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Wirecard stellt Insolvenzantrag : Im schlimmsten Fall droht Anlegern der Totalverlust

Aufgrund des Bilanzskandals hat Wirecard den Insolvenzantrag gestellt. Für Anleger ist das bitter. Sie könnten ihr investiertes Geld komplett verlieren.

Wie geht es bei Wirecard nach der Insolvenz weiter? Das ist für Anleger entscheidend.
Wie geht es bei Wirecard nach der Insolvenz weiter? Das ist für Anleger entscheidend.Foto: dpa

Die Wirecard-Aktionäre haben in den vergangenen Wochen viel mitgemacht. Erst kommt der Bilanzskandal ans Licht, dann wird der langjährige Chef verhaftet. Und nun ist der Konzern auch noch in der Insolvenz. Der Finanzdienstleister hat am Donnerstag einen entsprechenden Antrag gestellt – „wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung“.

Erstmals in der Geschichte geht damit ein Dax-Konzern in die Insolvenz. Es könnte eine der größten Pleiten der Bundesrepublik werden.

 Der Kurs der Wirecard-Aktie ist nach Bekanntwerden am Donnerstag erneut um mehr als 70 Prozent eingebrochen. Weniger als drei Euro ist das Papier damit noch wert – dabei ist es keine zehn Tage ist es her, da kostete eine Aktie noch mehr als 100 Euro.

Verglichen wird der Fall Wirecard deshalb bereits mit Enron. Das Energieunternehmen war einmal einer größten Konzerne der USA. Wie Wirecard wurde es in seiner Branche als besonders innovativ gepriesen – bis Bilanzfälschungen publik wurden und die Firma pleite ging. Die Aktionäre haben Milliarden verloren.

 Bei Wirecard nun könnte es nun ähnlich laufen.

Hart trifft das vor allem diejenigen, die nicht rechtzeitig ihre Anteilsscheine am Unternehmen verkauft haben. „Ihnen droht jetzt im schlimmsten Fall der Totalverlust“, sagt Uta-Bettina von Altenbockum, Sprecherin des Aktieninstituts. Alles hinge jetzt davon ab, ob Wirecard die Sanierung gelänge und ob das Unternehmen doch noch neue Kapitalgeber findet.

Wer traut sich jetzt noch, bei Wirecard einzusteigen?

 Letzteres aber dürfte schwer werden. Zwar glaubt man in der Branche weiterhin an das Geschäftsmodell als solches. Wirecard wickelt Kartenzahlungen im Netz und im stationären Handel ab: ein Service, für den der Bedarf steigt, je mehr Menschen online einkaufen. Doch wer traut sich nach dem Bilanzskandal noch, bei Wirecard als Investor einzusteigen?

Zumal weiterhin völlig unklar, wer für die Luftbuchungen verantwortlich ist, die die Misere ausgelöst haben. Das Unternehmen selbst sieht sich als Opfer. In Asien hat es auf dem Papier 1,9 Milliarden Euro auf Konten liegen – wie sich nun aber herausgestellt hat, existiert dieses Geld wahrscheinlich gar nicht.

Auf den Konzern kommen deshalb nun unter anderem immense Schadenersatzforderungen zu. Ob Wirecard dennoch einen Investor findet, wird vor allem davon abhängen, wie schnell der Bilanzskandal aufgeklärt wird.

Doch selbst wenn das gelingen sollte, müssen Anleger sich auf Abstriche einstellen. Denn steigen neue Kapitalgeber ein, geht das in der Regel mit der Ausgabe neuer Aktien einher. „Wenn die Altaktionäre nicht an der Kapitalerhöhung beteiligt werden, verwässert dies die Anteile der bisherigen Aktionäre“, sagt Altenbockum. Da dann mehr Aktien im Umlauf sind, verteilen sich die Erträge entsprechend auf mehr Aktien. Mit Blick auf die Insolvenz wäre das für die Anleger aber immer noch das deutlich kleinere Übel.

Erst werden die Gläubiger bedient, dann die Aktionäre

Denn bei einer Insolvenz haben Aktionäre das Nachsehen. Sie zählen als Gesellschafter nicht zu den Gläubigern. Anders als zum Beispiel die Banken, die dem Unternehmen Kredite gewährt haben, nehmen sie nicht am Insolvenzverfahren teil. Erst wenn die Gläubiger ausbezahlt sind, wird der Rest an die Aktionäre ausgeschüttet. Das setzt aber voraus, dass dann überhaupt noch Geld übrig ist, das verteilt werden kann.

Markus Braun hat einen nicht unerheblichen Teil seiner Aktien notgedrungen verkauft.
Markus Braun hat einen nicht unerheblichen Teil seiner Aktien notgedrungen verkauft.Foto: REUTERS

Für Anleger ist das bitter. Denn sie haben geglaubt, mit Wirecard in einen aufstrebenden Dax-Konzern zu investieren. Grünen-Politikerin Lisa Paus sieht deshalb einen „immensen Imageschaden für den Finanzstandort Deutschland“. Nach ihrer Meinung hat auch die Aufsicht im Fall Wirecard versagt. „Es ist unverständlich, warum die Bafin nicht schon viel früher aktiv geworden ist und längst eine Sonderprüfung veranlasst hat, statt kritische Stimmen zu ignorieren.“ Bafin-Chef Felix Hufeld soll deshalb am Mittwoch im Finanzausschuss des Bundestags Rede und Antwort stehen.

Der Chef hat einen großen Teil der Aktien verkauft

Ebenfalls pikant: Markus Braun, der bis zum vergangenen Freitag noch Chef des Unternehmens war, hat sich von einem nicht unerheblichen Teil seiner eigenen Wirecard-Aktien bereits vergangene Woche getrennt. Berichten zufolge hat er allein am Donnerstag und Freitag Papiere im Wert von 155 Millionen Euro verkauft. Das musste er tun, weil sie als Sicherheit für einen Kredit hinterlegt waren. Gleichzeitig bedeutet es aber auch: Anders als viele Kleinaktionäre hat er noch so gerade rechtzeitig verkauft.

Mit Boon Planet bietet Wirecard auch ein Konto fürs Smartphone an. Das soll von der Insolvenz ausgenommen sein.
Mit Boon Planet bietet Wirecard auch ein Konto fürs Smartphone an. Das soll von der Insolvenz ausgenommen sein.Foto: REUTERS

Die einzig gute Nachricht: Wer direkt bei Wirecard ein Konto hat, muss sich um sein Erspartes keine Sorgen machen. Neben der Abwicklung von Kartenzahlungen hat sich Wirecard etwa mit seinem Dienst Boon Planet auch als Smartphone-Bank versucht, war damit hierzulande aber nie so erfolgreich wie etwa das Berliner Start-up N26. Dennoch sollen 1,4 Milliarden Euro an Kundeneinlagen bei Wirecard liegen. Deshalb will die Finanzaufsicht diesen Teil des Konzerns auch vor der Insolvenz schützen.

 Die Wirecard Bank soll bei dem nun beantragten Verfahren zunächst außen vor bleiben, hieß es. Die Bafin hat einen Sonderbeauftragten für das Institut eingesetzt, der über die Zahlungsströme wacht. Weil es sich um ein deutsches Institut handelt, würde im Ernstfall zudem die Einlagensicherung greifen. Über den gesetzlichen Entschädigungsfonds sind bis zu 100.000 Euro pro Kunde garantiert. Zusätzlich sind die Gelder auch noch über den Einlagensicherungsfonds der privaten Banken geschützt.

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