Merck-Chef Stefan Oschmann : "Digitaler Wandel: Eine große Chance für Europas Gesundheit"

Wir als Industrie müssen transparent machen, wie wir mit den Daten umgehen, fordert der Merck-Chef. Ein Gastbeitrag.

Stefan Oschmann
Mehr Durchblick. Dank neuer Technologien kann die Forschung medizinische Daten heute besser auswerten.
Mehr Durchblick. Dank neuer Technologien kann die Forschung medizinische Daten heute besser auswerten.Foto: Getty Images/iStockphoto

Kaum etwas verändert die europäischen Gesundheitssysteme so tiefgreifend wie die digitale Revolution. Sie bringt große Chancen für Patienten mit sich. Big Data, künstliche Intelligenz und Co. können uns helfen, neue Therapien für schwere Krankheiten zu finden. Und sie können dazu beitragen, dass Patienten in Deutschland und Europa auch künftig Zugang zu diesen Innovationen erhalten. Die digitale Zukunft im Gesundheitswesen ist daher zu Recht ein Schwerpunkt des heute beginnenden Weltgesundheitsgipfels (World Health Summit) in Berlin.

Im Kampf gegen schwere Krankheiten wie Krebs hat die Forschung in den letzten Jahren substanzielle Fortschritte gemacht. Vor allem sogenannte immun-onkologische Wirkstoffe, die das körpereigene Immunsystem aktivieren, damit es die Krankheit bekämpft, können mittlerweile vielfach Patienten helfen. Für diesen Durchbruch erhalten die Väter der Immuntherapie, James Allison und Tasuku Honjo, in diesem Jahr, wie ich meine, mehr als verdient den Nobelpreis für Medizin. Richtig ist aber auch: Diese Therapieform steht noch recht am Anfang. Bei vielen Menschen wirken diese Präparate bislang nicht. Es gilt daher weiterzuforschen, vor allem auch an sogenannten Kombinationstherapien, die verschiedene Wirkstoffe nutzen. Wir müssen komplexe Krankheiten wie Krebs und die ihnen zugrunde liegenden Prozesse noch viel besser verstehen. Digitale Technologien sind dafür ein wichtiger Schlüssel.

Daten lassen sich heute besser auswerten

In der Forschung stehen uns heute so viele unterschiedliche Daten wie noch nie zuvor zur Verfügung: immer mehr wissenschaftliche Studien, klinische Aufnahmen, bis hin zu Genomdaten. Und diese Daten können wir nun viel besser auswerten als je zuvor.

Mit modernen Verfahren können wir die Prozesse in Zellen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven analysieren. So wollen wir beispielsweise besser verstehen, welche Faktoren das Wachstum von Krebszellen beeinflussen.

Stefan Oschmann ist Vorsitzender der Geschäftsleitung von Merck.
Stefan Oschmann ist Vorsitzender der Geschäftsleitung von Merck.Foto: promo

Gleichzeitig ermöglicht die digitale Bildanalyse, Muster in klinischen Aufnahmen zu erkennen, zum Beispiel in Gewebeproben aus Tumoren. Die Analyse solcher Proben ist nichts Neues. Aber digitale Technologien machen viel tiefergehende, effizientere und komplexere Auswertungen als bisher möglich.

All das ist wichtig, um neue Ansatzpunkte für Therapien zu finden.

Digitale Verfahren werden die Forschung deutlich voranbringen. Und sie können dazu beitragen, dass europäische Patienten auch künftig Zugang zu Innovationen erhalten. Denn die alternde Bevölkerung und das vermehrte Auftreten chronischer Erkrankungen werden in den kommenden Jahren für höhere Ausgaben in unseren Gesundheitssystemen sorgen.

Wir müssen das Gesundheitssystem erneuern

Wir müssen daher alles daransetzen, die Gesundheitssysteme grundlegend zu erneuern. Noch viel zu oft wird nach Aktivität bezahlt, also beispielsweise pro Injektion, Tablette oder Arztbesuch, und nicht nach Wirkung. Genau darum sollte es aus unserer Sicht jedoch gehen. Zukunftsfähige Gesundheitssysteme sollten ergebnisorientiert sein. Das hätte gleich mehrere Vorteile. Das Hauptaugenmerk läge dort, worauf es ankommt: auf Therapieergebnissen für Patienten. Außerdem könnten wir die enormen internationalen Unterschiede in den Behandlungsergebnissen verringern. Und wir könnten Ineffizienzen reduzieren.

Ergebnisorientierte Gesundheitssysteme funktionieren nur auf Basis aussagekräftiger Daten. Denn nur Therapieergebnisse, die messbar sind, können auch entsprechend vergütet werden. Dass dieser Ansatz funktioniert, das zeigen erste Projekte eindeutig. Jetzt müssen wir den Sprung zu flächendeckenden Konzepten schaffen.

Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Aber das sollte uns nicht davon abhalten, diesen Weg einzuschlagen. Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten Jahren ein gutes Stück vorankommen können, indem wir sukzessive weitere ergebnisorientierte Vergütungsmodelle etablieren.

Bei allem Fortschritt muss jedoch klar sein: Es gibt kaum sensiblere Daten als Gesundheitsdaten. Wir als Industrie müssen daher transparent sein, wie wir mit den Daten umgehen – und wie nicht. Zum Beispiel, dass uns in der Forschung zwar möglichst viele vergleichbare Gesundheitsdaten interessieren, aber nicht der konkrete Bezug zu einem Individuum dahinter.

Beim Datenschutz darf es keine Kompromisse geben

Für alle, die mit Gesundheitsdaten umgehen, muss gelten: Wir dürfen keine Kompromisse in Sachen Datenschutz und -sicherheit eingehen.

Den digitalen Wandel müssen wir partnerschaftlich anpacken. Für die europäische Pharmaindustrie bedeutet das vor allem, ihn im engen Dialog mit Patientenorganisationen zu gestalten. Denn um sie geht es. Wenn wir die Chancen der digitalen Revolution ergreifen, können wir es schaffen, dass Menschen in ganz Europa ein längeres Leben in guter gesundheitlicher Verfassung führen können. Und letzten Endes ist es das, worauf wir alle hinarbeiten!

Der Autor ist Vorsitzender der Geschäftsleitung von Merck und Präsident des Verbands der europäischen Pharmaindustrie EFPIA.

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