Schlechte Konjunktur, guter Arbeitsmarkt : Wie es der deutschen Wirtschaft wirklich geht

Die Aufträge im Maschinenbau gehen zurück. Auch Autobauer und Chemiekonzerne schwächeln. Eine Bestandsaufnahme.

Im Maschinenbau läuft es nicht mehr rund.
Im Maschinenbau läuft es nicht mehr rund.Foto: dpa

Rainer Hunsdörfer hat derzeit keinen leichten Job. Sein Unternehmen verkauft Druckmaschinen. Er ist damit einer der ersten, der es merkt, wenn die deutsche Wirtschaft schwächelt. Der Grund: Seine Maschinen sind enorm teuer. Haben Firmen auch nur die Sorge, es könnte konjunkturell bergab gehen, halten sie sich mit dem Kauf von Maschinen zurück. Und genau das tun sie derzeit.

Um neun Prozent sind die Aufträge der deutschen Maschinenbauer insgesamt im ersten Quartal zurückgegangen, wie die jüngsten Zahlen von Montag zeigten. Hunsdörfer spürt das in seinem Unternehmen, der Heidelberger Druckmaschinen AG, deutlich. Auf der Hauptversammlung kürzlich sagte er: „Wir erleben gerade eine handfeste Branchenrezession.“ Und schon ist es da, das R-Wort: Rezession. Zeit für eine Einordnung, wie es der deutschen Wirtschaft wirklich geht.

Welche Branchen tun sich schwer?

Bislang ist es vor allem die Industrie, die schwächelt. Neben den Maschinenbauern zählen zu ihr auch die Autohersteller und die Chemieproduzenten. Alle drei gelten als Schlüsselbranchen: Sie prägen also die Wirtschaft im Land. Und alle drei melden besorgniserregende Zahlen. So können die Autobauer zum Beispiel in allen wichtigen Weltregionen immer weniger Wagen verkaufen, ob in Europa, Amerika oder Asien. Dabei sind sie wie die deutsche Wirtschaft überhaupt stark vom Export abhängig.

Was in den Boomzeiten ein Vorteil war, wird nun zum Problem. Denn in der Außenwirtschaft gibt es gleich mehrere Baustellen. Da ist der Handelsstreit: Sowohl die Europäer als auch die Chinesen streiten mit US-Präsident Donald Trump über die Zusammenarbeit und leiden darunter, dass er immer neue Strafzölle verkündet. Und als wenn das noch nicht genug wäre, steht die Autobranche auch noch vor einer riesigen Transformation. Sie muss den Wandel weg vom Verbrennungsmotor hin zu Elektromobilität oder Wasserstoffantrieb managen. Das aber kostet. Allein der Autobauer Daimler hat aufgrund dieser Gemengelage in diesem Jahr schon drei Gewinnwarnungen herausgeben.

Die Autobranche aber ist in Deutschland so wichtig, dass ihre Krise schnell andere ansteckt. Neben den Maschinenbauern trifft das die Chemieindustrie. Ein Beispiel ist der Hersteller von Schmierstoffen Fuchs Petrolub. Das Unternehmen liefert der Autoindustrie Öle für Motoren, Getriebe und Stoßdämpfer – und spürt die sinkende Nachfrage. Das Unternehmen musste deshalb ebenfalls bereits eine Gewinnwarnung rausgeben. Und es geht nicht davon aus, dass sich die Lage in diesem Jahr noch bessert: „Aus heutiger Sicht ist die erwartete Belebung der Weltwirtschaft, insbesondere aber der Automobilindustrie, in der zweiten Jahreshälfte nicht absehbar.“

Welche Folgen hat das?

Die meisten Deutschen spüren in ihrem Alltag bislang wenig von dieser Entwicklung. Das hat auch damit zu tun, dass es anderen Branchen weiterhin sehr gut geht. Der Immobiliensektor etwa boomt. Davon wiederum profitieren die Handwerker, die so viele Aufträge haben, dass ihre Kunden zum Teil lange warten müssen, bis sie an der Reihe sind.

Doch das Bild wandelt sich langsam. Das zeigt etwa die Entwicklung im Handel, dem es ebenfalls lange gut ging. Doch nun ist das Konsumklima bereits den dritten Monat in Folge gesunken. Die Deutschen stellen Anschaffungen zurück, die sie nicht dringend brauchen. Damit reagieren Verbraucher auf die Nachrichten, dass sich die Konjunktur eintrübt. Denn Wirtschaftsentwicklung hat viel mit Psychologie zu tun. Allein die Angst, die Wirtschaft könne schwächeln, kann dazu führen, dass sie es am Ende tatsächlich tut.

Wie sieht es am Arbeitsmarkt aus?

Noch machen sich die schwachen Zahlen aus der Industrie nicht am Arbeitsmarkt bemerkbar. Gerade erst meldete die Bundesagentur für Arbeit den niedrigsten Wert bei der Arbeitslosigkeit, den sie seit der Wiedervereinigung in einem Juli gemessen hat.

Dazu muss man allerdings wissen, dass der Arbeitsmarkt verzögert auf schlechte Konjunkturdaten reagiert. Der Grund: Firmen zögern Entlassungen heraus. Denn nimmt die Wirtschaft doch wieder Schwung auf, fehlen ihnen die Arbeitskräfte und es dauert, bis sie neue gefunden und eingestellt haben.

Deshalb setzen viele Unternehmen zunächst auf andere Instrumente. Derzeit bauen in der Industrie zum Beispiel viele ihre Arbeitszeitkonten ab: Angestellte, die Überstunden angehäuft haben, werden gebeten, diese zu nehmen. Auch haben einige Firmen bereits Kurzarbeit beantragt. Dabei reduzieren sie die Arbeitszeit der Angestellten – die bekommen dafür einen Teil des entgangenen Lohns vom Staat.

Gleichzeitig muss man aber auch sagen: Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Fälle der Kurzarbeit zwar verdoppelt – im Vergleich zur Finanzkrise ist das aber noch wenig. Während damals in Deutschland jeder 20. Arbeitnehmer von Kurzarbeit betroffen war, ist es bislang nur jeder Tausendste.

Wie geht es weiter?

Wenn Ökonomen wissen wollen, was die Zukunft bringt, blicken sie gerne auf den Ifo-Index. Um den zu berechnen, befragen die Forscher jeden Monat 9000 Unternehmen aus Industrie, Dienstleistungssektor, Bau und Handel. Sie bitten sie, sowohl ihre aktuelle Lage beschreiben als auch ihre Erwartungen für die Zukunft. Aus den Antworten errechnen die Ökonomen dann eine Zahl, den Ifo-Index. Der ist zuletzt vier Mal in Folge gefallen und steht damit nun so niedrig wie seit sechs Jahren nicht mehr. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt bei der VP Bank, sagt daher: „Der Ifo-Index stimmt die deutsche Wirtschaft auf eine Rezession ein.“ Und da ist es wieder, das R-Wort.

Von der Rezession sprechen Ökonomen immer dann, wenn die Wirtschaft mindestens zwei Quartale hintereinander schrumpft. Bislang ist Deutschland daran noch vorbeigeschrammt. Doch Ökonomen sind sich unsicher, ob das auch so bleibt. Das Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) etwa rechnet für das zweite Quartal nur noch mit einer Stagnation, für das dritte Quartal sogar mit einem rückläufigen Wachstum. Inzwischen könne man nicht mehr von einer Konjunkturdelle reden, meinen die Volkswirte der Banken. Die deutsche Wirtschaft durchlebe eine „anhaltende Schwächephase“.

Wie reagieren die Börsen?

Die Aktienmärkte handeln die Zukunft. Und die sehen Händler und Anleger derzeit alles andere als rosig. Es ist ein Sammelsurium von schlechten Nachrichten, das die Aktienkurse und den Deutschen Aktienindex Dax auf Talfahrt schickt. Reihenweise kappen Unternehmen ihre Prognosen genauso wie Branchenverbände. Über allem aber schwebt die Unberechenbarkeit des derzeitigen US-Präsidenten und seiner täglichen Tweets.

Unsicherheit aber ist Gift für die Finanzmärkte. Untermauert wird sie durch die Zentralbanken: Die US-Notenbank Fed hat zum ersten Mal seit der Finanzkrise die Zinsen gesenkt, die Europäische Zentralbank hat weitere Lockerungen angedeutet. Der Deutsche Aktienindex Dax gab am Montag kräftig nach und fiel auf den niedrigsten Stand seit Anfang Juni.

Was tun Großanleger?

Pensionskassen, Versicherungen und Fonds werden vorsichtiger. Das zeigt sich vor allem an den weiter schrumpfenden Renditen für Staatsanleihen. Sie deutet auf eine deutlich steigende Nachfrage. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen rutschte am Montag auf ein neues Rekordtief von minus 0,52 Prozent. Am Freitag war sogar die Rendite 30-jähriger Bundesanleihen erstmals überhaupt knapp unter die Null-Linie gefallen. Diese Entwicklung bestätigt eine neue Umfrage der US-Großbank Bank of America Merrill Lynch. Danach setzen Großanleger verstärkt auf Anleihen und Cash, halten Geld auf laufenden Konten.

Anderen Experten zufolge verschieben Investoren schon seit Wochen Anlagegelder in sichere Häfen. In der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank wurde die Aktienquote dem Vernehmen nach von 50 auf 40 Prozent reduziert, andere Fondsmanager erhöhen den Anteil ihrer Barreserven deutlich – von durchschnittlich fünf auf teilweise 15 Prozent. Dabei nehmen Investoren sogar Verluste in Kauf. Wer etwa derzeit auf Bundesanleihen setzt, legt wegen der Minus-Rendite drauf. Statt Zinsen zu kassieren, muss er Zinsen zahlen. Zur Freude des Finanzministers.

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