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18.03.2022, Berlin: Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, spricht im Plenum im Bundestag in der Debatte zum Infektionsschutzgesetz.

© dpa / Michael Kappeler

Tagesspiegel Plus Exklusiv

Milliarden-Schaden für Lauterbach?: Millionen Impfdosen drohen zu verfallen

Deutschland lagert ein Berg an Impfdosen – die aber kaum mehr nachgefragt werden. In wenigen Wochen verfallen die ersten. Kann er sie noch verimpfen?

In Deutschland müssen bis zum Ende des Sommers zig Millionen Corona-Impfungen verabreicht werden, um diese vor dem Verfall zu schützen. Das geht aus Antworten des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) auf Schriftliche Fragen von Sepp Müller hervor, die Tagesspiegel Background vorliegen. Der Unions-Fraktionsvize ist im Bundestag für Gesundheit zuständig.

Die Antworten zeigen zudem, dass der Bund keine Übersicht darüber hat, wie viele der über den Großhandel an niedergelassene Ärzte ausgelieferten Impfdosen mittlerweile vernichtet werden mussten. Seit Amtsantritt des neuen Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD) veröffentlicht das Ministerium keine Zahlen mehr zu aktuell vorrätigen und perspektivisch gelieferten Impfstoffdosen.

Bekannt ist, dass die alte Bundesregierung bis Ende vergangenen Jahres insgesamt 554 Millionen Impfstoffdosen bestellt hatte, die teils aber erst dieses Jahr oder auch 2023 geliefert werden. Mit Antritt der neuen Bundesregierung kündigte Lauterbach eine massive Impfkampagne an – und bestellte im Dezember Millionen neuer Impfstoffdosen.

Nachdem zum Jahreswechsel aber die Impfquoten einbrachen, füllen sich nun die Lager der Bundesregierung weiter.

  • So waren im Januar noch 22,3 Millionen Impfdosen (das entspricht knapp 45 Millionen Boosterdosen) von Moderna auf Lager.
  • Im gerade endenden Quartal wurden dann nochmal 63,9 Millionen Moderna-Boosterdosen geliefert.
  • Hinzu kamen in diesem Quartal 42,5 Millionen BioNTech-Impfdosen für Erwachsene und sieben Millionen für Kinder.

Allein mit den im ersten Quartal gelieferten Dosen könnten also mehr als 100 Millionen Booster-Impfungen bei Erwachsenen durchgeführt werden – oder 81 Millionen Erstimpfungen bei Kindern und Erwachsenen. Laut Impfdashboard des Robert Koch-Instituts wurden im ersten Quartal knapp 16 Millionen Erstimpfungen durchgeführt – Auffrischungs- und Boosterimpfungen gab es knapp sechs Millionen.

Rein rechnerisch dürften für diese Impfungen die Moderna-Restbestände gereicht haben, die der Bund noch im Dezember lagerte, also vor Lauterbachs Großbestellung. Allerdings wird Moderna vorrangig an über 30-Jährige verimpft, sodass im ersten Quartal dieses Jahres zumindest auf einen Teil der BioNTech-Bestände zurückgegriffen worden sein dürfte.

Es dürften derzeit damit zig Millionen Impfstoffdosen in den Lagern liegen – und der Druck steigt, diese schnellstmöglich zu verimpfen. Laut der BMG-Antwort auf die Schriftliche Frage Sepp Müllers weisen „alle im Dezember 2021 an das zentrale Lager des Bundes gelieferten“ BioNTech-Impfstoffe „eine Haltbarkeit von Mai und Juni 2022 auf“. Die 42,5 Millionen ab Januar gelieferten BioNTech-Dosen verfielen im Juli und August, die Kinderimpfstoffe im Juni und Juli. Die ab Dezember nach Deutschland gelieferten und später von Lauterbach nachbestellten Moderna-Dosen verfallen laut BMG von Juli bis Oktober dieses Jahres.

Selbst mit der – mittlerweile sehr unwahrscheinlichen – Einführung einer allgemeinen Impfpflicht dürfte die Nachfrage in diesem Zeitraum kaum steigen: Die Pflicht würde schließlich erst ab Herbst greifen. Erschwerend kommt hinzu, dass es im Herbst aller Voraussicht nach eine an die Omikron-Variante angepasste Form des Corona-Impfstoffes geben wird. Die alten Impfstoffe wären spätestens dann nicht mehr brauchbar – und verlieren wahrscheinlich schon in den kommenden Monaten mit der näher rückenden Perspektive angepasster Vakzine zunehmend an Attraktivität.

In einer anderen Antwort des BMG auf eine Frage Müllers heißt es, dass in den zentralen Lagern des Bundes seit Dezember „keine Impfstoffe vernichtet“ worden seien. „Nach Kenntnis der Bundesregierung wurden im Dezember 2021 auf Seiten des pharmazeutischen Großhandels und der Apotheken insgesamt ca. 11.300 Impfdosen der zentral beschafften COVID-19-Impfstoffe vernichtet.“

Allerdings ist dies ein äußerst lückenhaftes Bild, wie klargestellt wird. Die „sachgemäße Handhabung“ der zentral beschafften Impfstoffe obliege „mit der Annahme des Impfstoffs […] dem pharmazeutischen Großhandel bzw. im Anschluss den Apotheken sowie Ärztinnen und Ärzten“. Das heißt, dass die Bundesregierung keinen Überblick darüber hat, wie viele der an Praxen gelieferten Impfstoffe letztlich verimpft werden – bei den Niedergelassenen findet mittlerweile der allergrößte Teil der Corona-Impfungen statt. Bekannt ist, dass in einigen Bundesländern schon länger Impfstoffe vernichtet werden müssen.

Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit
Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit

© dpa/Michael Kappeler

Einen Großteil der gelagerten und in Deutschland nicht nachgefragten Impfstoffe wird die Bundesregierung aller Voraussicht nach versuchen ins Ausland zu spenden. Bis Ende dieses Jahres, heißt es in einer weiteren Antwort auf eine Schriftliche Frage Müllers, wolle man 175 Millionen Impfstoffdosen abgeben, „den Großteil davon an den multilateralen COVAX-Mechanismus“ – bislang seien 114,1 Millionen Dosen gespendet worden.

Im Dezember hingegen kaufte Minister Lauterbach aus dem Ausland noch Impfstoffe hinzu: Laut schriftlicher Antwort 5,3 Millionen Moderna-Dosen aus Polen, Rumänien und Portugal, zusätzlich drei Millionen BioNTech-Dosen aus Polen.

Das Risiko der schnellen Zweitboosterkampagne

Im Vorfeld des gestrigen Treffens der EU-Gesundheitsminister in Brüssel erklärte Lauterbach, dass es derzeit offenbar in ganz Europa zu viel Impfstoff gebe, der auch kaum noch gespendet werden könne. Die Abnahme durch einkommensschwächere Länder stocke. „Somit müssen wir befürchten, dass in Europa Impfstoff vernichtet werden muss“, sagte Lauterbach, Deutschlands Rolle ließ er dabei unerwähnt.

Vor dem Hintergrund des im Überfluss vorhandenen Impfstoffs wäre es besonders tragisch, wenn über 60-Jährige ihre Chance auf eine zweite Boosterimpfung nicht wahrnähmen, so Lauterbach weiter. Eine schnelle Zweitbooster-Kampagne birgt allerdings auch das Risiko, dass besonders Vulnerable nun erst einmal mit einem nicht an die aktuelle Virusvariante angepassten Impfstoff geimpft werden.

Vor der von vielen befürchteten Herbstwelle müsste ihnen dann also eventuell ein fünftes Mal eine Impfung verabreicht werden, sobald ein angepasstes Vakzin verfügbar ist. Dies wiederum könnte zu einer gesteigerten „Impfmüdigkeit“ in Teilen der gefährdeten Bevölkerungsgruppen beitragen.

Vor diesem Hintergrund und angesichts der aktuell laufenden Haushaltsverhandlungen könnte sich Lauterbach demnächst verstärkt Fragen nach der Wirtschaftlichkeit seiner Impfstoffbestellungen ausgesetzt sehen. 6,2 Milliarden Euro sind im aktuellen Haushaltsentwurf für die Beschaffung von Impfstoffen vorgesehen; Mitte Dezember bekam Lauterbach von Finanzminister Christian Lindner (FDP) bereits 2,2 Milliarden Euro zusätzlich bewilligt für die damalige Nachbestellung. Gleichzeitig verhandelt Lauterbach gerade mit Lindner über einen Bundeszuschuss für den Gesundheitsfonds im kommenden Jahr.

Mit Blick auf den laufenden Haushalt mahnte kürzlich auch die Grünen-Abgeordnete Paula Piechotta, Berichterstatterin für den BMG-Etat im Haushaltsausschuss, zu einer maßvollen Ausgabenpolitik in der Pandemiebekämpfung. Die Zeit, „Geld mit vollen Händen auszugeben“, sagte sie, müsse vorbei sein. Minister Lauterbach betonte zuvor, dass die Milliarden für das Pandemiemanagement in den zurückliegenden zwei Jahren sinnvoll investiert gewesen seien. Dies zeige sich in einer relativ niedrigen Corona-Todesrate in der Bundesrepublik.

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