Wann Entwicklungshilfe wirklich hilft : "Eine der wichtigsten Fragen der Menschheit"

Das Ehepaar Esther Duflo und Abhijit Banerjee bekommt zusammen mit Michael Kremer den Wirtschaftsnobelpreis. Sie kämpfen gegen Armut weltweit.

Esther Duflo und Abhijit Banerjee vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) sind das erste Ehepaar, das mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wird.
Esther Duflo und Abhijit Banerjee vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) sind das erste Ehepaar, das mit dem...Foto: AFP

Menschen, die in Armut leben, werden zu oft als faul und verzweifelt abgestempelt, sagt Esther Duflo. Schlichtweg, weil man nicht wisse, wie Armut entstehe und wie man sie wirksam bekämpfen könne. Genau das versucht die französische Ökonomin mit ihrer Forschung zu ändern und führt dafür Experimente durch – teils allein, teils mit ihrem Ehemann Abhijit Banerjee, mit dem sie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitet. Oft stößt auch Michael Kremer dazu, der an der Harvard Universität forscht. Alle drei sind am Montag mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet worden.

„Die Bekämpfung von Armut ist trotz aller Erfolge nach wie vor eines der wichtigsten Themen unserer Zeit“, sagte Jakob Svensson, Ökonomieprofessor an der Universität Stockholm und Mitglied des Nobelpreiskomitees. Noch immer lebten 700 Millionen Menschen von einem extrem niedrigen Einkommen. Wie man Armut effektiv verringern kann, sei daher eine der wichtigsten Fragen der Menschheit.

Duflo, Banerjee und Kremer versuchen Antworten zu geben. Zum Beispiel beim Thema Schulbildung. Dank Entwicklungsgeldern gehe in armen Ländern zwar bereits ein Großteil der Kinder zur Schule – viele aber verlassen sie ohne Grundkenntnisse im Schreiben, Lesen und Rechnen. Um herauszufinden, warum das so ist, hat Kremer bereits in den neunziger Jahren in Kenia Studien durchgeführt.

Er hat getestet, ob die Schüler mehr lernen, wenn die Klassen kleiner sind, mehr Schulbücher zu Verfügung stehen oder die Kinder ärztlich betreut werden. Von mehr Büchern etwa haben nur Kinder profitiert, die ohnehin gut in der Schule waren. Durch eine bessere Gesundheitsversorgung wiederum sind die Kinder zwar öfter in die Schule gekommen – ihre Noten aber haben sich kaum verbessert.

Michael Kremer lehrt an der Harvard Universität und ist der dritte Preisträger in diesem Jahr.
Michael Kremer lehrt an der Harvard Universität und ist der dritte Preisträger in diesem Jahr.Foto: AFP

Duflo und Banerjee haben diese Forschungen ergänzt. Herausgekommen ist eine Methode, nach der nun 60 Millionen Kinder in Afrika und Asien unterrichtet werden. Entscheidend sei, dass Schüler nicht entsprechend ihres Alters sondern ihrer Kenntnisse in Schulklassen zusammengefasst werden. Statt sich an einen Lehrplan zu halten, sollen die Lehrer davon ausgehen, was die Schüler noch nicht können.

Auf diese Weise hilft die Arbeit der Ökonomen dabei, Entwicklungsgelder dort einzusetzen, wo sie tatsächlich etwas bewirken. Weil es dabei nicht die eine Lösung gibt, nehmen die Forscher sich immer wieder neue Probleme vor. Gekümmert haben sie sich zum Beispiel auch um die Impflücke. Obwohl inzwischen viel Geld für Impfungen in Entwicklungsländer fließt, kommt es bei den Familien nicht an. Noch immer gibt es 25Millionen Kinder, die keine Impfung erhalten.

Duflo hat das Problem mit ihrem Team in 134 Dörfern der indischen Region Udaipur untersucht. Erst testeten sie, was sich ändert, wenn man Camps errichtet, in denen die Kinder geimpft werden – dadurch ist die Zahl der Impfungen von sechs auf 17 Prozent gestiegen. Grundlegend verbessert hat sich die Lage aber erst, als sie den Eltern einen weiteren Anreiz gaben: Wer sein Kind impfen ließ, hat dafür eine Kilo Linsen erhalten. Das hat die Zahl der Impfungen schließlich auf 38 Prozent erhöht.

Duflo sagt: „Wenn wir nicht wissen, wie wir überhaupt Gutes tun, sind wir nicht besser als die Mediziner im Mittelalter mit ihren Blutegeln.“ Damals habe sich mal ein Patient erholt, mal sei er gestorben – warum, wusste keiner.

Die Auszeichnung mit dem Wirtschaftsnobelpreis war für Duflo eine Überraschung: „Wir hätten nicht gedacht, dass wir den Nobelpreis gewinnen könnten – allein schon aufgrund unseres Alters.“ Duflo selbst ist erst 46 Jahre alt und damit die jüngste Preisträgerin, die jemals den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hat. Auch Kremer und Banerjee gehören mit 54 beziehungsweise 58 Jahren eher zu den Jüngeren im Kreis der Nobelpreisempfänger.

Esther Duflo ist die zweite Frau, die die hohe Auszeichnung erhält.
Esther Duflo ist die zweite Frau, die die hohe Auszeichnung erhält.Foto: dpa

Duflo ist erst die zweite Ökonomin, die die Auszeichnung erhält. Erstmals ist 2009 mit Elinor Ostrom eine Frau mit dem Wirtschaftsnobelpreis geehrt worden. Duflo sagte, sie wolle repräsentativ für alle Ökonominnen stehen, die in der Volkswirtschaftslehre noch immer untergingen. Sie wolle Frauen inspirieren, ihrer Forschung nachzugehen. Auch sollte ihre Auszeichnung viele Männer dazu bringen, Frauen den Respekt zu zollen, den sie verdienten.

Für Duflo geht mit dem Preis ein Kindheitstraum in Erfüllung. Als Mädchen habe sie eine Biographie der Wissenschaftlerin Marie Curie gelesen, die 1903 den Nobelpreis für Physik erhalten habe. Von dem Preisgeld kaufte sich diese damals ein Stück Radium, um ihre Forschungen fortsetzen zu können. Das habe sie fantastisch gefunden. Was sie und die beiden anderen Preisträgern mit den neun Millionen Kronen (830000 Euro) machen werden, sei noch offen. Sie müssten nun gemeinsam überlegen, „was genau unser Gramm Radium ist“.

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