Wenn ich groß bin... : Wer prägt, was wir beruflich machen?

Kinder wollen später als Astronaut oder Schauspielerin arbeiten. Sind sie erwachsen, sitzen viele stattdessen im Büro. Wer bestimmt, was aus uns wird?

Hoch hinaus. Erzählen Grundschüler von ihren Träumen, handeln die oft vom großen Abenteuer.
Hoch hinaus. Erzählen Grundschüler von ihren Träumen, handeln die oft vom großen Abenteuer.Foto: Getty Images/iStockphoto

Eine Mutter kauft mit ihrem Kind bei Edeka ein. Vor der Fleischtheke bleibt sie stehen, schaut die Verkäuferin an und sagt: „Wenn Du weiterhin nichts für die Schule lernst, dann stehst Du auch mal dort hinten!“ Wütend hat der Supermarkt diesen Moment vor Monaten bei Facebook beschrieben und die Kundin kritisiert. Und dann solle sich nochmal jemand wundern, warum Jugendliche keine Lehre machen wollen?

Erzählen Grundschüler, was sie einmal werden wollen, sagen sie: Polizist! Pilot! Feuerwehrmann, Fußballprofi oder Astronaut! Mädchen möchten am liebsten Tiere oder Menschen heilen, Kindern die Welt erklären, Diebe schnappen oder schauspielern. Doch stattdessen sitzen viele von ihnen als Erwachsene im Büro. Warum platzen Kinderträume? Was passiert zwischen dem ersten Tag in der Schule und dem letzten?

Ein Anruf bei Verena Eberhard. „Jugendliche werden realistischer“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesinstituts für Berufsbildung. „Sie beobachten, was sie interessiert, gut können und suchen sich einen Beruf, der dazu passt.“ Soviel zur freien Wahl. Hinzu kommen Zweifel. Nimmt mich ein Betrieb wohl mit diesem Zeugnis? Habe ich eine Chance als Schauspieler oder stehe ich später beim Arbeitsamt? Bin ich gut genug für das Medizinstudium? Schlau genug?

In Deutschland definieren sich die Menschen stärker über ihre Arbeit als in anderen Ländern. Was jemand macht, ist eine der allerersten Fragen im Gespräch. Deswegen hängt von der Entscheidung besonders viel ab. „Bei einem Beruf mit hohem gesellschaftlichen Ansehen bekomme ich eher positives Feedback“, sagt Verena Eberhard. „Bei einem, der wenig wertgeschätzt wird, stoße ich eher auf soziale Ablehnung.“

Die Meinung von Eltern, Freunden, Lehrern prägen enorm. Studien würden zeigen: Auch wenn ein 16-Jähriger den Job des Pflegers gut findet, entscheidet er sich womöglich dagegen, wenn Menschen um ihn herum schlecht darüber reden. Das Bundesinstitut für Berufsbildung habe außerdem untersucht, welche Attribute Jugendliche mit einem angesehenen Job verbinden. Das seien nicht Geschicklichkeit oder ein guter Umgang mit anderen. Geachtet wird aus ihrer Sicht, wer gebildet ist und Geld hat.

Die OECD kritisiert: Warum so traditionell?

Viele Branchen klagen inzwischen über einen dramatischen Fachkräftemangel. In Krankenhäusern gibt es zu wenig Mitarbeiter, in Kindertagesstätten und auch im Handwerk. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die Schulklassen sind kleiner als vor einigen Jahrzehnten. Immer mehr möchten Abitur machen und studieren, nicht früh aufstehen und malochen. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks freut sich deswegen über die Wiedereinführung der Meisterpflicht in zwölf Gewerken. Durch eine andere Gesetzesänderung können sich Meister seit Anfang des Jahres auch Bachelor Professional nennen. Ziel der beiden Änderungen ist es, das Handwerk aufzuwerten.

Welchen Einfluss das Image eines Berufs hat, zeigt auch dieser Vergleich: Angehende Maurer bekommen in ihrer Ausbildung mit das meiste Gehalt, aber das Bild von ihrem Tun ist nicht sehr glamourös. Goldschmiede verdienen in einer Werkstatt weitaus weniger, aber die Ausbildung ist gerade bei jungen Frauen beliebt. Dabei denkt man immerhin an Schmuck und Juwelen – statt an Schweiß und Schmutz.

Selbst der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) machen die beruflichen Entscheidungen langsam Sorgen. Mit Veröffentlichung einer Studie hat sie in dieser Woche bemängelt, dass im Zeitalter sozialer Medien und künstlicher Intelligenz Jugendliche „kaum Tätigkeiten anstreben, die mit der Digitalisierung entstanden sind, sondern vor allem etablierte Berufe“.

15-jährige Mädchen wollten Lehrerin, Ärztin oder Managerin werden; die Jungen Ingenieur, Geschäftsmann oder Arzt. Obwohl auch diese Berufe weiterhin gebraucht werden, fordert der Bildungsdirektor der OECD, Andreas Schleicher, dass die Themen Berufsberatung und Arbeitswelt in den Schulen einen deutlich höheren Stellenwert bekommen sollten. „Man kann nicht werden, was man nicht kennt“, meint Schleicher.

Die Wirtschaft sieht das genauso. „Es fehlen häufig berufliche Vorbilder und es mangelt allzu oft an ausreichender Berufsorientierung in den Schulen“, findet die DIHK-Ausbildungsexpertin Jana Heiberger. Aus ihrer Sicht sei es sinnvoll, dass Schüler, aber auch Lehrer mal ein Praktikum in einem Betrieb machen und Azubis in Schulen von ihrem Alltag erzählen. In Deutschland gibt es mehr als 300 duale Ausbildungsberufe und über 20000 verschiedene Studiengänge. Soll es in Zeiten, in denen jeder ständig auf sein Smartphone starrt, wirklich ein Problem geben, was Kreatives zu finden? Natürlich sei das Angebot im Internet groß, sagt Heiberger. So groß, dass viele Schüler gar nicht wüssten, wo sie mit der Suche nach dem Traumjob anfangen sollen.

Eltern sagen: Mach lieber was Vernünftiges!

Was die OECD-Forscher noch feststellten, ist: Die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler beeinflusst ihre beruflichen Ambitionen. Leistungsstarke Jugendliche aus privilegierten Verhältnissen nannten im Schnitt viermal häufiger ehrgeizige Ziele als Schülerinnen und Schüler mit vergleichbaren Leistungen aus sozial schwachen Familien. Der Studie zufolge haben benachteiligte Schüler außerdem häufiger falsche Vorstellungen von dem Weg, den man für den jeweiligen Berufswunsch einschlagen muss.

Ich will Hartzer werden! Die Berliner Berufsberaterin Kathleen Kuhnt hat das durchaus schon gehört. Genauso hat sie überehrgeizige Eltern kennengelernt. Väter, die sagen: Mach lieber was Vernünftiges! „Da war mal ein Anwaltspaar, das ganz klar das Abitur gefordert hat und danach das Jurastudium“, sagt Kuhnt. Eltern redeten ihren Kindern immer mal wieder Wünsch aus – oder ein. Manchmal bloß unbewusst. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass viele Väter und Mütter dazu raten, einen möglichst hohen akademischen Abschluss zu erzielen. „Könnte man Friseur studieren, wäre für viele die Welt bereits in Ordnung“, heißt es darin.

Auf Grund ihrer Erfahrungen würde die Beraterin sagen: Ein Drittel der Jugendlichen habe absolut keinen Plan, was sie nach der Schule machen wollen. Ein Drittel arbeite schon seit langem auf ein bestimmtes Ziel hin – und der Rest sei unentschlossen. Gerade sie hätten Angst, sich falsch zu entscheiden. Würden lieber was Solides, Sicheres machen, als den riskanteren Weg zu gehen. Neben ihrer Herkunft und jugendlichen Unsicherheiten würden die Medien letztlich zu einem immer mächtigeren Einflüsterer werden. Bücher, Filme und Serien vermitteln Berufsbilder mal realistisch, mal gar nicht. „Ach, und immer öfter erzählt mir jemand, er wolle Influencer werden“, sagt Kathleen Kuhnt.

Das Umfrageinstitut YouGov wollte von den Deutschen vor einigen Wochen wissen: Würden Sie Ihren heutigen Beruf noch einmal wählen? Das Ergebnis war: In einer Gruppe von zehn Leuten bereuen drei ihre Wahl.

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