Vertrauen verzockt : Wirecard belastet den Finanzplatz Deutschland

Der Finanzkrimi rund um den Zahlungsdienstleister ist weitaus mehr als nur eine Blamage. Dabei galt Wirecard einmal als Vorzeigeunternehmen. Ein Kommentar

Wirecard ist ein deutscher Finanzdienstleister, der Zahlungen abwickelt.
Wirecard ist ein deutscher Finanzdienstleister, der Zahlungen abwickelt.Foto: dpa

Es ist der vorläufige Höhepunkt in einem spektakulären Finanzkrimi. Nachdem der Bankdienstleister Wirecard die Veröffentlichung seiner Jahreszahlen mehrmals verschoben hat, muss er jetzt milliardenschwere Unklarheiten einräumen.

Abschlussprüfer haben für Guthaben in Höhe von 1,9 Milliarden Euro nicht die notwendigen Nachweise finden können. Das heißt: Sie können nicht nachvollziehen, wo das Geld auf den Konten herkommt. Damit steht der Verdacht im Raum, Wirecard könnte seine Zahlungen manipuliert haben.

Und zwar im großen Stil, denn es geht hier nicht um Peanuts, sondern um ein Viertel der gesamten Bilanzsumme.

Das ist ein Skandal, der nicht nur dem Unternehmen schadet. Er belastet den gesamten Finanzplatz Deutschland. 

Gerade schienen die Großbanken die Skandale der Vergangenheit abgehakt zu haben, da kommt Wirecard. Der Finanzkonzern mit Sitz bei München mag nun zwar seinen ausländischen Tochterfirmen die Schuld geben und Anzeige gegen Unbekannt stellen. Aus der Verantwortung wird sich Wirecard-Gründer und -Chef Markus Braun diesmal aber nicht so einfach stehlen können.

Das Vertrauen der Anleger ist dahin

 Da sind allein die vielen Kleinanleger, die Wirecard-Aktien gekauft haben. Deren Kurs ist am Donnerstag als Reaktion um mehr als 60 Prozent eingebrochen. Die Aktie, die einmal fast 200 Euro gekostet hat, ist weniger als 35 Euro wert. Wirecard gilt damit als Zockerpapier.

Dabei sind wohl die wenigsten der Kleinanleger Zocker. Vielmehr haben sie angenommen, in ein Unternehmen zu investieren, das als Vorbild für eine moderne Finanzbranche galt. Jetzt aber ergeht es ihnen wie einst den Telekom-Aktionären: Ihr Vertrauen ist verzockt.

 Für eine Wirtschaftsnation, deren Bürger dem Aktienkauf ohnehin skeptisch gegenüberstehen, ist das eine schlechte Nachricht. Zumal Wirecard wie damals die Telekom keine windige Klitsche ist, sondern ein Dax-Konzern. Erst vor zwei Jahren ist der Dienstleister in die erste Börsenliga aufgestiegen und hat dort ausgerechnet die angeschlagene Commerzbank ersetzt. Beobachter sahen das als Beginn einer neuen Ära.

Wirecard-Chef Markus Braun gilt als Vordenker.
Wirecard-Chef Markus Braun gilt als Vordenker.Foto: dpa

  Gründer Markus Braun galt als Vordenker. Als einer derjenigen, die wie Amazon-Chef Jeff Bezos als Erste die Chancen des Internets erkannt haben. So hat Braun früh verstanden, dass die Menschen einmal online einkaufen und bezahlen wollen. Er war damit sogar so früh dran, dass seine ersten Kunden noch aus der Schmuddelecke kamen: aus der Porno- und Glücksspielindustrie. Heute hingegen wickelt Wirecard Zahlungen sowohl im Netz wie im stationären Handel für große Ketten ab. Hierzulande zum Beispiel für Aldi.

 Auch mit SAP hat man Wirecard verglichen

Eigentlich gehört solchen modernen Finanzdienstleistern die Zukunft. Schließlich dürfte in den nächsten Jahren noch sehr viel mehr Menschen mit Karte, per Smartphone oder im Netz bezahlen. Auch mit SAP hat man Wirecard deshalb bereits verglichen: Wie der Softwarekonzern ist Wirecard zu einem Techunternehmen herangewachsen, das international mitspielen kann.

Wirecard wickelt Zahlungen ab - zum Beispiel solche per Kreditkarte.
Wirecard wickelt Zahlungen ab - zum Beispiel solche per Kreditkarte.Foto: REUTERS

 Womöglich ist es aber eben dieser rasante Aufstieg, der dem Unternehmen nun zum Verhängnis wird. Schließlich werden die Konten, um die es nun geht, von zwei asiatischen Banken geführt. Hohe Strafzahlungen könnten deshalb bald auf den Anbieter zukommen ebenso wie Schadenersatzklagen. 

Dabei haben sich auch die hiesigen Aufseher im Fall Wirecard nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Allen voran der deutschen Finanzaufsicht Bafin hätte schon viel früher auffallen müssen, dass dort Gelder auf Konten liegen, deren Herkunft zweifelhaft bis unbekannt ist.

Stattdessen aber hat sie sich anfangs sogar hinter das Unternehmen gestellt: Sie hat Journalisten der „Financial Times“ angezeigt und ihnen Marktmanipulation vorgeworfen. Dabei hatte die britische Finanzzeitung als erste umfangreich über vorgetäuschte Umsätze und gefälschte Verträge bei Wirecard in Singapur berichtet. Nun zeigt sich, wie nah an der Realität sie damit waren.

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