Wassersensible Stadtentwicklung : „Schwammstädte“ gegen Starkregen und Hitze

Die städtische Infrastruktur ist darauf ausgelegt, Regenwasser so schnell wie möglich abzuleiten. Im Zuge des Klimawandels gilt das als obsolet.

Ein Unwetter in Potsdam.
Ein Unwetter in Potsdam.Foto: Sebastian Gabsch/PNN

Die jüngsten Regenfälle in Hessen haben erneut gezeigt, wie schnell es zu urbanen Überflutungen kommen kann. Nicht nur, dass der Verkehr lahmgelegt wird; es besteht Gefahr für Leib und Leben. Wie können sich vor allem Großstädte gegen zunehmende Starkregen-Ereignisse wappnen? Daran arbeiten Stadtplaner nicht nur in Europa, sondern auch in Asien und den USA.

Aus den Vereinigten Staaten stammt die Idee der „Sponge Cities“, Städten also, die Regen wie ein Schwamm „aufsaugen“ und bei Bedarf langsam wieder abgeben. Das hätte gleich mehrere positive Effekte: Das Abwasser-Netz wird entlastet, die Grundwasser-Reservoirs werden aufgefüllt und zugleich geschont, außerdem verbessert sich das Mikroklima, wenn die nächste Hitzewelle kommt. Dann verdunstet das in Rückhaltebecken aufgefangene Regenwasser und wirkt wie eine natürliche Klimaanlage.

Beispiele gibt es schon heute in Deutschland: In Berlin Adlershof wird das Regenwasser von Grundstücken, Plätzen und Straßen in Rasenmulden gesammelt und versickert dort. Das entlastet die Kanalisation und soll Überflutungen verhindern.

Während der Internationalen Gartenausstellung 2017 in der Hauptstadt zeigten sogenannte Baum-Rigolen ihr Potenzial zum Wassersammeln auch bei starken Regenfällen. Das sind Mulden oder Gräben, die um Bäume herum angelegt werden. Im Juni 2019 beschloss der Berliner Senat zudem ein „1000 Grüne Dächer“-Programm, um einen Teil des Regenwassers oberirdisch aufzunehmen. 

Hamburg begann damit 2014 als erste deutsche Großstadt. Die Hansestadt fördert die Dachbegrünung bis heute mit insgesamt drei Millionen Euro. „Bis 2020 sollen in Hamburg Gründächer mit einer Gesamtfläche von etwa 100 Hektar entstehen“, heißt es bei der Behörde für Umwelt und Energie (BUE), die selbst ein parkartiges Gründach besitzt. Das Förderprogramm fügt sich in ein größeres Projekt ein, das dieselbe Behörde mit dem städtischen Versorger Hamburg Wasser entwickelt hat: Den „Strukturplan Regenwasser 2030“, der wiederum auf dem Risa-Projekt von 2009-2015 basiert (Risa steht für RegenInfraStrukturAnpassung).

Gründächer halten die Nässe

Zu dem Plan gehört eine Reihe von Schulen, Wohnsiedlungen und öffentlichen Gebäuden, die an eine dezentrale Entwässerung angeschlossen werden. Ebenso gewerbliche Parkplätze, die als mögliche Überflutungsflächen dienen können. Vor kurzem wurde wieder ein Schulhof mit Mulden und einer Rinne versehen, damit der Regen auf natürliche Weise versickern kann.

„Insgesamt verringert sich die in die Siele gelangende Wassermenge bei Regen um rund 50 Liter pro Sekunde“, erklärt ein Hamburg-Wasser-Sprecher. „Das ergibt rund 30 Prozent weniger Abfluss.“ Dass ein neuer Anbau dieser Schule ein Gründach trage, zeige außerdem, dass Nachverdichtung und Regenwasser-Management kein Widerspruch sein müssen. 

Auch Paris, Rotterdam, Shanghai und andere Großstädte setzen auf Gründächer. Ihre Planer machen sich Gedanken über die dezentrale Bewirtschaftung von Niederschlagswasser. „Wir erhalten viele Anfragen aus anderen Städten in Deutschland und international, die zeigen, dass ein großes Interesse an der Hamburger Gründachstrategie besteht“, sagt eine BUE-Sprecherin. Als Beispiel nennt sie die Zusammenarbeit zwischen Hamburg und dem polnischen Gemeindenetzwerk Energie Cities.

Wirtschaftlicher durch Regenrückhaltung

Eine ökonomische Bewertung der Hamburger Hafencity-Universität im Auftrag der BUE kam 2017 zu dem Schluß, dass sich die Kosten für ein Gründach auf etwa 1,3 Prozent der gesamten Baukosten belaufen. Bei mehrgeschossigen Bauten könne dieser Anteil sogar auf 0,4 Prozent sinken. Bei der Betrachtung der Lebenszykluskosten lägen die Kosten konventioneller Dächer in einem Zeitraum von 40 Jahren gleichauf mit denen von Gründächern. 

Eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung resümierte 2018, dass es am wirtschaftlichsten sei, Regenrückhaltung und Objektschutz gegen Hochwasser  zu verbinden – etwa durch Mulden sowie durch Türen im Erdgeschoss, die das Eindringen stehenden Wassers verhindern können.

Das Umweltbundesamt wies vor zwei Jahren darauf hin, dass die Zahl der Tage, die Großwetterlagen mit hohem Überflutungspotenzial bringen, in den vergangenen 30 Jahren um das Zwei- bis Dreifache über den Werten zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag. Und kam zu dem Fazit: „Obwohl es in Zukunft wohl häufiger Niederschlagsextreme geben wird, wird insgesamt mit weniger sommerlicher Niederschlagsmenge und vermehrter Trockenheit gerechnet.“

Versiegelung rückgängig machen

Angesichts solcher Perspektiven sind viele Stadtplaner sich einig, dass vor allem die großflächige Versiegelung in den Städten gemindert werden muss und, wo möglich, auch rückgängig gemacht wird. Das wäre auch für den Wasserhaushalt der Natur von Vorteil. Wo Beton und Asphalt vorherrschen, dringt Regenwasser zum großen Teil nicht mehr in tiefere Erdschichten. Dadurch sinkt der Grundwasserpegel.

Gegen all das könnte die „wassersensible Stadtentwicklung“ helfen, wie das Sponge-City-Konzept auch genannt wird. Was klingt, als wäre die Achtsamkeitsbewegung nun auch ins Ingenieurswesen eingezogen, könnte am Ende schlicht mehr Lebensqualität für die Bewohner von Metropolen bedeuten. 

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