„Onboarding“ im Homeoffice : Wie Jobwechsel und Berufseinstieg in der Krise gelingen

Wer jetzt eine neue Stelle antritt, lernt die Kollegen oft nur per Videochat kennen. Einige Grundregeln können helfen, dass der Neuanfang besser klappt.

Eine Frau arbeitet mit Hörschutz an einem Schreibtisch mit Laptop und Desktop im Homeoffice.
Homeoffice.Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Vom Kindergeschrei aus dem Nebenzimmer bis zum unordentlichen Küchenregal im Bildhintergrund – dank Homeoffice und regelmäßiger Videokonferenzen erhalten viele Arbeitnehmer in diesen Tagen ungeahnte Eindrücke aus dem Privatleben ihrer Kollegen. Rund ein Viertel der Beschäftigten in Deutschland hat einer Studie der Universität Mannheim zufolge mit Beginn des Corona-Lockdowns Mitte März den Arbeitsplatz nach Hause verlegt – was erstaunlich gut funktioniere, wie es bei Konzernen genau so wie bei kleinen Betrieben heißt.

„Die meisten sind nachsichtig, wenn mal etwas nicht perfekt abläuft, alle sind sich trotz physischer Distanz ein Stückchen nähergekommen“, sagt Christian Lorenz von der Deutschen Gesellschaft für Personalführung mit Blick auf die Stimmung in vielen Firmen.

Eine besondere Herausforderung ist das Online-Arbeiten jedoch für alle, die in der Coronakrise ihren Job wechseln. Wer zum anstehenden Monatsbeginn in einem neuen Büro anfängt, wird die Kollegen bis auf Weiteres nicht persönlich kennenlernen können.

An einen gebührenden Einstand ist gar nicht zu denken. Das „Onboarding“ – die Einführung in den Betrieb – erfolgt telefonisch, per E-Mail oder im Videochat. Wie gestalten Firmen die Einarbeitung ihrer neuen Mitarbeiter in Zeiten der Kontaktsperren? Wie gehen Arbeitnehmer damit um? Und was lässt sich daraus lernen?

Ein Problem für Vorgesetzte

Razvan Oltean steckt gerade mitten drin in der schwierigen Anfangsphase. Vor drei Wochen hat er seinen Job als Programmierer bei einem Berliner Start-Up aus der Logistikbranche begonnen. Schon sein erster Tag war ungewöhnlich: In der Früh um 7.30 Uhr klingelte ein Paketbote an der Wohnungstür, um Laptop und Diensthandy zu liefern, erinnert sich Oltean.

„Dann ging’s gleich los.“ Als IT-Experte ist es für ihn kein Problem, seine Arbeit komplett via Internet zu erledigen. Trotzdem findet er es „seltsam, wirklich alles online zu machen“, wie er am Telefon sagt. „Der soziale Faktor fehlt.“

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Das ist nicht nur ein Problem für die Neuen in den Unternehmen, sondern auch für deren Vorgesetzte. „Normalerweise lernt man in den ersten Tagen im neuen Job viel nebenbei, man läuft durch die Abteilungen, lernt Kollegen in der Kantine kennen. Das fällt jetzt alles weg“, sagt Personal-Experte Lorenz.

In der aktuellen Situation seien deshalb die Führungskräfte mehr gefordert als sonst: „Sie müssen sich intensiver um die Neuen kümmern und auch mehr Zeit fürs Onboarding investieren als sie es sonst tun würden. Das erfordert zusätzliche Planung und ist natürlich eine Mehrbelastung für die Führungskräfte.“

Denn auch viele Abteilungs- oder Firmenleiter befinden sich derzeit im Homeoffice, müssen ebenfalls Kinderbetreuung und Job unter einen Hut bringen. Als Folge finde in manchen Betrieben derzeit nur eine Art „Schmalspur-Onboarding“ statt, wie Lorenz sagt.

„Nicht zögern, das Wort zu ergreifen“

Um das auszugleichen, sollten neue Mitarbeiter von Anfang an offen auf die Kollegen zugehen, empfiehlt die Berufsberaterin Ines Dietrich, die eine Firma für Jobcoaching und Personalentwicklung betreibt. „Man sollte die Dinge, die einen beschäftigen, offen thematisieren: Wie man den neuen Arbeitsplatz gestalten möchte, wie man sich einbringen möchte. Aber auch, was man von dem neuen Team braucht und erwartet.“

Die Erfahrung hat auch der Programmierer Oltean gemacht. „Man sollte nicht zögern, das Wort zu ergreifen und sich bemerkbar zu machen“, sagt er. „Das ist aber in einer Videokonferenz natürlich schwerer, als wenn alle im gleichen Raum sind.“

Dietrich sieht zugleich Vorteile, wenn der erste Arbeitstag im Homeoffice stattfindet. Dort seien viele wesentlich entspannter als im Büro, was die Situation erleichtere. „Man befindet sich in der eigenen Komfortzone, das hilft.“

Über die Vorzüge des Homeoffice diskutiert in der Coronakrise auch die Politik. Bis zum Herbst will Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ein Gesetz vorlegen, das ein „Recht auf Homeoffice“ garantiert. Die Arbeitgeberverbände sind bislang dagegen, halten die Idee für einen „Ladenhüter“, wie der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Steffen Kampeter, sagt.

FDP und Grüne fordern schon länger ein solches Gesetz. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi verweist darauf, dass auch zu Hause die üblichen Regeln des Arbeitsschutzes wie die Achtung der Dienstzeiten gelten müssten.

Der Sozialdemokrat Hubertus Heil ist seit März 2018 Bundesminister für Arbeit und Soziales.
Der Sozialdemokrat Hubertus Heil ist seit März 2018 Bundesminister für Arbeit und Soziales.Foto: dpa/Kay Nietfeld

Den Start-Up-Unternehmer Jonas Spengler muss vom Konzept des mobilen Arbeitens niemand überzeugen. Seine 2010 gegründete Firma Komoot, die eine Navigations-App für Outdoor-Fans vertreibt, hat vor drei Jahren komplett auf „remote“ umgestellt – auf das Arbeiten aus der Ferne. 65 Festangestellte aus verschiedenen europäischen Ländern sind für die Firma tätig, dazu mehrere Dutzend Freiberufler – alle von zu Hause aus, ohne persönlichen Kontakt wie man ihn aus herkömmlichen Büros kennt.

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Damit das funktioniere, gebe es eine Grundregel, sagt Spengler: „Überkommunizieren“. Man müsse als Vorgesetzter stets ansprechbar bleiben und alles versuchen, um den Mitarbeitern die Hemmungen zu nehmen, sich bei Problemen zu melden. „Es ist wichtig, dass man aktiv daran arbeitet, eine persönliche Ebene im Team zu schaffen. Es müssen alle gleichberechtigt sein, keiner darf sich vergessen fühlen.“

Die digitale Willkommenskultur

Komoot verwendet etwa eine Software, die per Losverfahren einmal die Woche zwei Mitarbeiter zusammenbringt, damit die sich auch einmal jenseits des Alltagsgeschäfts unterhalten können – per Videochat. Das Angebot werde von den Mitarbeiten gut angenommen, sagt Spengler.

„Das hat natürlich erst einmal nichts Produktives, verbessert aber das Klima in der Firma.“ Für neue Angestellte gebe es ein „Buddy-System“: Beim „Onboarding“ bekomme jeder neue Mitarbeiter eine erfahrene Ansprechperson zugeteilt, die beim Ankommen in der Firma helfen soll.

Inzwischen hat das Konzept auch bei Großkonzernen wie der Deutschen Bahn Einzug erhalten – und ist mit der Corona-Pandemie noch wichtiger geworden. „Weil es keine persönliche Kennenlernphase gibt, müssen sich unsere Führungsleute jetzt intensiver um die neuen Mitarbeiter kümmern“, sagt Recruiter Kevin Fröde. „Unsere digitale Willkommenskultur reicht von frühen virtuellen Teamtreffen über virtuelle Neueinsteiger-Runden mit dem Vorstand oder der Bereichsleitung bis hin zum individuellen Patenprogramm.“

Das alles mag das Fehlen persönlicher Kontakte im Büro ein Stück weit ausgleichen. Die letzte Nervosität vor dem Jobwechsel dürfte es vielen Arbeitnehmern wohl nicht nehmen. Berufsberaterin Dietrich empfiehlt ihren Klienten deshalb, sich intensiv auf die neue Stelle vorzubereiten – etwa, indem man genau recherchiert, wer die neuen Kollegen sind. Gerade in Homeoffice-Zeiten sollte außerdem das eigene Familienleben, die „privaten Rahmenbedingungen“, nicht vernachlässigt werden.

Und ob Homeoffice oder nicht: Jeder Arbeitnehmer sollte vor dem Jobwechsel noch einmal in sich gehen, sich die eigenen Fähigkeiten, Motivationen und Sorgen bewusst machen, rät Dietrich. „Wer sich darüber im Klaren ist, kann besser mit der neuen Situation umgehen.“

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