zum Hauptinhalt
Selbst ist die Frau: Reparaturanleitungen gibt es im Internet oder vor Ort in Repair-Cafés.

© Jochen Tack/Mauritius

Tagesspiegel Plus

Recht auf Reparatur: So soll die neue Garantie funktionieren

Toaster, Mixer oder Handys landen im Müll, weil sich Reparaturen nicht lohnen. Die Regierung will das ändern. Alternativen gibt es aber schon jetzt.

Der gute Wille ist da, aber es geht einfach nicht: Die elektrische Zahnbürste ist mausetot, wahrscheinlich liegt es am Akku, doch das Gehäuse lässt sich nicht aufschrauben. Also weg damit und eine neue kaufen.

Beim Smartphone sieht es nicht viel besser aus. Der Akku ist fest verbaut, die Rückseite des Handys ist verklebt, man kommt einfach nicht heran. Das schützt den Akku zwar vor Wasserschäden, macht Laien einen Wechsel aber praktisch unmöglich. Bei Samsung-Handys kann man aber wenigstens das kaputte Display selber wechseln. iPhone-User können von solchen Möglichkeiten derzeit nur träumen. Bislang können Privatleute nämlich keine Original-Ersatzteile kaufen, und wer versucht, das Display seines alten iPhones auf ein anderes zu montieren, muss damit rechnen, dass die Gesichtserkennung nicht mehr funktioniert. Das liegt an der Software. Doch es gibt Hoffnung: Zumindest ein bisschen Selbstreparatur will Apple in diesem Jahr ermöglichen.

Woran Verbraucher scheitern

.Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. So läuft etwa das neue „Windows 11“ von Microsoft – anders als die Vorgängerversion des Betriebssystems – selbst nicht auf Computern, die erst drei oder vier Jahre alt sind. Die Stiftung Warentest versuchte bei 13 Smartphones und Tablets vergeblich, Akkus und Displays zu wechseln (rühmliche Ausnahme: das Fairphone 3). Auch ein Test von Handy-Reparaturdiensten fiel leider wenig vertrauenserweckend aus, berichtet die Stiftung. Die meisten Rechnungen waren so hoch, dass man billiger und besser damit gefahren wäre, sich das Gerät als gebrauchtes noch mal zu kaufen, statt es reparieren zu lassen.

Für den Thermomix von Vorwerk gibt es Reparaturpauschalen von 99 oder 199 Euro, je nachdem ob Elektronik und Gehäuse betroffen sind oder nicht. Auch Minifehler können so schnell ins Geld gehen. Keine oder überteuerte Ersatzteile, horrende Reparaturkosten oder Softwaresperren: kein Wunder, dass viele Geräte im Müll landen oder – wie die 200 Millionen ausrangierten Smartphones – in der Schublade.

Reparieren statt wegwerfen

Umweltministerin Steffi Lemke will mit dem Wegwerfwahnsinn aufräumen und aus ökologischen wie sozialen Gründen dafür sorgen, dass mehr Geräte als heute repariert werden. „Wenn Sie ein Produkt nicht neu kaufen müssen, sondern länger nutzen oder zu vertretbaren Preisen reparieren können, ist das auch ein sozialer Aspekt“, sagte die Grünen-Politikerin unlängst im Tagesspiegel-Interview.

Eine elektrische Zahnbürste ist kein Wegwerfprodukt.

Steffi Lemke, Umwelt- und Verbraucherministerin

„Warum sind die Akkus von vielen elektrischen Zahnbürsten nicht austauschbar?“, ärgert sich die Ministerin, die im Kabinett auch für Verbraucherschutz zuständig ist. „Eine elektrische Zahnbürste sollte kein Wegwerfprodukt sein. Wir brauchen eine gesetzliche Vorschrift, dass für solche Produkte der Akku austauschbar sein muss.“

Was im Koalitionsvertrag steht

Im Koalitionsvertrag haben SPD, FDP und Grüne ein „Recht auf Reparatur“ verankert. Danach sollen Hersteller verpflichtet werden, Anleitungen zum Selbstreparieren zu geben und Ersatzteile länger vorrätig zu halten. Klaus Müller, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, fordert die Regierung auf, das Projekt bis Mitte März auf den Weg zu bringen.

Doch ob das gelingen kann, ist fraglich. Hinter dem „Right to Repair“ steht nämlich nicht nur ein einziges Gesetz, sondern ein Bündel von Maßnahmen, betont ein Sprecher des Umweltministeriums. Hinzu kommt, dass EU- und nationales Recht ineinandergreifen. Lemke will beide Bühne bespielen.

Dass Verbraucher sie darin unterstützen, zeigt das Beispiel Thüringen. Dort hatte das Land im vergangenen Jahr einen Reparaturbonus von bis zu 100 Euro pro Person und Jahr gezahlt, falls Landeskinder ein kaputtes Haushaltselektrogerät reparieren lassen, statt es zu entsorgen. Das Interesse war groß, der Etat war in kürzester Zeit aufgebraucht.

So ist die Rechtslage derzeit

Derzeit sieht es so aus: Kunden können im Rahmen des Gewährleistungsrechts eine Reparatur verlangen, wenn sie ein Produkt gekauft haben, das sich als mangelhaft erweist. Wenn das Fernsehbild wackelt oder der Toaster nur schwarze Brotscheiben ausspuckt, können Sie entweder darauf bestehen, dass das Gerät repariert wird oder Sie ein neues, funktionierendes bekommen. Der Anspruch richtet sich gegen den Verkäufer, nicht gegen den Hersteller.

Das Problem: Der Mangel muss schon beim Kauf vorgelegen haben, allerdings wird das im ersten Jahr gesetzlich vermutet. Und nach zwei Jahren erlischt die Gewährleistung komplett. Dann kommt nur noch eine mögliche Garantie des Herstellers zum Tragen. Da diese eine freiwillige Leistung ist, können die Anbieter diese jedoch nach Gutdünken an Bedingungen knüpfen oder bestimmte Bereiche ausschließen, betont David Overmeyer von der Verbraucherzentrale Berlin.

Waschmaschine kaputt? Die Hersteller müssen Ersatzteile vorrätig halten.

© Christin Klose/dpa

Auf EU-Ebene schreibt die Ökodesign-Richtlinie seit März vergangenen Jahres vor, dass Hersteller von großen Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen, Spülmaschinen oder Kühlschränken bestimmte Ersatzteile mindestens fünf Jahre lang vorhalten müssen und dass die Geräte so gebaut sein müssen, dass man sie auch mit herkömmlichem Werkzeugen reparieren kann. Zudem müssen die Hersteller Reparaturinformationen zur Verfügung stellen.

Was die Politik plant

Die Ökodesign-Richtlinie gilt nicht für Smartphones, Tablets oder Computer. Auch Textilien, Möbel oder Fahrräder sind nicht erfasst.

Die EU-Kommission will nun im Rahmen der „Sustainable Products Initiative“ (SPI) nachbessern. Eigentlich sollte diese längst vorliegen, nun heißt es in Brüssel, die SPI komme bis Ende März. Ihr Inhalt: Die Ökodesign-Richtlinie soll erweitert werden, zudem soll es einen Produktpass geben. In dem sollen nicht nur die verwendeten Materialien erfasst werden, sondern auch Informationen zu Reparierbarkeit, Ersatzteilen oder fachgerechter Entsorgung. Das deutsche Umwelt- und Verbraucherministerium arbeitet an einem Prototyp, der als Vorbild für andere EU-Staaten dienen soll. Frankreich hat jedoch bereits einen eigenen Reparatur-Index auf die Beine gestellt.

Hersteller sollen die Lebensdauer garantieren

Auf EU-Ebene setzt sich Lemke zudem dafür ein, dass Hersteller von langlebigen Produkten künftig eine Angabe über deren Lebensdauer machen müssen. „Sollte innerhalb dieser angezeigten Lebensdauer ein Mangel auftreten, so tritt ein Garantiefall ein und das Produkt muss repariert werden“, sagte ein Ministeriumssprecher dem Tagesspiegel. Die Hersteller könnten allerdings auch null Jahre angeben, wenn sie keine Garantie übernehmen wollen.

Umwelt- und Verbraucherministerin Steffi Lemke will Hersteller stärker in die Haftung nehmen.

© Kay Nietfeld/dpa

Für die Verbraucher hätte eine solche Garantie Vorteile. „Eine solche sogenannte Herstellergarantieaussagepflicht würde zusätzlich zu den gesetzlichen Gewährleistungsansprüchen gegenüber dem Verkäufer stehen, den Wettbewerb um langlebige Produkte befeuern und ein weiteres Instrument darstellen, die Rechte der Verbraucherinnen und Verbraucher auf Information und Reparatur zu stärken“, heißt es im Ministerium.

Zudem werde geprüft, ob man die Gewährleistung für langlebige Güter über die heute geltenden zwei Jahre hinaus verlängert.

Was gilt eigentlich für Autos?

Autos sind teuer und gehören allein deshalb zu den Gütern, die schon immer repariert worden sind. Damit das möglich ist, gibt es einige Regeln: Die Autohersteller müssen Ersatzteile wenigstens zwölf Jahre lang anbieten (gerechnet ab Auslieferung des letzten Fahrzeugs einer Modellreihe) und die Teile müssen erschwinglich sein.

Hatten die Produzenten ihre Garantien früher an die Bedingung geknüpft, dass Kunden stets in die Vertragswerkstatt müssen, gilt das heute nicht mehr, betont Katja Legner vom ADAC. Reparaturen und Inspektionen dürfen seit 2002 nach EU-Recht auch von freien Werkstätten durchgeführt werden, ohne dass man den Garantieanspruch gefährdet. Allerdings müssen sich die Reparateure dort an die Vorgaben im Serviceheft halten.

Diese Regeln gelten jedoch nur in Zusammenhang mit Neuwagen, bei Gebrauchtwagengarantien ist eine Vertragswerkstattbindung dagegen möglich, warnt der ADAC.

Zalando bietet einen Reparaturservice

Zalando bietet seit einigen Monaten in Berlin und Düsseldorf in Kooperation mit einem Londoner Start-up einen „Care & Repair“-Service an. Die Kunden werden mit Schneidereien, Schustern oder Reinigungsbetrieben vor Ort vernetzt. Die Kleidung wird zu Hause abgeholt, das Angebot gilt auch für Textilien, die man nicht bei Zalando gekauft hat. Was der Service kostet, legen die Betriebe fest. Von Kunden gebe es ein „positives Feedback“, berichtet ein Zalando-Sprecher.

iPhone selbst reparieren?

Auch Apple bewegt sich, nicht ganz freiwillig. In einigen US-Bundesstaaten gibt es Bestrebungen, ein Recht auf Reparatur einzuführen. Nun hat der Konzern reagiert und ein Programm zur Self-Service-Reparatur angekündigt. Das startet in den USA und soll im Laufe des Jahres auch nach Deutschland kommen.

Ärgerlich: Bei einigen Handys kann man das Display selbst erneuern, bei iPhones geht das derzeit noch nicht.

© Kyalsin/Panthermedia/Imago

Für die iPhones 12 und 13, später auch für Mac-Computer mit M1-Chip soll man im Online-Store auch als Privater Ersatzteile kaufen können – für Displays, Batterien und die Handykamera. Auch eine Reparaturanleitung wird zur Verfügung gestellt.

„Die Self-Service-Reparatur richtet sich an technikversierte Personen, die über das Wissen und die Erfahrung zur Reparatur von elektronischen Geräten verfügen“, betont Apple und warnt zugleich: „Für die überwiegende Mehrheit der Kund:innen ist der Besuch eines professionellen Dienstleisters mit zertifizierten Techniker:innen, die Apple-Originalteile verwenden, der sicherste und zuverlässigste Weg, um eine Reparatur durchzuführen“.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false