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Unsichere Zukunft : Wie drastisch junge Menschen ihre Jobs verlieren

Die Jugendarbeitslosigkeit steigt deutlich. Das Problem könnte sich weiter verschärfen: Zugleich gibt es nämlich weniger Ausbildungsstellen.

Viele junge Menschen stehen vor einer ungewissen Zukunft.
Viele junge Menschen stehen vor einer ungewissen Zukunft.Foto: imago/photothek

Die Jugendarbeitslosigkeit könnte in Deutschland im Zuge der Corona-Krise enorm steigen. Dabei sind die Zukunftsaussichten für geringqualifizierte junge Menschen besonders ungünstig. Männer sind stärker betroffen als Frauen. Dies sind die Kernergebnisse einer aktuellen Analyse des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS), die dem Tagesspiegel vorab exklusiv vorlag.

In den vergangenen 15 Jahren ist die Jugendarbeitslosigkeit hierzulande enorm zurückgegangen – bezogen auf die 15- bis 24-jährigen jungen Menschen: Von 15,5 (2005) auf unter sechs Prozent im vergangenen Jahr. Ausgehend von den Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2008/09 sei nun mit einem Anstieg der Betroffenen auf 6,9 Prozent zu rechnen. Innerhalb eines Jahres sei dies ein Anstieg um 18 Prozent. Warum? „Junge Menschen haben entweder geringere Chancen auf einen Ausbildungsplatz, einen neuen Arbeitsvertrag oder werden schneller entlassen“, heißt es.

Bei den jungen Männern sei nun mit einer Quote von 8,3 Prozent und bei den jungen Frauen von 5,6 Prozent zu rechnen. Bei diesen Werten gehen die Studienautoren davon aus, dass die Entwicklung insgesamt dramatischer verläuft als bei der vorherigen Wirtschafts- und Finanzkrise. Hierfür sprechen einerseits die bereits existierenden höheren Arbeitslosenquoten wie auch die erheblich ungünstigere wirtschaftliche Entwicklung. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden damit erklärt, dass es in typisch männerdominierten Branchen wie etwa der Autobranche zu mehr Entlassungen käme. In versorgungsrelevanten Berufen wie beispielsweise der Erziehung und besonders dem Gesundheitswesen sei hingegen mehr zu tun als zuvor. Diese Jobs seien sicher.

EU-Länder wollen ihre Hilfen ausweiten

Die seit 2005 gesunkene Jugendarbeitslosigkeit bei den 15- bis 24-Jährigen sei weder auf eine deutlich höhere Erwerbsbeteiligung noch auf bessere Übergänge in eine berufliche Ausbildung zurückzuführen, heißt es in der Studie weiter. Vielmehr liege sie darin begründet, dass viele Jugendliche mit und ohne Schulabschluss in das Übergangssystem einmünden und dadurch nicht mehr als arbeitslos erfasst werden. In den letzten Jahren waren dies bis zu 360 000 junge Menschen. Das Übergangssystem werde somit zum Auffangbecken für etliche, die keinen Ausbildungsplatz erhalten haben.

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Auch wenn es einem Teil der Jugendlichen im Übergangssystem gelinge, den Schulabschluss noch nachzuholen oder einen höheren zu erwerben, kehren auch viele wieder dorthin zurück und würden nur „eine Warteschleife nach der anderen“ drehen.

Dieter Dohmen, Studienautor und Direktor des FiBS, sieht darin ein enormes Problem, das sich weiter verschärfen könnte. „ Im Wettbewerb um knappe Ausbildungsplätze haben vor allem Jugendliche mit Abitur einen Vorteil, während diejenigen mit Haupt- oder Realschulabschluss immer weniger zum Zuge kommen“, sagt er. Außerdem weist Dohmen daraufhin, dass die Unternehmen seit 2008 immer weniger Ausbildungsplätze anbieten. Sollte sich dieser Trend infolge der Corona-Krise fortsetzen, werde es immer schwerer, einen Job zu ergattern.

Die EU-Staaten wollen die Hilfen für Jugendliche am Arbeitsmarkt derweil ausweiten: Die Altersgrenze bei der sogenannten EU-Jugendgarantie soll von 24 auf 29 Jahre angehoben werden. Sie sieht vor, dass junge Leute in Europa spätestens nach vier Monaten Arbeitslosigkeit ein „hochwertiges Angebot“ bekommen – sei es ein Job, eine Lehrstelle oder eine Fortbildung.

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