Weltfrauentag 2019 : Die IT-Branche und ihr Frauenproblem

An den deutschen Unis sinkt der Anteil von Informatik-Studentinnen. Dabei war das Programmieren ursprünglich ein Frauenberuf

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht mit zwei Schülerinnen über das Programmieren
Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht mit zwei Schülerinnen über das ProgrammierenFoto: Jensen/dpa

Mathe hätte Aya Jaff fast das Abitur gekostet. Nur einen Punkt hat sie in dem Fach bekommen – heute gehört sie zu Deutschlands bekanntesten Programmiererinnen. Jaff ist 23 Jahre alt, trägt gerne bauchfreie Tops oder altrosa Hosenanzüge und spricht als Rednerin auf Entwicklerkonferenzen wie den „code.talks“. Weiblich, interessiert an Mode, kein geborenes Mathe-Genie und trotzdem erfolgreiche Informatikerin: Damit ist Aya Jaff eine Exotin in der IT-Branche.

Weniger als 30 Prozent der Angestellten in der Digitalbranche sind weiblich, bei den Selbstständigen und Gründern sind es sogar nur elf Prozent, teilt Wirtschaftsstaatssekretär Ulrich Nußbaum auf eine aktuelle Anfrage der innovationspolitischen Sprecherin der Grünen, Anna Christmann mit, die dem Tagesspiegel vorliegt – und es sieht nicht so aus, als würde sich dieses Ungleichgewicht bald ändern: Denn nur gut jeder siebte Bewerber (15 Prozent) auf eine Stelle für IT-Spezialisten ist weiblich, wie eine Befragung von mehr als 500 Unternehmen der IT- und Telekommunikationsbranche im Auftrag des Digitalverbands Bitkom zeigt. Dabei sind die Firmen demnach großen Willens, den Frauenanteil unter den eigenen IT-Fachkräften zu erhöhen: 55 Prozent erklären, sich intern dieses Ziel gesetzt zu haben.

Doch woher nehmen, wenn immer weniger Frauen Informatik studieren? Rund 8800 Studentinnen haben sich 2017 für das Fach entschieden, das sind laut Bitkom sogar fast zwei Prozent weniger als im Vorjahr. Währenddessen stieg die Zahl männlicher Studienanfänger um 1,3 Prozent auf rund 30 500. Noch geringer ist die Quote bei den Absolventen: Lediglich 19 Prozent waren 2017 weiblich – wohl auch, weil es an Vorbilder in der Wissenschaft fehlt: Derzeit sind nur 12,4 Prozent der Informatik-Professuren mit Frauen besetzt, wie die Antwort auf Christmanns Anfrage zeigt. Auch hier stagniert der Anteil seit fünf Jahren.

Ein typischer Beruf für Frauen

Dabei war Programmieren Anfang in einer der ersten Phasen der Computerentwicklung Anfang des 20. Jahrhunderts ein typischer Frauenberuf: „Programmieren ist wie Abendessen vorbereiten“, soll Grace Hopper der „Cosmopolitan“ in den 60er Jahren gesagt haben. Sie schuf 1949 den ersten Compiler, der Quellcode in Maschinencode übersetzt. 1957 entwickelte sie die Programmiersprache Flow-Matic, welche erstmals englische Wörter als Befehle nutzte.

Heute leben wir zwar im digitalen Zeitalter – doch Programmieren gilt weder als typische Tätigkeit für Frauen noch als coole Fähigkeit. Jaff verheimlichte es vor ihren Freundinnen sogar, als sie mit 16 Jahren ihre ersten Zeilen Java-Code schrieb: „Mir war das peinlich“, sagt sie. Entwickler, das waren auch für sie ungeduschte Männer, die in Kellern sitzen. Weil Jaff sich aber eine App wünschte, die den Vertretungsplan am schwarzen Brett ihres Gymnasiums ersetzte, lernte sie selbst zu programmieren. „Rechenkenntnisse aus der Grundschule reichen dafür aus“, sagt sie.  

Wie Jaffs Beispiel zeigt, braucht es oft praktische Beispiele, um Kinder und Jugendliche für das Programmieren zu begeistern. Informatikunterricht ist da nicht gleich Informatikunterricht. Ursula Köhler, promovierte Informatikerin und Sprecherin der Fachgruppe „Frauen und Informatik“ der Gesellschaft für Informatik, fordert etwa „Computational Thinking“ zu lehren. Mädchen wie Jungen können so lernen, wie ein Computer zu denken.

Weg von Klischees

Auch Anja Feldmann, eine der renommiertesten Informatikerinnen Deutschlands, spricht sich dafür aus, Kinder möglichst früh Informatik heranzuführen. Sie selbst entschied sich in der elften Klasse für das Fach: „Das war mein Glück“, sagt Feldmann, die heute Direktorin des Max-Planck-Instituts für Informatik in Saarbrücken ist. Um den Frauenanteil zu erhöhen, wünscht sie auch weniger klischeehafte Darstellungen zur Informatik und Tech, etwa in Filmen und Serien. „Davon müssen wir weg“, fordert sie – doch selbst das Bundesinnenministerium bebildert eine Webseite zum Thema Cyberspionage mit einem Mann, der die Kapuze seines schwarzen Pullovers tief ins Gesicht gezogen hat.

Die Folgen solcher Vorurteile bekommt Jaff regelmäßig zu spüren. Zum Beispiel, als ein Mann auf einer Konferenz die in schwarz gekleidete Frau für eine Kellnerin hält. „Tut mir leid, ich kann ihnen kein Bier holen – ich muss auf die Bühne“, war Jaffs perplexe Antwort. „Das war mir richtig unangenehm“, sagt sie heute. Zu ihren Vorbildern zählt Marissa Mayer, Programmiererin und ehemalige Yahoo-Chefin. Als sie sich 2013 für die „Vogue“ im blauen Kleid auf einer Chaiselongue räkelt, fragt eine PR-Firma auf Twitter „Too sexy for IT?“.

Die promovierte Informatikerin Feldmann wurde 2012 als erste Frau in den Aufsichtsrat des Softwarekonzerns SAP gewählt. „Mich hat das wenig beschäftigt“, sagt sie. „Dort die einzige Frau auf der Arbeitgeberseite zu sein, war für mich kein Thema.“

Häkel-Nachhilfe mit Fußball-Beispiel

Immer wieder weisen Frauen auf Diskriminierung und sexuelle Belästigung in der Gründerszene hin. Hinzu kommt, dass es kaum Investorinnen gibt, sodass Frauen sich oft erst einen männlichen Mitgründer an die Seite holen oder das millionenschwere Potenzial des Häkel-Marktes anhand von Fußballfeldern erklären müssen, um eine Finanzierung zu bekommen, wie Amber Riedl vom Berliner Start-up Makerist.

„Eine Zukunftsbranche wie die Digitale darf nicht länger eine Männerdomäne bleiben“, fordert Grünen-Politikerin Anna Christmann. Umso schwerer wiege es, dass sich der „erschreckend niedrige Frauenanteil in der Digitalbranche in den vergangenen zehn Jahren regelrecht zementiert“ habe. Doch die Bundesregierung unterschätze das Problem von zu wenigen Frauen im IT-Bereich „derzeit massiv“. Das seit zehn Jahren existierende Professorinnenprogramm und der Girls Day reichten ganz offensichtlich nicht aus, es fehle an neuen Ideen.

Wie wichtig eine diverse Digitalbranche sei, in der die Programme nicht nur von Männern sondern auch von Frauen erdacht und entwickelt werden, zeigten Beispiele von Sprachassistenten, die Frauenstimmen nicht verstehen, Einstellungssoftware, die nur Männer befördert oder Gesundheits-Apps, die in der Mehrheit auf männliche Körper ausgerichtet sei. Auch eine Staatsministerin für Digitalisierung mache „noch keinen IT-Sommer für Frauen“. Christmann fordert spezifische Angebote für Mädchen und Frauen in Schulen und Hochschulen.

Ein Studiengang nur für Frauen

Die gibt es sogar bereits, wenn auch in ausbaufähigem Umfang. Seit 2009 bietet die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin ein Bachelorstudium für Informatik und Wirtschaft als reinen Frauenstudiengang an. „Vor allem Frauen fürchten, bereits Wissen mitbringen zu müssen und da im Gegensatz zu Männern schlechter abzuschneiden“, sagt Juliane Siegeris, die Professorin an der Hochschule ist. Deshalb werbe die HTW damit, „bei der IT bei null anzufangen“. Dazu wurde ein Mentoringprogramm für Frauen in der IT aufgelegt – mit vielversprechendem Ergebnis: 40 Frauen würden sich jedes Jahr immatrikulieren, 75 Prozent das Studium abschließen.

Auch Aya Jaff weiß, wie groß das Potenzial ist, dass noch gehoben werden muss – auch, um diskriminierende Strukturen der analogen Welt zu erkennen und zu überwinden. „Mit mehr Coderinnen hätte es sicher früher eine Menstruations-App gegeben“, sagt sie: „Und Siri hätte weibliche Stimmen gleich zu Anfang erkannt.“

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