Vielversprechende Start-ups : Das nächste Zalando

Nur wenige deutsche Start-ups sind mehr als eine Milliarde Euro wert. Wer bereits dazu gehört oder die Schwelle nächstes Jahr erreichen könnte.

Leaving Las Vegas. Flixbus fährt inzwischen auch im Westen der USA, im nächsten Jahr soll vom Drehkreuz New York auch die Ostküste erobert werden.
Leaving Las Vegas. Flixbus fährt inzwischen auch im Westen der USA, im nächsten Jahr soll vom Drehkreuz New York auch die Ostküste...Foto: Promo

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass Robert Gentz und David Schneider einen Onlineshop für Schuhe gründeten und im Keller ihrer einstigen WG in der Torstraße die ersten Bestellungen verpackten. Inzwischen ist Zalando ein Konzern mit europaweit 15 000 Mitarbeitern, für die in Berlin zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße rund um die Mercedes-Benz-Arena derzeit fast ein eigenes Büroviertel entsteht.

Der Modehändler ist die bekannteste und erfolgreichste Firma, die aus dem Gründerboom nach der Jahrtausendwende hervorgegangen ist. Doch auch einige andere haben seither den Sprung an die Börse geschafft, allen voran Delivery Hero: Der Essenslieferdienst hat mit einem Wert von 5,7 Milliarden Euro kürzlich sogar Zalando überholt, nachdem Ergebnisse, Kurs und Börsenwert des Modehändlers in der zweiten Jahreshälfte deutlich eingebrochen waren. Aber auch das Düsseldorfer Hotelvergleichsportal Trivago oder der Kochboxenversender HelloFresh gehören zu den Erfolgsgeschichten.

Eine weitere Generation von Start-ups könnte ihnen nachfolgen. Teilweise haben sie es schon geschafft, den begehrten Status eines „Unicorns“ zu erlangen, also eines Einhorns, wie Unternehmen genannt werden, die einen Wert von mindestens einer Milliarde haben. Eine Übersicht der neuen Unicorns und der Start-ups, die es vielleicht schon 2019 werden könnten.

GetYourGuide

Gründung: 2008

Sitz: Berlin

Mitarbeiter: 480

Idee: Touristen können Führungen, Ausflüge oder Eintrittskarten buchen

Johannes Reck wandelt schon jetzt auf den Spuren von Zalando. Der Chef von GetYourGuide bereitet gerade den Umzug seines Start-ups in das ehemalige Umspannwerk in der Sonnenburger Straße vor. Auch der Modehändler residierte einst in dem Backsteinbau im Prenzlauer Berg. Bisher arbeiten die fast 400 Berliner Mitarbeiter auf mehrere Standorte verteilt, im Frühjahr bekommen sie dann ein neues Büro mit Platz für Zuwachs. Schließlich soll das Team weiter zulegen.

„Wir werden 2019 auf über 700 Mitarbeiter wachsen“, erklärt eine Sprecherin. Zudem ist eine Markenkampagne geplant. In diesem Jahr haben Touristen erst mal mehr als eine Million Tickets, Ausflüge und andere Aktivitäten auf der Plattform gebucht. Die auf Technologiefirmen spezialisierte britische Investmentbank GP Bullhound zählt GetYourGuide in einer jährlichen Analyse zu „Europas vielversprechendsten Start-ups“. Genau wie N26, GoEuro, Flixbus und Lilium gehöre es zu den Jungunternehmen „mit dem größten Potenzial, in den nächsten zwei Jahren zum Milliarden-Dollar-Unternehmen zu werden“.

N26

Gründung: 2013

Sitz: Berlin

Mitarbeiter: 500

Idee: Direktbank, die Kontoführung für das Smartphone optimiert

2015 bot das Berliner Fintech-Start-up N26 erstmals seine Konten an. Es setzte dabei konsequent auf die Generation Smartphone als Zielgruppe und überzeugte im ersten Jahr 100 000 Kunden. Inzwischen ist die Zahl auf 1,5 Millionen angewachsen und N26 expandiert in immer mehr Länder. Kürzlich kamen Dänemark, Norwegen, Polen, Schweden, Island und Liechtenstein dazu, damit ist N26 nun in 24 Ländern aktiv.

Doch der vielleicht wichtigste nächste Schritt steht im kommenden Jahr an. Dann will Firmenchef Valentin Stalf auch auf dem US-Markt angreifen. „Viele Bankprodukte sind dort bei Preis und Nutzerfreundlichkeit teils sogar noch schlechter als in Europa“, sagt Stalf. Trotzdem dürfte der Schritt nicht einfach werden, ursprünglich war der US-Start auch schon mal für 2018 angekündigt. Auch der britische Konkurrent Revolut will nächstes Jahr die USA erobern. N26-Chef Stalf hat trotz des Expansionskurses das Ziel ausgegeben, ab dem zweiten Quartal 2019 schwarze Zahlen zu schreiben.

SumUp

Gründung: 2011

Sitz: London/Berlin

Mitarbeiter: 1300

Idee: Kleinen Händlern die Annahme von Kreditkarten ermöglichen

Mit Kreditkarten tun sich viele Deutsche schwer, Marc-Alexander Christ will das ändern. Sein Start-up SumUp verkauft ein kleines Lesegerät für Karten, vergleichsweise günstig und ohne Fixkosten. Man kann es zudem einfach mit einem Smartphone verwenden, so können auch mobile Händler auf Flohmärkten oder Food Trucks sofort Kartenzahlungen akzeptieren. Mehr als eine Million Händler nutzt den Service inzwischen, der Jahresumsatz hat sich 2018 auf 200 Millionen Euro verdoppelt.

Das Potenzial zeigt noch eine weitere Zahl: 2,2 Milliarden Dollar. So viel gab Paypal in diesem Jahr für den schwedischen Konkurrenten iZettle aus. Nach der Übernahme hatte Christ dem Tagesspiegel gesagt: „Wir sind größer als iZettle“. Umsatz und Nutzerzahl lägen höher und SumUp sei in viel mehr Ländern aktiv. Das Branchenportal Deutsche-Startups schätzt den Firmenwert daher auf drei Milliarden Dollar. Einziger Haken: Zwar arbeitet gut ein Viertel der 1300 SumUp-Mitarbeiter in Berlin, doch das hier gegründete Start-up hatte 2011 den Hauptsitz nach London verlegt.

Celonis

Gründung: 2011

Sitz: München

Mitarbeiter: 500

Idee: Datenanalyse für Unternehmen

Wenn Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier über Digitalisierung und innovative Unternehmen aus Deutschland spricht, erwähnt er als Beispiel gern Celonis. Denn die Münchner sind die Ersten, die es geschafft haben, nach einer Förderung mit dem Exist-Gründerstipendium zum Unicorn aufzusteigen. Das Programm des Wirtschaftsministeriums unterstützt ein Jahr lang Studierende und Uniabsolventen, die ein Unternehmen gründen möchten. Auch Bastian Nominacher und seine Kommilitonen Alexander Rinke und Martin Klenk nutzten das, um aus ihrem Studentenprojekt an der Technischen Universität München ein Unternehmen zu machen.

Sie wollten mit einem neuartigen Ansatz namens „process mining“ verschiedene Unternehmensdaten analysieren. „Der Haken war nur, dass es keine Software dafür gab, um es in der Praxis umzusetzen“, erinnert sich Nominacher. „Also haben wir kurzerhand selbst eine geschrieben.“ Damit kann das Start-up nun die Abläufe in Unternehmen anhand verschiedener großer Datenmengen durchleuchten und visualisieren. Celonis erkennt dabei Muster und kann so ineffiziente Prozesse oder Schwachstellen identifizieren. Zu den Kunden gehören Konzerne wie Airbus, BMW, Siemens, Uber und GlaxoSmithKline. Das Geschäft wächst und so auch die Mitarbeiterzahl: „Wir gehen 2019 von 300 Neueinstellungen aus.“

Flixbus

Gründung: 2011

Sitz: München

Mitarbeiter: 1200

Idee: Plattform für Fernbusse und Fernzüge

Nachdem Flixbus den deutschen Fernbusmarkt aufgerollt hat und durch die Übernahme von verschiedenen Konkurrenten quasi zum Monopolisten geworden ist, greift das Start-up nun auch den US-Markt an. Mit Kampfpreisen von 2,99 Dollar für Strecken wie San Francisco–Los Angeles machen die grünen Busse den örtlichen Greyhounds Konkurrenz. Im Mai war Flixbus mit 28 Städten gestartet, inzwischen steuern die zwölf Buspartner vor Ort 60 Ziele in den USA an. „In nur fünf Monaten hat sich Flixbus im Westen der USA etabliert“, sagt Gründer André Schwämmlein. „Unser Plan ist es, dass 2019 weit mehr als 100 Flixbusse auf den amerikanischen Autobahnen unterwegs sind.“ Dazu sollen im kommenden Jahr weitere Städte wie Texas und New York als neues Drehkreuz für die Ostküste hinzukommen.

Schwerer tut sich das Unternehmen dagegen mit seiner Alternative auf der Schiene. Der Flixtrain fährt zwischen Köln und Hamburg sowie Stuttgart und Berlin. Auf die geplante Verbindung zwischen Berlin und München muss das Start-up dagegen verzichten, da auf der neuen Schnellstrecke nur ICE-Züge zugelassen sind.

Wann hebt es ab? Bundeskanzlerin Angela Merkel und mehrere Minister besichtigen auf dem Digitalgipfel den Prototyp des Lufttaxis von Lilium.
Wann hebt es ab? Bundeskanzlerin Angela Merkel und mehrere Minister besichtigen auf dem Digitalgipfel den Prototyp des Lufttaxis...Foto: Daniel Karmann/dpa

Lilium

Gründung: 2015

Sitz: München

Mitarbeiter: 200

Idee: Senkrecht startende, elektrische Flugtaxis

Sobald irgendwo von Flugtaxis die Rede ist, sind die Kritiker nicht weit. Deutschland solle erst einmal Glasfaser legen und die Mobilfunklöcher stopfen, mosern sie, wenn Politiker wie Digitalstaatsministerin Dorothee Bär von fliegenden Taxen träumen. Dabei ist die Technologie längst kein Luftschloss mehr, Unternehmen wie Uber und Airbus tüfteln daran und auch Google-Gründer Larry Page finanziert ein solches Projekt.

Eines der vielversprechendsten entsteht in Weßling bei München. Bekannte Investoren wie TV-„Löwe“ Frank Thelen, Skype-Gründer Niklas Zennström und das chinesische Internetunternehmen Tencent haben mehr als 100 Millionen Dollar investiert.

„Im nächsten Jahr liegt der Schwerpunkt unserer Aktivitäten auf der Arbeit an unserem neuen fünfsitzigen Lilium Jet, für den wir auch Testflüge planen“, sagt ein Sprecher des Start-ups. Der Prototyp eines Zweisitzers war erstmals 2017 abgehoben.

Auto1

Gründung: 2012

Sitz: Berlin

Mitarbeiter: 4000

Idee: Plattform zum Ankauf von Gebrauchtwagen

Obwohl Auto1 derzeit das am höchsten gehandelte deutsche Start-up ist, dürfte der Name vielen bislang kaum etwas sagen. Bekannter ist das Unternehmen unter seiner Marke Wirkaufendeinauto.de. Wer seinen gebrauchten Wagen loswerden möchte, bekommt dort direkt ein Angebot. Allerdings liegen die letztlich gezahlten Preise dann oft stark darunter. Trotzdem ist das bequeme Angebot enorm populär: Im Schnitt 3000 Fahrzeuge nimmt der Onlinegroßhändler täglich ab, die Plattform arbeitet mit 55 000 Partnerhändlern zusammen. Im Frühjahr 2018 steckte mit dem Softbank Vision Funds aus Japan der derzeit finanzkräftigste Technologieinvestor der Welt fast eine halbe Milliarde Euro in das Unternehmen. Damit wurde das Start-up mit 2,9 Milliarden Euro bewertet.

GoEuro

Gründung: 2013

Sitz: Berlin

Mitarbeiter: 300

Idee: Vergleichsportal für Reisen mit Bus, Bahn oder Flugzeug

Cristina Stenbeck war lange die wichtigste Geschäftspartnerin der Samwer-Brüder. Sie ist Chefin der schwedischen Investmentgesellschaft Kinnevik und steckte in den vergangenen Jahren weit über eine Milliarde Euro in Rocket Internet, die Start-up-Schmiede der Samwers. Vor drei Jahren begann dann die Trennung, da es zunehmend Interessenskonflikte gab. Doch die Berliner Gründerszene verfolgt Stenbeck weiter genau. Im Herbst entschied sie sich für eine neue Großinvestition: 150 Millionen Dollar steckte Kinnevik gemeinsam mit anderen Investoren in GoEuro. Zudem sitzt Stenbeck nun auch im Aufsichtsrat. Pro Monat benutzen inzwischen fast 30 Millionen Menschen die Plattform, um die schnellste oder günstigste Reiseroute zu finden. Denn bei GoEuro können Nutzer Reiseverbindungen in Europa zwischen Bus, Bahn und Flug nach Preis und Dauer vergleichen. Ein Großteil der Tickets kann auch direkt gebucht werden.

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