Start-ups in Stockholm : „Schweden ist der perfekte Testmarkt“

Die Stockholmer Gründerszene macht weltweit Furore. Nur im Silicon Valley gibt es mehr Einhörner.

Friederike Moraht
Die Innovationen junger Gründer gepaart mit der Erfahrung etablierter Unternehmen – das ist eines der Erfolgsrezepte.
Die Innovationen junger Gründer gepaart mit der Erfahrung etablierter Unternehmen – das ist eines der Erfolgsrezepte.Melker Dahlstrand/imagebank.sweden.se

Das Zentrum des Silicon Valleys und die Gemeinde Stockholm haben einiges gemeinsam. Sie sind in etwa gleich groß und das Zuhause für mehr als 900 000 Menschen. Beide Orte beherbergen außerdem zahlreiche junge IT- und Hightech-Unternehmen. Acht sogenannte Einhörner hat die schwedische Hauptstadt bislang hervorgebracht. Das sind Unternehmen, deren Wert Investoren auf mehr als eine Milliarde Dollar schätzen. Zum Vergleich: Im 80-Millionen-Einwohnerland Deutschland gibt es laut aktuellem Start-up-Report gerade einmal sechs.

Gemessen an der Zahl der Unicorns ist Stockholm nach dem Silicon Valley Weltspitze in Sachen Start-ups. Mit dem Internettelefonienetzwerk Skype, dem Musikstreamingdienst Spotify oder dem Paymentserviceprovider Klarna gingen dort inzwischen ähnlich bekannte Namen wie Apple, Intel oder Google an den Start. Die Stockholmer Gründerszene floriert; andere Städte ziehen nach.

Zu wenig Kapital, Streit im Team oder fehlende Nachfrage: Von den Millionen Start-ups, die Jahr für Jahr weltweit gegründet werden, überleben die meisten nicht einmal die ersten drei Jahre. Anders in Schweden. Laut Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2015 existieren dort nach drei Jahren immer noch viermal so viele Start-ups wie in den USA. Und sie wachsen schnell.

Die Schweden sind Early Adopters

Samir El-Sabini ist CEO von SUP46, einem wichtigen Treffpunkt für Gründerinnen und Gründer in Stockholm. Er sieht einen Grund für den Boom darin, dass der internationale Erfolg schwedischer Start-ups nachfolgende Entrepreneure bestärke. „Wenn du siehst, dass jemand, der nicht so anders ist als du, Läden wie Spotify oder King gegründet hat, dann hast du das Gefühl: Wenn die das können, kann ich das auch!“ Außerdem lockten die Einhörner internationale Top-Talente an – ein Schlüssel für Wachstum.

Zahlreiche weitere Faktoren begünstigen die Start-up-Konjunktur in Schweden. Da der Inlandsmarkt mit 10,1 Millionen Einwohnern relativ klein ist, sind Unternehmen gezwungen, von Anfang an international zu denken. Die Schweden seien Early Adopters, meint El-Sabini: Menschen, die schnell neue technische Errungenschaften nutzen. „Das ist der perfekte Testmarkt für Start-ups“, sagt der Gründungsexperte. Zudem habe Schweden eine starke Kreativindustrie und somit eine gute Basis für neue Geschäftsideen.

Angesichts früherer Digital-Initiativen der schwedischen Regierung ist die Technologieaffinität der Schweden nicht überraschend. Schon in den 1990er Jahren brachte sie ein Gesetz auf den Weg, dass Unternehmen Steuern erlässt, wenn sie ihren Mitarbeitern – ob Managerin oder Reinigungskraft – kostenlos Computer zur Verfügung stellen. Programmieren wird ab der Grundschule gelehrt.

Eine Plattform bringt Industrie und Gründer zusammen

Bereits vor drei Jahren nutzten mehr als 93 Prozent der Schweden das Internet – und das ist schnell. Weltweit kann im Schnitt nur Südkorea bessere Übertragungsraten bieten. „Der Zugang zum Internet ist für uns so selbstverständlich wie der Zugang zu öffentlichen Straßen“, sagt Stina Lantz, Leiterin des Innovations-Hub „Things“ in Stockholm und Programmverantwortliche von „Ignite Sweden“, einer Plattform, die Start-ups und etablierte Unternehmen zusammenbringt. „Things“ betreibt in Stockholm einen 2000 Quadratmeter großen Co-Working-Space für Start-ups mit Hardware- und Industrie-Fokus; hier treffen sich rund 150 Entrepreneure aus mehr als 30 Nationen. Der dreistöckige Arbeitsraum liegt auf dem Campus der Königlich Technischen Hochschule. Junge Talente sollen hier direkt aus dem Hörsaal rekrutiert werden; außerdem profitiert man von der universitären Forschung. In kaum einem anderen Land ist der Anteil der Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung im Verhältnis zur Gesamtbelegschaft höher als in schwedischen Unternehmen. In den vergangenen zehn Jahren stiegen die Investitionen in diesem Bereich stetig.

Schwedens Wohlstand ist in weiten Teilen innovativen Exportunternehmen aus dem Industriesektor zu verdanken. Der Sicherheitstechnikhersteller Assa Abloy, der Produzent von Motorgeräten für Forstwirtschaft und Landschaftspflege Husqvarna oder der Energie- und Automatisierungstechnikkonzern ABB: Auch sie kommen zu „Things“ und geben den Gründern Feedback, ob ihre Lösungen marktfähig sind. Zusammen mit ihren Dienstleistungen macht die Industrie 77 Prozent der schwedischen Exporte aus. Damit sie wettbewerbsfähig bleibt und wachsen kann, fördert die nationale Innovationsbehörde Vinnova unter anderem den Matchmakingservice Ignite Sweden.

Dessen Räume befinden sich ebenfalls im Gebäude von „Things“. Mehr als 45 kommerzielle Kollaborationen sind bereits aus dem Scoutingdienst hervorgegangen. „Wir suchen Firmen, die uns helfen, Probleme zu lösen, auf die wir nicht spezialisiert sind“, sagt Tom Eriksson, Manager für Forschung und Entwicklung bei Sandvik, einem der größten schwedischen Industrieunternehmen, und meint damit zum Beispiel die Industrie 4.0. „Sie haben disruptive Ideen, die gemeinsam mit uns Boden gewinnen können.“

Deutschland ist potenzieller Standort für Dependancen

Jon Lindén, CEO des Software-Start-ups Ekkono Solutions, rät etablierten Unternehmen selbstbewusst, jetzt schnell zu handeln. Seine Firma entwickelt schlaue Produkte für die Industrie auf Basis maschineller Lernverfahren – und hat ihr Match bereits im Frühjahr 2017 gefunden: den Hersteller von Produkten für die Stofftrennung Alfa Laval. Dank der KI-Lösung von Ekkono kann Alfa Laval nun vorausschauende Wartungsarbeiten durchführen. Auch ABB, Volvo und Husqvarna sind mittlerweile Lindéns Kunden.

Zahlreiche weitere Inkubatoren, Acceleratoren und Co-Working-Spaces, die auf spezielle Branchen spezialisiert sind, machen Schweden zu einem attraktiven Standort für Entrepreneure. Bislang ist Stockholm der größte Start-up-Hub des Landes. Viele Gründungen entstehen aber auch in Malmö, Helsingborg oder kleineren Städten im Norden. Auch dort gibt es Orte für Vernetzung: in Malmö zum Beispiel den Businessinkubator Minc, in Linköping den Wissenschaftspark sowie den Inkubator Lead. In Göteborg wurde im Jahr 2016 ein Gründerzentrum für die Games-Branche eingeweiht.

Deutschland ist für schwedische Start-ups nicht nur ein interessanter Markt, sondern auch potenzieller Standort für Dependancen, erzählen Stina Lintz und Samir El-Sabini. „Genau wie Schweden hat Deutschland eine gute Infrastruktur für Start-ups und viele Finanzierungsmöglichkeiten“, sagt El-Sabini. Rund 30 junge Unternehmen werden daher in diesem Jahr zur Hannover Messe reisen – unter ihnen Jon Lindéns Firma Ekkono Solutions. Mit ihr will der Gründer nun den ersten Schritt auf den deutschen Markt machen.

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