Politik im Pub : Betreiber der britischen Pubkette Wetherspoon wirbt offensiv für No-Deal-Brexit

Tim Martin tritt offensiv für den EU-Austritt Großbritanniens ein. Brexit-Gegner boykottieren seine Pubs dennoch nicht. Die Preise dort sind unschlagbar.

Jessica Batman
An den Zapfhähnen: Großbritanniens Premierminister Boris Johnson und Pubbetreiber Tim Martin.
An den Zapfhähnen: Großbritanniens Premierminister Boris Johnson und Pubbetreiber Tim Martin.Foto: imago images / i Images

Der britische Pub ist eine der Ikonen Großbritanniens – jeder volljährige Besucher des Landes hat wahrscheinlich schon mal einen „Pint“ in einem Pub getrunken. Zu den berühmtesten gehören die von J. D. Wetherspoon, auch bekannt als Wetherspoon’s oder manchmal auch nur als Spoons. Die Pubkette besitzt etwa 900 Kneipen im Vereinigten Königreich – darunter auch Großbritanniens größten Pub, der in einem ehemaligen Kasino in Ramsgate untergebracht ist – und zahlt ein Tausendstel aller im Land gezahlten Steuern. Die Pubkette ist bei Briten jeden Alters für seine preiswerten Getränke und Speisen bekannt. Doch in jüngster Zeit wurde sie für etwas ganz anderes bekannt: den Brexit.

Wetherspoon-Gründer Tim Martin, der seinen ersten Pub 1979 in Nordlondon eröffnete, ist einer der prominentesten Unterstützer eines No-Deal-Brexits. 2016 förderte er mit 200 000 Pfund den Wahlkampf der Brexit-Befürworter. Seitdem hat er im Zusammenhang mit dem Brexit 350 Medieninterviews gegeben. Auch traf er eine für britische Unternehmen bisher ungewöhnliche Entscheidung: Er brachte den Wahlkampf in seine Pubs. Er ließ ProBrexit-Bierdeckel drucken und verbreitete in allen Kneipen Ausgaben seines Wetherspoon's News-Magazins, in dem er seine Ansichten zum Thema Brexit kundtat.

Vor einigen Monaten, als die frühere Premierministerin Theresa May gerade versuchte, ihr EU-Austrittsabkommen durch das Parlament zu bringen, zog Martin mit einer „Freihandelstour“ durch seine Pubs und erklärte Kneipengängern, warum Großbritannien seiner Meinung nach die EU ohne Abkommen verlassen sollte. Es ist eine riskante Strategie für jedes Unternehmen, sich so offen in die Politik einzumischen, besonders, wenn es um ein Thema geht, das weniger als ein Drittel der Öffentlichkeit unterstützt. Trotzdem sind große Boykott-Aktionen bis jetzt ausgeblieben. Links gesinnte Studenten und junge Menschen zählen weiterhin zu Wetherspoon’s Stammkundschaft. Warum?

Der offensichtlichste Teil der Attraktivität der Pubkette sind die niedrigen Preise. Ein Pint Bier, was etwas mehr als einem halben Liter entspricht, kostet in einigen Pubs gerade mal zwei Pfund, einfache Mahlzeiten selten mehr als sechs Pfund. Wetherspoon’s bedient außerdem einen großen Querschnitt der Gesellschaft – von alten Männern mit Schirmmütze und Studenten, die knapp bei Kasse sind, bis hin zu jungen Familien, die von der kinderfreundlichen Abendkarte angezogen werden. „Dort ist es günstig. Es gibt immer einen in der Nähe und du weißt, was du bekommst“, sagt Brad Gray, ein 21-jähriger Reporter und selbst erklärter Wetherspoon’s-Fan aus Essex.

Tim Martin erhält Alkohol im Großhandel zu günstigerem Preis

Das Unternehmen ist auch für seine ungewöhnliche Auswahl an Gebäuden bekannt: Stillgelegte Kinos, Kirchen und Banken wurden alle in Pubs umgewandelt, die den örtlichen Gegebenheiten entsprechend dekoriert sind. Denn die meisten Pubs im Vereinigten Königreich sind an Vereinbarungen mit den Brauereien gebunden, die den Preis für den Alkohol festlegen. Indem Martin jedoch leer stehende Gebäude umbaut anstatt bestehende Pubs aufzukaufen, kann er solche Vereinbarungen umgehen und den Alkohol im Großhandel zu einem günstigeren Preis einkaufen.

Die ungewöhnlichen Treffpunkte haben Wetherspoon’s eine Fangemeinde beschert, wobei einige engagierte Kneipengänger wie Gray es sich zur Aufgabe gemacht haben, jedem einzelnen Pub einen Besuch abzustatten. „Ich finde die Gebäude einfach interessant“, sagt er. „Immer, wenn ich in eine neue Stadt komme, trinke ich in jedem Wetherspoon’s ein Bier. Bisher war ich in 75 Pubs.“

Im Jahr 2002 begann Martin dann, seine Politik in die Pubs zu bringen. Damals ließ er 500 000 Bierdeckel drucken, auf denen er gegen den Eintritt des Vereinigten Königreichs in die Eurozone warb. Doch erst im Jahr 2016 wurde er zum berühmten Brexit-Befürworter und auch nach dem Referendum machte Martin weiter. Martin war ein lautstarker Kritiker von Mays EU-Austrittsabkommen und trat regelmäßig in TV-Sendungen zur Hauptsendezeit auf, wie beispielsweise in der „Question Time“ der BBC, in denen er den Brexit ohne Abkommen forderte. Er versprach außerdem, die Preise für seine Getränke zu senken, sollte der No-Deal-Brexit eintreten und behauptete dabei, dass das Vereinigte Königreich eine zollfreie Enklave „wie Singapur oder Hongkong“ werden könnte.

Dabei behauptet der 63-Jährige, kein Einwanderungsgegner zu sein – in seinem „Wetherspoon Manifesto“ fordert er Großbritannien auf, legalen Einwanderern aus der EU „unilateral und sofort“ Bürgerrechte zu gewähren. Er sagt, seine politische Position gingen auf seinen Glauben an die Demokratie zurück und dass er die EU als undemokratische Institution betrachte. Martin ist auch ein Fan des Populismus und schreibt in einer Ausgabe der Wetherspoon News: „Es ist für große Egoisten schmerzhaft zu akzeptieren, aber die Öffentlichkeit weiß es noch immer am besten.“

Pubkette konnte ihren Umsatz 2019 sogar erhöhen

Widerstand erfährt Martin kaum. Einige seiner Mitarbeiter gründeten vor einigen Monaten die Gruppe „Spoons Workers Against Brexit“ und starteten eine Petition, die „Brexit Propaganda“ aus den Pubs zu verbannen. Allerdings scheint Martins aggressives Werben für den Brexit die Gegner des EU-Austritts bisher noch nicht davon abzuhalten, bei Wetherspoon’s einzukehren. „Manchmal, wenn ich viele Flugblätter auf den Tischen gesehen habe, habe ich sie heimlich wegpackt“, sagt Gray, der klarer Brexit-Gegner ist. „Aber ich kenne niemanden, der Wetherspoon’s wirklich boykottiert hat, was seltsam ist, weil ich viele politisch interessierte Freunde habe, die das bei anderen Unternehmen gemacht haben.“

Ein Sprecher von Wetherspoon’s teilte auf Anfrage mit, das Unternehmen habe „sehr wenige“ Beschwerden von Kunden über Martins Positionierung erhalten. Sie fügten außerdem hinzu: „Wetherspoon’s Vorsitzender und Gründer Tim Martin glaubt, dass der Brexit für das Land das Beste sei und legt diesen Standpunkt in Form von Postern, Bierdeckeln und Zeitschriftenartikeln in den Pubs dar. Einige Menschen sind damit einverstanden, einige nicht. Er würde argumentieren, dass Debatten eine gute Sache sind, und der beste Ort für Debatten ist der Pub.“

Im September 2019 gab das Unternehmen bekannt, dass der Bruttogewinn aufgrund von Lohnerhöhungen beim Personal um 4,5 Prozent auf 102,5 Millionen Pfund gefallen sei. Gleichzeitig jedoch habe sich der Umsatz um 7,4 Prozent auf 1,8 Milliarden Pfund erhöht. Eine beachtliche Leistung in einem Sektor, der seit vielen Jahren unter Druck steht – mehr als 25 Prozent der britischen Pubs mussten seit 2001 schließen. „Ich denke, dass Wetherspoon’s einfach sehr tief in unserer Kultur verankert ist“, sagt Gray. „Egal wo du bist, du weißt, es ist immer einer in der Nähe.“

Aus dem Englischen übersetzt von Louisa Schmökel.

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