Studie der Deutschen Bank und Allensbach : Deutschland braucht mehr Testamente

40 Prozent der Deutschen haben sich noch nie mit dem Thema Erbrecht befasst. Durch das Desinteresse können den Erben hohe Summen entgehen.

Fast ein Fünftel der Erben streiten sich über den Nachlass. Ein Testament kann Klarheit schaffen.
Fast ein Fünftel der Erben streiten sich über den Nachlass. Ein Testament kann Klarheit schaffen.Foto: dpa

In Deutschland werden angesichts eines Geldvermögens der privaten Haushalte von rund 5,9 Billionen Euro Ende 2017 immer stattlichere Beträge vererbt. Gleichwohl kümmern sich die Bundesbürger viel zu wenig um ein Testament und damit darum, wie sie ihr Geld- und auch ihr Immobilienvermögen weitergeben wollen. Dabei wird die Unsicherheit über die Erbschaft immer größer, weil Erben komplexer wird und immer öfter auch zu Streitereien zwischen den Erben führt. Das zeigt einer Studie der Deutschen Bank in Zusammenarbeit mit dem Institut für Demoskopie Allensbach, die die Deutsche Bank am Donnerstag in Frankfurt vorgestellt hat. 

Dabei hat fast ein Viertel aller Erben in den vergangenen Jahren jeweils mindestens 100 000 Euro geerbt, bei sieben Prozent waren es sogar eine Viertel Million und mehr. Nur ein Prozent haben gar nichts geerbt. Bei diesen Angaben ist Immobilienvermögen noch nicht berücksichtigt, betont Peter Horwath, Experte der Deutschen Bank für die Beratung im Erbfall. 

40 Prozent haben sich noch nie mit dem Thema befasst

Dieses Verhältnis wird sich aber in Zukunft verschieben. „Das Erben wird komplexer“, sagt Horwath. „Künftige Erben erwarten häufiger Immobilien, Wertpapiere und auch Gold.“ So sinkt der Anteil von vererbbaren Geldvermögen an der gesamten Erbschaft von 75 auf nur noch gut 60 Prozent, während der Anteil selbst genutzter Immobilien von einem Drittel auf 55 Prozent, von vermieteten Häusern und Wohnungen von 14 auf 16 Prozent steigt. „Diese höhere Komplexität kann in Familien bei mehreren Erben schnell zu Streitereien führen“, weiß Horwath. Der Aufwand bei Erbschaften mit Immobilienvermögen sei schließlich erheblich. Er warnt zudem davor, sich mit Blick auf das eigene Alter auf Erbschaften zu verlassen.

Gründe dafür, dass sich die Bundesbürger wenig und oft erst spät mit dem Erben und auch mit einem Testament befassen, liegt der Studie zufolge vor allem daran, dass das Erbrecht und vor allem die steuerlichen Vorgaben dafür, auch angesichts häufiger Änderungen, von fast drei Viertel der Bundesbürger als kompliziert eingestuft werden. Mehr als 40 Prozent der Deutschen haben sich noch nie mit der Thematik befasst, bei den 50- bis 64-Jährigen sind es immer noch 27 Prozent, bei den Älteren dann nur noch 14 Prozent.

„Dabei“, sagt Horwath, „ist das ein zwingendes Thema, über das man deutlich vor dem Erbfall sprechen sollte“. Denn die Zahl der Streitigkeiten bei Erbfällen nimmt zu. Fast ein Fünftel der Erben sagen laut Studie, dass es in ihrem Fall zu Auseinandersetzungen um das Erbe gekommen sei. 2013 noch waren es 15 Prozent.

Das "Berliner Testament" ist die häufigste Lösung

Auch das Testament wird nach Angaben von Horwath viel zu nachlässig angegangen. „Mehr als die Hälfte der potentiellen Erblasser hat kein Testament, auch bei den 50- bis 64-Jährigen haben nur gut ein Drittel ihren Nachlass geregelt. Wenn doch, wird nach den Erfahrungen von Horwath meist das „Berliner Testament“ gewählt. Danach setzen sich die Ehegatten gegenseitig als Alleinerbe ein, die Kinder werden im Fall des Todes eines Ehepartners ausgeschlossen, weil die Versorgung des Ehegatten im Vordergrund steht.

Glücklich sei diese Lösung nicht, sagt Horvath. Das liegt unter anderem daran, dass ein Kind einen Pflichtteil von in der Regel einem Achtel des Vermögens beantragen kann. Wenn ein zweites oder weiteres Kind nicht darauf besteht, haben sie später beim Tod des Vaters oder Mutter, die ihren Partner überlebt haben, keine Möglichkeit diesen Pflichtteil nachträglich einzuholen. Das kann zu Streit führen, sagt Horwath.

Generell, auch das betont der Deutschbanker, sollten sich Erblasser frühzeitig mit dem Thema befassen. Sie sollten eine Vermögensübersicht erstellen, die eigene Absicherung für das Alter bedenken, Vollmachten für den Notfall abschließen und auch den digitalen Nachlass über Benutzerkonten und Passwörter regeln.

60 Prozent der Deutschen erwarten im Übrigen, dass das derzeitige Erbschaftsrecht dazu führt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland noch weiter auseinandergeht. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger befürwortet deshalb, dass die Steuer auf Erbschaften von über einer Millionen Euro deutlich angehoben werden sollte. Künftige Erben wären von einem solchen Schritt freilich weniger angetan. 

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