Tierschützer klagen an : So elend leben Sauen in Deutschland

Enge Käfige, kein Platz. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner will die Qual der Schweine für weitere 15 Jahre erlauben.

Gebärmaschine: Sauen in der Intensivtierhaltung.
Gebärmaschine: Sauen in der Intensivtierhaltung.Foto: Fred Dott

Wenn eine Sau Ferkel produzieren soll, stehen ihr harte Zeiten bevor. Zumindest dann, wenn sie in einem konventionellen Betrieb lebt, der sein Geld mit der Ferkelzucht verdient.

Für die Besamung und die Geburt muss die Sau die Gruppe verlassen und bekommt eine Einzelunterbringung im sogenannten Kastenstand. Rund zehn Wochen verbringt sie so pro Wurf. Da Sauen mindestens zwei Mal im Jahr werfen, leben die mächtigen, 300 Kilogramm schweren Tiere fünf Monate im Jahr in der engen Einzelhaltung.

Die Kästen sind zwischen 65 und 70 Zentimeter breit und zwei Meter lang. Manchmal sind es auch nur 1,80 Meter, nämlich dann, wenn der Trog nicht in den Boden eingelassen ist, sondern am Ende des Ministalls steht. Die Sau kann sich zwar hinlegen, aber nicht umdrehen. Das soll die Ferkel davor schützen, von der Mutter zerquetscht zu werden.

Nach der Geburt kommt das Skalpell: Männliche Ferkel werden ohne Betäubung kastriert.
Nach der Geburt kommt das Skalpell: Männliche Ferkel werden ohne Betäubung kastriert.Foto: dpa

Viele Kastenstände sind zudem so kurz, dass die Tiere mit ihren Köpfen im Trog liegen. Und weil viele Einzelboxen nebeneinander stehen, können die Tiere im Liegen ihre Beine nicht ausstrecken, sagt Ina Müller-Arnke von der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“. „Tierquälerei“ sei das, ärgert sich die Nutztierexpertin.

Die Praxis ist rechtswidrig, haben Gerichte entschieden

Das Oberverwaltungsgericht Magdeburg hat entschieden, dass eine solche Haltung gegen die Tierschutznutztierverordnung verstößt, das Bundesverwaltungsgericht hat die Revision gegen das Urteil zurückgewiesen.

Nach der Nutztierverordnung muss jedes Schwein „ungehindert aufstehen, sich hinlegen sowie den Kopf und die Gliedmaßen ausstrecken“ können. Nun will Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) diese Verordnung ändern – und den Satz streichen. „So kann man doch nicht mit einem Urteil umgehen“, kritisiert Müller-Arnke, Klöckners Verhalten sei „unglaublich“.

Spagat zwischen Tier- und Bestandsschutz: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner will Sauenhalter schonen.
Spagat zwischen Tier- und Bestandsschutz: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner will Sauenhalter schonen.Foto: imago images/photothek


Zwar sollen die Käfige nach der neuen Verordnung etwas größer werden, doch dabei geht es nur um wenige Zentimeter. Eine grundsätzliche Änderung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Die Kastenhaltung soll jetzt noch mindestens 15 Jahre weitergehen. Mit ihrer neuen Verordnung will die Ministerin den Schweinehaltern nämlich eine entsprechende Übergangszeit für den Umbau der Ställe einräumen.

"Das Elend von Millionen Muttersauen, die monatelang eingezwängt sind, muss beendet werden - nicht irgendwann, sondern jetzt", fordert Tierärztin Claudia Preuß-Ueberschär von der Vereinigung "Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft". "Seit fast 30 Jahren wird diese ausgemachte Tierquälerei von Behörden und Regierungen geduldet."

Stoppt der Bundesrat die Praxis?

Zahlreiche Tierschutzorganisationen appellieren an die Politik einzuschreiten. Die Aktivisten hoffen auf die Länder, die dem Vorhaben zustimmen müssen. Am Montag hat der Agrarausschuss des Bundesrats getagt, am 14. Februar stimmt die Länderkammer ab.

Die Interessen sind unterschiedlich. Während etwa Sachsen-Anhalt Klöckners Vorschläge ablehnt, dürften Bundesländer mit großen Schweinehaltungsbetrieben wie Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen wohl eher grünes Licht geben.

Bundesagrarministerium: Die neue Verordnung bringt mehr Tierschutz

Im Bundesagrarministerium weist man die Kritik der Tierschützer zurück. Die geplante Veränderung bringe „eine deutliche Verbesserung des Tierschutzes“, sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel.

Nach der neuen Verordnung würden sich die Tiere nämlich nur noch 13 Tage pro Wurfzyklus im Kasten aufhalten müssen, acht Tage im Besamungszentrum, fünf Tage im Abferkelbereich.

Die lange Übergangsfrist begründet das Ministerium mit den wirtschaftlichen Herausforderungen der Branche. „Eine kurzfristige Umsetzung der Maßnahmen wäre gerade für kleine Betriebe nicht machbar, ohne sie damit vor unlösbare Schwierigkeiten zu stellen“. Zudem befände sich die Branche im Wettbewerb mit anderen Mitgliedstaaten, die noch schlechtere Haltungsbedingungen haben.

Tierschützer geben jedoch zu bedenken, dass einige Länder sehr viel weiter sind als Deutschland. "Schweden hat den Kastenstand 1988 verboten, Großbritannien 1991 und die Schweiz 1997", betont Matthias Wolfschmidt von Foodwatch. Auch in den Niederlanden, Österreich und Norwegen würden inzwischen Verbote gelten.

Idylle: Ferkel im Stroh sind in der konventionellen Tierhaltung ein seltener Anblick.
Idylle: Ferkel im Stroh sind in der konventionellen Tierhaltung ein seltener Anblick.Foto: dpa

Bauern: Sauenhalter werden vertrieben

Der Bauernverband warnt davor, die Betriebe zu überfordern. „In den letzten Jahren haben die Sauenhalter den massivsten Strukturwandel erlebt, mit der Folge, dass zunehmend Ferkel importiert wurden“, sagte Generalsekretär Bernhard Krüsken dem Tagesspiegel. „Die neuen Vorgaben werden dieses Problem noch verschärfen“, kritisiert er die Pläne Klöckners.

Die neuen Vorgaben für Abferkelbuchten könne ein Landwirt eigentlich nur erfüllen, indem er das Gebäude vergrößert beziehungsweise neu baut. "Ob das dem Wohl der Ferkel dient, ist dabei noch fraglich. So vertreiben wir die Sauenhalter aus dem Land", sagt Krüsken.

Tierschützer halten größere Ställe dagegen für alternativlos. Die Sauen müssten die Möglichkeit haben, sich artgerecht zu verhalten. "Die Tiere sammeln Stroh, um ein Nest für ihre Ferkel zu bauen", sagt Müller-Arnke. Die bisherige Tierhaltung unterdrücke diese Instinkte, das führe zu Geburtskomplikationen. Zudem bekämen die Sauen viel zu viele Ferkel, anders als etwa in Bio-Betrieben oder in anderen Betrieben, die mehr für die Tierhaltung tun.

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