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Vier Milliarden weniger Gewinn : Bahn korrigiert Ertragsziele massiv nach unten

Vor allem die Gütersparte schreibt hohe Verluste. Damit werden die Prognosen zum wiederholten Male von der Realität eingeholt.

Auch die neuen Intercity-Doppelstockzüge werden der Bahn nicht so bald die erhofften Gewinne bringen.
Auch die neuen Intercity-Doppelstockzüge werden der Bahn nicht so bald die erhofften Gewinne bringen.Foto: Danny Gohlke/dpa

Die Deutsche Bahn erwartet von 2020 bis 2022 fast vier Milliarden Euro weniger Betriebsgewinne als geplant. Das zeigt die vertrauliche Planung des größten Staatskonzerns, dieser Redaktion in Auszügen vorliegt. Nach den bisher strittigen Eckdaten von DB-Chef Richard Lutz, die der Aufsichtsrat in zwei Wochen erneut beraten soll, wird das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) in diesem und im nächsten Jahr auf jeweils noch 1,3 Milliarden Euro sinken. 2018 lag der Ertrag mit 1,82 Milliarden Euro weit höher.

Vor einem Jahr hatte die DB-Spitze noch mit einem fast doppelt so hohen Gewinn kalkuliert. Nach der damaligen Mittelfristplanung wurde für 2020 ein EBIT von 2,23 Milliarden Euro erwartet und für 2021 eine Steigerung auf 2,73 Milliarden Euro. Nimmt man die Planung für 2022 in die Rechnung mit auf, entsteht so ein Fehlbetrag von knapp vier Milliarden Euro.

Vor zwei Jahren lag die Latte sogar noch höher. Damals hatte Lutz für 2020 einen operativen Gewinn von 3,10 Milliarden Euro und von 3,45 Milliarden Euro für 2021 versprochen.

Schwere Aufgaben für Sigrid Nikutta

Bereits Ende 2018 jedoch musste der vormalige DB-Finanzchef seine Gewinnversprechen für die kommenden vier Jahre um fast drei Milliarden Euro nach unten korrigieren. Das löste damals einigen Unmut besonders auf Seiten der Regierungsvertreter im Aufsichtsrat aus. Auch die neue Gewinnplanung, die erstmals über elf Jahre bis 2030 reicht, ist unter den 20 Aufsehern des Staatskonzerns umstritten und wurde bisher nicht verabschiedet.

Dabei geht es vor allem um die Sanierung der schwer angeschlagenen Gütersparte, die die bisherige Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe Sigrid Nikutta wieder in die Spur bringen soll. Bei der DB Cargo AG werden für 2019 nach Informationen unserer Redaktion mehr als 300 Millionen Euro Verlust (EBIT) erwartet. Bereits 2018 fuhr Europas größte Frachtbahn 190 Millionen Euro Minus ein, nochmals 100 Millionen Euro mehr als im Jahr zuvor. Die Konzernzahlen für 2019 legt Lutz am 26. März vor.

Sigrid Nikutta, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bahn und seit Januar 2020 verantwortlich für das Ressort Güterverkehr und Vorstandsvorsitzende von DB Cargo.
Sigrid Nikutta, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bahn und seit Januar 2020 verantwortlich für das Ressort Güterverkehr und...Foto: Mike Wolff, TSP

Die Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat des Konzerns und bei DB Cargo dringt auf Sanierungsprogramme vor allem für den hoch defizitären Einzelwagenverkehr und erwartet auch von der der Bundesregierung und Verkehrsminister Andreas Scheuer Konzepte, um mehr Fracht von der Straße auf die Schiene zu bringen. Die Gütersparte gilt als eines der größten Probleme des klammen Staatskonzerns. Daneben soll die DB beim aus dem Ruder gelaufenen Großprojekt Stuttgart 21 mehr als fünf Milliarden Euro selbst finanzieren, ein Vielfaches der geplanten Summe und das Zehnfache des letzten Jahresüberschusses im Konzern.

Arriva-Verkauf wohl erst 2021

Ein Bahnsprecher wollte die vertraulichen Zahlen nicht näher kommentieren: „Die DB wird in den nächsten Jahren so umfangreich wie nie in die Zukunft und Qualität des Bahnverkehrs investieren. Das spiegelt sich natürlich in niedrigeren Gewinnerwartungen.“ Auch Konzernchef Lutz betont regelmäßig, dass man zu Gunsten massiver Investitionen in den nächsten Jahren auf Ertrag verzichten werde. Die Zufriedenheit der Kunden stehe vor Ertragszielen.

Die Planzahlen zeigen auch, dass die DB-Spitze erst 2021 mit dem verschobenen Verkauf der britischen Nahverkehrstochter Arriva und ihren mehr als 50.000 Beschäftigten rechnet, für die es bisher keine ausreichenden Gebote gibt. In diesem Jahr soll der Konzernumsatz auf 45,5 Milliarden Euro wachsen, rund 1,4 Milliarden Euro mehr als 2018. Erst im nächsten Jahr wird ein Umsatzrückgang auf 42,1 Milliarden Euro im Konzern durch die Trennung von Arriva erwartet.

Bereits 2023 soll aber die Delle ausgebeult sein und der DB-Umsatz bis 2025 auf 48 Milliarden und bis 2030 auf 53 Milliarden Euro wachsen. Dazu sollen unter anderem die Verdoppelung der Fahrgastzahlen im Fernverkehr, der geplante attraktive Deutschland-Takt und die Gesundung der Frachtsparte sorgen. Auch diese Planzahlen sind weit von früheren hochfliegenden Zielen entfernt. So wollte Ex-DB-Chef Rüdiger Grube noch vor sechs Jahren dem DB-Umsatz vor allem durch massive internationale Expansion auf 70 Milliarden Euro verdoppeln. Auch sein Sanierungsprogramm „Zukunft Bahn“ versandete.

Milliarden für die Modernisierung nötig

Die neuen Umsatz- und Gewinnziele erscheinen um einiges realistischer. Erst für 2022 wird ein höheres EBIT von 1,5 Milliarden Euro erwartet, das dann kontinuierlich ansteigen soll. Für 2025 werden 2,2, für 2028 dann 2,5 und für 2030 schließlich 2,7 Milliarden Euro erwartet. Die starken Veränderungen in den Planzahlen zeigen, dass die DB-Bilanzen sehr viel Gestaltungsspielraum bieten.

Das liegt zum einen an den fast 700 Tochterfirmen des Staatskonzerns in mehr als 140 Ländern, zum anderen an den hohen Summen, die jedes Jahr direkt und indirekt an Steuergeld in den Schienenverkehr und an den Ex-Monopolisten fließen, der unter seinem Konzerndach auch die bundeseigene Infrastruktur verwaltet.

Allein für die Modernisierung des lange vernachlässigten gut 33.000 umfassenden Gleisnetzes, zu dem mehr als 25.000 Brücken und gut 5000 Bahnhöfe gehören, sollen bis 2030 mehr als 50 Milliarden Euro vom Bund fließen. Weitere mehr als 30 Milliarden Euro soll der bereits hoch verschuldete Konzern selbst erwirtschaften. Wie das angesichts der Gewinnkorrekturen und der Abschreibungsrisiken gelingen soll, ist fraglich. Zumal das Coronavirus für Umsatz- und Ertragseinbrüche bei einem der größten Transportkonzerne Europas sorgen könnte.

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