, hat inzwischen auch deshalb Zustimmung zum Komplettverkauf signalisiert, da sie mit beiden Bewerbern sogenannte Fair- und Best-Owner-Vereinbarungen erreicht hat.

Diese Vereinbarungen haben nach Angaben der Gewerkschaft den Charakter von Tarifverträgen und gewährleisten Beschäftigungssicherung, Ausbildung auf dem bisherigen Niveau, Sicherung der betrieblichen Altersvorsorge, Investitionen sowie die Verpflichtung, bei einem Weiterverkauf „erneut einen Fair- und Best-Owner-Vereinbarungsprozess mit der IG Metall“ einzuleiten. Damit ist, so die Einschätzung der Gewerkschaft, die Zukunft der rund 50 000 Elevator-Mitarbeiter gesichert.

Die Krise ist noch nicht vorbei

Und was wird mit den verbleibenden gut 100 000 Thyssen-Krupp-Beschäftigten im Stahl- sowie im Anlagen- und Komponentenbau und im Handel mit Werk- und Rohstoffen? Womöglich verkauft Merz noch andere Bereiche, um Ballast abzuwerfen und um Mittel zu generieren für den Abbau der rund sieben Milliarden Euro umfassenden Schulden und für überfällige Investitionen vor allem in den Stahlbereich. Die Aufzüge sind bald weg, doch die Krise des Konzerns ist keineswegs vorbei.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!