Start-ups gehen Fachkräfte aus : Die Söldner und Geier der Digitalisierung

Konzerne schnappen Start-ups die Programmierer weg. Der Kampf um Fachkräfte wird immer extremer - und zum Problem für den Standort Berlin.

Viele Start-ups rekrutieren ihre Mitarbeiter direkt im Ausland.
Viele Start-ups rekrutieren ihre Mitarbeiter direkt im Ausland.Foto: Romain Lafabregue/AFP

Die Berliner Leichenfledderer streiten wieder um ihre Beute. Diesmal haben sie es auf die Überreste von Wimdu abgesehen, den Airbnb-Klon von Rocket Internet, der vor einigen Wochen Insolvenz angemeldet hat. Es geht dabei um die 50 Mitarbeiter, die nun von anderen Start-ups und Unternehmen gejagt werden. „Ich fühle mich da ein wenig wie ein Aasgeier“, räumt Finn Age Hänsel ein. Der Chef des Umzugsvermittlers Movinga verhandelt derzeit mit drei früheren Wimdu-Programmierern. Dabei muss er kein schlechtes Gewissen haben. Auch Hänsel selbst weiß: „Wenn heute in Berlin ein Start-up Pleite geht, muss man sich um die Mitarbeiter keine Sorgen machen.“ Tatsächlich ist für die Wimdu-Programmierer nicht die Frage, ob sie einen Job finden, sondern wo und wie sehr sie dabei ihr Gehalt steigern können.

Gründerhauptstadt geht der Nachwuchs aus

Sorgen muss man sich dagegen womöglich um die verbleibenden und neu startenden Jungunternehmen. Denn für die wird der Fachkräftemangel langsam zum ernsten Problem. „Der Gründerhauptstadt gehen die Mitarbeiter aus“, warnte die Beratung PwC kürzlich in einer Studie. 60 Prozent der Gründer klagen demnach über Probleme und die enorm gestiegenen Gehaltsforderungen. Auch im jüngsten Startup-Monitor, der größten jährlichen Befragung der Szene, ist die Mitarbeitersuche die größte Herausforderung. „Den Start-ups ist eine Konkurrenz herangewachsen, die es ihnen zunehmend schwer macht“, erklärt Studienleiter Tobias Kollmann. Denn die Nachfrage aus Industrie und Mittelstand habe extrem zugenommen. „Und die haben andere Möglichkeiten zu bezahlen“, sagt Kollmann.

Denn ob Volkswagen, Bosch oder die Metro – zahlreiche Unternehmen eröffnen Standorte in Berlin, um in solchen „Innovation-Labs“ die eigenen Digitalisierungsbemühungen voranzutreiben. Wie aggressiv sie dabei auch bei Start-ups um Mitarbeiter buhlen, zeigte im Frühjahr eine Plakatkampagne der Metro. Unter dem Motto #TakeTheExit versuchten sie Programmierern zum Ausstieg aus dem riskanten und vergleichsweise schlecht bezahlten Start-up-Leben zu bewegen.

Konzerne zahlen deutlich mehr

Die Gehaltsunterschiede belegt eine Auswertung des Jobvermittlers Taledo für den Tagesspiegel. So verdient ein so genannter Backend-Developer bei Start-ups im Schnitt 51 250, bei Unternehmen 78 000 Euro. Besondere Spezialisten, die Fullstack-Entwickler, können in Konzernen mit durchschnittlich 91 000 Euro deutlich mehr verdienen. Und so hat auch Taledo selbst seinen Fokus verlegt. Gestartet waren die Berliner einst unter dem Namen StartupCV als Jobvermittlungsplattform für Start-ups. Doch inzwischen machen sie ihr Hauptgeschäft auch mit der Vermittlung von Digitalexperten an klassische Unternehmen. „Die meisten Start-ups haben keine Kohle für die Topleute“, sagt Taledo-Chef Melikshah Ünver.

Der Mangel und die gestiegenen Forderungen betreffen dabei längst nicht nur Programmierer. Vor wenigen Jahren konnte er einen Head of Marketing für ein Jahresgehalt von 50 000 Euro einstellen, sagt Movinga-Chef Hänsel. „Jetzt sagen mir Kandidaten, unter 120 000 Euro fange ich nicht an“. Dabei pokern sie nicht einmal, sondern haben oft andere Angebote von Firmen, die so viel zahlen. „Viele Kandidaten werden mit Angeboten überhäuft“, bestätigt Sven Michel von der Personalberatung Dwight Cribb. Auch er beobachtet, wie rasant sich die Gehaltsspirale nach oben dreht. „Auch bei Führungspositionen verschärft sich der Mangel, da inzwischen alle Unternehmen nach Kandidaten mit Digitalkompetenz fragen“, sagt Michel. Und das trifft Berlin in besonderem Maße. Früher mussten Führungskräfte für attraktive Digitaljobs noch von Stuttgart nach Berlin ziehen, weiß Headhunter Michel, doch inzwischen gäbe es auch dort genug Angebote.

Die Folgen der neuen Konkurrenz merken auch etablierte Start-ups. Zwar nehmen die Gehaltsforderungen schon seit zwei, drei Jahren zu. „Der Anstieg ist aber in diesem Jahr besonders deutlich spürbar“, sagt Mirko Caspar, Geschäftsführer beim Online-Optiker Misterspex. Vor allem bei Entwicklern gäbe es eine „Söldnermentalität“, sagt Hänsel. Die hohe Fluktuation verstärkt die Personalprobleme. „Die meisten Leute wechseln nach 18 oder 20 Monaten den Job“, sagt Ünver. Die Unternehmenszugehörigkeit bei Millennials werde nicht mehr in Jahren sondern in Monaten gemessen. Doch auch wem es gelingt, Fachkräfte anzuheuern, muss so jedes Jahr schnell einen großen Teil des Personals wieder ersetzen.

Programmierersuche in Nigeria

Doch das ist nicht so einfach. „Es wird immer schwieriger, die richtigen Talente vor Ort zu finden“, bestätigt auch Noor van Boven, Personalchefin bei der Smartphone-Bank N26. Sie schaut sich deswegen vor allem im Ausland um. Allein in diesem Jahr hat sie 130 Mitarbeiter aus 30 Ländern eingestellt. Auf diese Strategie setzen die meisten Jungunternehmen.

So auch Emil. Das Berliner Start-up ist gerade mit einer neuartigen Autoversicherung gestartet. Die Idee: „Wer wenig fährt, soll auch weniger zahlen.“ Herkömmliche Anbieter würden die tatsächlich zurückgelegte Strecke viel zu wenig berücksichtigen. Bei Emil zahlen Kunden eine Monatsgebühr von fünf Euro, dann wird pro gefahrenem Kilometer abgerechnet. „Wir haben früh angefangen, international Mitarbeiter zu suchen“, sagt Emil-Gründer Bastian Knutzen. Obwohl das Start-up erst 20 Leute beschäftigt, tummeln sich im Büro in der Ackerstraße schon Mitarbeiter aus acht Nationen. Darunter ist auch ein arabischer Flüchtling, der in seiner Heimat als Buchhalter gearbeitet hat. Im Devugee-Programm des Digital Career Instituts wurde er umgeschult und programmiert jetzt für das Start-up. Zwei andere Entwickler hat Knutzen in Nigeria aufgetrieben. „Mit den heutigen technischen Möglichkeiten kann man sehr gut Leute einstellen, ohne sich persönlich zu treffen“, sagt Knutzen.

Auch bei Movinga würde ohne Zuwanderer nichts mehr gehen. „80 Prozent der Entwickler holen wir inzwischen direkt aus Ländern wie Brasilien oder der Ukraine“, sagt Hänsel. Das bürokratische Prozedere dauere zwar einige Monate, gelinge aber in der Regel. Doch auch hier gibt es ein Problem. „Die talentiertesten und besten Entwickler haben oft keine Ausbildung“, sagt Hänsel. Doch ohne entsprechende Nachweise gibt es kein Visum. Daran ist auch die Einstellung von zwei Kubanern gescheitert. Movingas Technikchef schwärmt noch heute von ihnen, es waren zwei der besten Entwickler in der Programmiersprache Ruby, die er in zehn Jahren gesehen hätte. Doch solche Einschätzungen zählen nichts, im Vergleich zu einem Diplom.

Nun hofft Hänsel auf die früheren Wimdu-Spezialisten. Einer der Kandidaten hatte eigentlich schon zugesagt, doch dann hat ein Konkurrent noch einmal mehr Geld geboten.

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