Selbstständig in der Krise : Aus der Not kann ein Neuanfang werden

Unsere freischaffende Autorin hat in der Krise Existenzängste. Doch nach dem ersten Schock setzt sie um, was sie immer aufgeschoben hat. Eine Kolumne

Ein leeres Theater in Berlin.
Ein leeres Theater in Berlin.Tsp/Kai-Uwe Heinrich

In dieser Krise begleiten mich zwei Zeilen von Friedrich Hölderlin: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, heißt es in seiner Hymne „Patmos“. Noch nie wurde mein Leben in so kurzer Zeit auf den Kopf gestellt. Das macht sich vor allem im Beruflichen bemerkbar.

Wie bei den meisten meiner freischaffenden Kolleginnen und Kollegen sind auch bei mir über Nacht so gut wie alle Einnahmen weggebrochen; Lesungen, Moderationen und Vorträge − alles mit Publikum − wurden abgesagt. Keine Absicherung, kein doppelter Boden, kein Netz. Stattdessen Ohnmacht und Existenzangst.

Eine kleine Bäckerei in meinem Kiez schien meine Rettung zu sein. Sie suchte dringend Verkaufspersonal. Ein Freund, dem ich davon erzählte, sagte: „Bist du irre, Leuten, die nicht mit Journalismus Geld verdienen können, die Arbeit wegzunehmen? Streng mal deinen Grips an und überlege dir, was du mit deinen Talenten machen kannst.“

Meine Aufschieberitis, an der ich schon mein ganzes Leben leide, war plötzlich verflogen. Ich schrieb eine Liste mit Dingen, die ich schon immer ausprobieren wollte.

Innere Demokratie

Im zweiten Schritt strich ich alle Punkte, die meine Talente nicht hergeben. Zum Beispiel Online-Klavierkonzerte geben oder vom Balkon singen. Ich besann mich auf das, was der Psychologe Julius Kuhl in einer solchen Lebenssituation empfiehlt: „Die Kraft, die aus dem Selbst kommt, entsteht aus einer Art innerer Demokratie, man hat sich mit seinem ganzen Selbst für etwas entschieden. Diese Kraft ist deshalb eine Ressource, die über weite Strecken trägt.“

Innerhalb eines Tages brachte ich mir bei, wie ich aus meinem Wohnzimmer technisch eine Internet-Bühne machen konnte. Dafür kaperte ich die Computerspiele-Plattform twitch. Meine Teenager-Tochter, die sie natürlich kannte, sagte genervt: „Nirgendwo sind wir vor Eltern mehr sicher.“

Mein Kollege Hasnain Kazim war der erste Gast auf meiner virtuellen Bühne. Er aus Wien, ich aus Berlin, sendeten wir eine Online-Lesung mit einem provisorisch aufgebauten Studio in die Welt.  Jeder, der einen Internet-Anschluss hat, war in der Lage, sich die Lesung kostenlos anzuschauen. Und wer wollte, konnte uns finanziell mit einer Spende unterstützen, damit wir unsere Verluste abfedern können.

Ende der Komfortzone

„Andere Formen des Zusammenseins finden“, nannte es Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede. Wir alle müssen in dieser Krise unbekannte Wege gehen. Und vielleicht ist das, was daraus erwächst, für viele von uns die Chance auf einen Neuanfang. Lange hatte ich nicht den Mut, festgefahrene Pfade zu verlassen, weil ich es mir in meiner Komfortzone gemütlich gemacht hatte.

Nachdem die jetzige Notsituation so unerwartet begann, wurde mir  klar, dass ich mich auf meine eigenen Stärken verlassen muss. Ich verfüge über keine Seilschaften, die mich aus der Krise tragen können. Wie also einrichten zwischen den Stühlen?

Fahre ich die Ellenbogen aus oder besinne ich mich auf Solidarität und Gemeinschaft, die doch mehr sind als belächelte Sozialromantik? Die Statistik sagt, dass ich mich längst über der Halbzeit befinde, was meine Lebensspanne angeht.  Doch in den vergangenen Tagen hat Flexibilität für mich eine komplett neue Bedeutung bekommen.

Mutig sein

Ich möchte lieber etwas bereuen, was ich getan habe, als etwas, was ich nicht getan habe. „Alter“ kann ich mir nicht leisten. Mal schauen, auf welche Idee ich heute noch komme.

Eines hat dieses Virus bei mir jetzt schon bewirkt: Dass ich mir bewiesen habe, mutiger zu sein, als ich es mir je hätte vorstellen können. Bitte: Bleiben Sie zu Hause − und schauen Sie auf das Rettende!

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!