Unternehmen und Digitalisierung : German Angst 2.0

Vielen deutschen Unternehmen bereitet die Transformation ins Datenzeitalter Probleme, jedes vierte fürchtet sogar um seine Existenz.

Neue Formen der Arbeit und Produktion. Auf die Unternehmen in Deutschland wie auf ihre Mitarbeiter kommen mit der Digitalisierung große Herausforderungen zu.
Neue Formen der Arbeit und Produktion. Auf die Unternehmen in Deutschland wie auf ihre Mitarbeiter kommen mit der Digitalisierung...Foto: obs/BVL/Kai Bublitz

Mit einem Fingerschnipp lässt sich die Autoindustrie auf den Kopf stellen. Möglich macht das die Hololens, eine so genannte Augmented Reality Brille von Microsoft. Im Gegensatz zu Virtual-Reality-Brillen kann man dadurch die normale Umgebung sehen, dann blendet sie virtuelle Objekte im Raum ein, zum Beispiel einen BMW i8 Spyder. Man kann um den Wagen herumgehen oder ihn per Fingerbewegung verkleinern und vergrößern. Doch eine falsche Bewegung und schon steht der Wagen Kopf.

Präsentationen wie diese vom Münchener Start-up Holo Light gab es am Dienstag an verschiedenen Ständen in der Station Berlin. Hunderte Unternehmen strömten durch die Hallen am Gleisdreieck, um sich auf der Hub Konferenz des Digitalverbands Bitkom über Möglichkeiten und Risiken der Digitalisierung zu informieren. Denn der Bedarf ist weiterhin extrem hoch. Schließlich hat fast jedes dritte Unternehmen in Deutschland noch keine Strategie zum Umgang mit der technologischen Veränderung. Dabei fürchtet ein Viertel, die Digitalisierung könnte die Existenz der gesamten Firma gefährden, wie eine gestern vorgestellte Bitkom-Studie zeigt. Vor einem Jahr lag der Wert noch bei 19 Prozent.

„Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem in der deutschen Wirtschaft“, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg. Schließlich würden sich 60 Prozent der Befragten selbst als Nachzügler in Sachen Digitalisierung bezeichnen. Gleichzeitig investiert in diesem Jahr nur jeder Fünfte in die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle. Und 30 Prozent der Unternehmer räumen ein: „Wir haben Probleme die Digitalisierung zu bewältigen.“

Große Unternehmen haben einen Chief Digital Officer

Das trifft insbesondere auf kleinere Firmen zu. „Die großen Unternehmen gehen das Thema aggressiver an“, sagt Berg. So hat jedes zweite Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern eine eigene Einheit, die sich mit dem Thema beschäftigt. In 27 Prozent der größeren Unternehmen gibt es zudem einen Chief Digital Officer oder eine andere Person, die die Digitalisierungsaktivitäten leitet. Bei kleineren Firmen sind das nur zehn Prozent.

Die Diskrepanz zwischen Erkennen und Anwenden zeigt sich auch mit Blick auf verschiedene Technologien. Am wichtigsten schätzen die mehr als 500 befragten Unternehmen Big Data, das Internet der Dinge (IoT) und Robotik ein. Jeweils mehr als 60 Prozent sagen, diese Technologien werden die Wettbewerbsfähigkeit beeinflussen. Doch während immerhin schon 51 Prozent Big Data nutzen oder zumindest darüber nachdenken, sind es bei IoT oder Robotik nur 37 beziehungsweise 33 Prozent.

Am Extremsten ist der Unterschied beim Thema Blockchain. Die Technologie wird längst nicht nur für die Digitalwährung Bitcoin genutzt. „Ich kann mir kaum eine Branche vorstellen, in der Blockchain nicht irgendwann genutzt werden wird“, sagte Berg, „die Logistik schreit beispielsweise geradezu danach“. Das sehen auch 55 Prozent der Unternehmen so, allerdings planen erst zwei Prozent Anwendungen im eigenen Haus. Noch ist dafür auch etwas Zeit. Die Entwicklung der Blockchain-Technologie steckt noch in den Anfängen und bis sie Unternehmensprozesse in großem Stil verändern werde es noch zwei, drei Jahre dauern, räumten auch Experten auf verschiedenen Diskussionen zum Thema ein.

Post-Chef: Digitalisierung vernichtet keine Jobs

Ganz anders sieht Berg die Entwicklung auf der politischen Ebene. „Die Digitalisierung wartet nicht auf Deutschland“, sagte der Bitkom-Präsident und mahnte daher eine schnelle Regierungsbildung an. Von der fordert er dann eine klare Vision für die Digitalisierung und nicht nur „eine aus Schlagworten zusammengeflickte digitale Agenda“.

Eine Reihe an Forderungen erhob auch Gregor Gysi. „Wir brauchen neue Kriterien für den Missbrauch von Marktmacht“, sagte der langjährige Fraktionschef der Linken. Denn es gäbe neue Tendenzen der Monopolisierung, auf die das Kartellrecht noch nicht eingestellt sei. Zudem warnte Gysi vor einer „Entgrenzung der Arbeitswelt“. In China gäbe es schon sogenannte dunkle Fabriken, in denen Licht gespart würde, da dort nur noch Roboter arbeiten. Gysi fürchtet auch hierzulande einen Verlust an Jobs durch die zunehmende Automatisierung. Zudem verändere sich die Arbeit, wenn immer mehr Menschen beispielsweise im Home-Office tätig seien und ihre Kollegen nicht mehr kennen.

Post-Chef Frank Appel trat Befürchtungen entgegen, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze vernichte und Dinge viel zu kompliziert mache. Dabei gebe es gute Gründe, genau das Gegenteil anzunehmen. In vielen Fällen mache die Digitalisierung Dinge einfacher – und es würden neue Geschäftsmodelle kreiert. So stellt auch die Post die Autoindustrie auf den Kopf: Das Unternehmen wollte Elektrotransporter, doch mangels geeigneter Angebote aus der deutschen Automobilbranche baue das Unternehmen inzwischen seine eigenen StreetScooter.

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