Kriminelle Mitarbeiter : Gerade Führungskräfte haben beim Betrug oft leichtes Spiel

Jährlich entstehen den Firmen Millionen-Schäden durch die eigenen Angestellten. Im Schnitt ergaunern kriminelle Mitarbeiter 115.000 Euro, bevor sie auffliegen.

Der buchstäbliche Griff in die Kasse ist häufig für Mitarbeiter verführerisch einfach.
Der buchstäbliche Griff in die Kasse ist häufig für Mitarbeiter verführerisch einfach.Foto: Getty Images/iStockphoto

Kein Mensch hätte bei ihr einen Verdacht geschöpft. Die Täterin war seit Jahrzehnten im Unternehmen und hatte sich über die Jahre zur Co-Geschäftsführerin hochgearbeitet. In alleiniger Verantwortung führte sie die Buchhaltung des mittelständischen Unternehmens der chemischen Industrie. Und vermutlich wäre es auch noch lange so weitergegangen, wäre sie nicht krankheitsbedingt längere Zeit ausgefallen. Denn in dieser Zeit wechselte der Wirtschaftsprüfer der Firma. Der neue sah sich die Bilanzen einmal genauer an – und stieß auf Unglaubliches.

Über 12 Jahre hatte die Co-Chefin immer wieder Beträge auf ihr eigenes Konto überwiesen. Dabei hatte sie das Vertrauensverhältnis zum vorherigen Wirtschaftsprüfer ausgenutzt und auf Nachfragen so gekonnt reagiert, dass er keinen Verdacht geschöpft hatte. Insgesamt entstand der Firma dadurch ein Schaden von 750.000 Euro. Mit den Vorwürfen vom neuen Wirtschaftsprüfer konfrontiert gab sie die Taten zu. Sie habe damit ihre Kaufsucht befriedigen wollen.

Was sich so einfach anhört, ist kein Einzelfall. Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherer (GDV) sind die eigenen Mitarbeiter hinsichtlich Betrug und Unterschlagung das größere Risiko für Unternehmen als Diebe von außen. Der Verband hat 2400 Schadenfälle aus der Vertrauensschadenversicherung ausgewertet und kam zu dem Schluss: Knapp zwei Drittel der Fälle und rund 75 Prozent des Schadens ging auf das Konto krimineller Kollegen. Der Versicherungsschaden lag den Angaben zufolge im vergangenen Jahr insgesamt bei 225 Millionen Euro.

Im Schnitt bringen kriminelle Mitarbeiter ihre Arbeitgeber um fast 115.000 Euro, bevor sie auffliegen. Bei Externen ist es die Hälfte. „Angesichts unserer Erfahrungen müssen wir davon ausgehen, dass jedes Jahr 5 bis 10 Prozent der deutschen Unternehmen von eigenen Mitarbeitern betrogen werden“, sagte Rüdiger Kirsch, Vorsitzender der AG Vertrauensschadenversicherung im GDV. Die Dunkelziffer der unentdeckten Taten und der dadurch verursachte wirtschaftliche Schaden sei nämlich deutlich höher als die genannten Zahlen. „Die Prognosen gehen in die Milliarden“, sagte Kirsch.

Kassierer klaut 25.000 für Hauskredit

Doch nicht nur Führungskräften bietet sich die Gelegenheit, nebenbei in die Kasse zu greifen. Als beispielhaft für zu geringe Kontrollmechanismen nannte der GDV ein Beispiel aus einem Supermarkt. Hier hatte ein Kassierer über zwei Jahre rund 25.000 Euro geklaut. Sein Trick: Bons, die von Kunden nicht mitgenommen worden waren, stornierte er anschließend und steckte das Geld des zurückgebuchten Einkaufs selbst ein.

Auch der Leipziger Strafrechts-Professors Hendrik Schneider hält fehlende Sicherheitsmechanismen für den Hauptgrund solcher Handlungen. Doch er beobachtet auch bei den persönlichen Motiven wiederkehrende Muster. „Insbesondere bei längerer Unternehmenszugehörigkeit kann ein Mitarbeiter der Versuchung der günstigen Gelegenheit erliegen“, so Schneider. „Bisweilen kommen noch persönliche Risikokonstellationen hinzu, die entsprechende Taten begünstigen. Beispielsweise, wenn der Täter meint, einen Extrabonus verdient zu haben, oder wenn er sich von seinem Chef gekränkt und zurückgesetzt fühlt.“

Schaden durch kriminelle Kollegen, interne Täter externe Täter 2018.
Schaden durch kriminelle Kollegen, interne Täter externe Täter 2018.Foto: Grafik TSP

Natürlich könnten auch persönliche Lebenskrisen wie eine Scheidung oder ein zu aufwändiger Lebensstil ein Motiv sein. So nutzte etwa der betrügerische Kassierer sein erbeutetes Geld, um die Raten für seine Hausfinanzierung zu zahlen, was andernfalls nur schwer möglich gewesen wäre. Schneiders Forschungen zufolge sind die Täter in der Regel deutscher Staatsangehörigkeit, jenseits der 40 und verfügen über überdurchschnittliche Bildung. Sie sind zumeist schon längere Zeit in ihrem Unternehmen beschäftigt und bekleiden häufig verantwortliche Positionen.

Versicherungs-Betrüger ruiniert sich beinahe selbst

Dass Diebstähle durch Mitarbeiter ein erhebliches Problem sind, ist insbesondere im Handel schon länger bekannt. Das Marktforschungsinstitut EHI Retail hatte im Juni dieses Jahres berechnet, dass durch eigene Mitarbeiter allein im Jahr 2018 Schäden in Höhe von 1,01 Milliarden Euro entstanden sind. Weitere 350 Millionen an Inventurendifferenzen, wie es hier offiziell heißt, gehen auf Kosten von Lieferanten und anderer ebenfalls mit dem Unternehmen vertrauten Servicekräfte.

Um sich wirksam zu schützen, rät der GDV, sensible Bereiche doppelt absichern, also unter anderem einen Compliance-Beauftragten benennen, ein Hinweisgeber-System aufbauen, einen verbindlichen Verhaltenskodex verabschieden, die Mitarbeiter regelmäßig schulen und bei Zahlungen strikt das Vier-Augen-Prinzip beachten.

Dass nicht jeder Betrugsversuch auch erfolgreich ist, hat ausgerechnet ein Mitarbeiter der Versicherungsbranche erst vor wenigen Monaten vor dem Amtsgericht Burgwedel gezeigt. Der Versicherungsmakler hatte 100 Versicherungsverträge für erfundene Personen ausgestellt und dafür Provisionen von mehr als 200.000 Euro kassiert. Woran er allerdings nicht gedacht hatte: Damit er die Provision nicht zurückzahlen muss, hätten die Verträge mindestens 60 Monate laufen müssen. Deshalb zahlte er brav jeden Monat die Beiträge für seine gefälschten Verträge. Doch diese Kosten hätten seine Provision mit der Zeit weit überstiegen. Dass er erwischt wurde, bewahrte ihn gewissermaßen vor dem Ruin.

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