• 200. Geburtstag von Karl Marx: Wie Darwin das Paradies abschaffte und Marx ein neues schuf

200. Geburtstag von Karl Marx : Wie Darwin das Paradies abschaffte und Marx ein neues schuf

Der eine war Evolutions-, der andere Revolutionstheoretiker. Und sie hatten mehr miteinander gemein, als sie ahnten. Ein neuer Roman greift das jetzt auf.

Denkraum. Was Darwin in Down House ersann, beeinflusste Marx.
Denkraum. Was Darwin in Down House ersann, beeinflusste Marx.Foto: Andy Rain/dpa

Sie hatten beide Rauschebärte, beide litten unter Migräne und Hypochondrie, beide hatten mehrere Kinder verloren, und beide folgten, wenn sie nachdachten, geradezu zwanghaft ganz bestimmten „Rennstrecken“. Das allein ließe sich noch als kurioser Zufall abtun und wäre es nicht wert, die beiden wohl wichtigsten Denker des 19. Jahrhunderts, Karl Marx und Charles Darwin, in Verbindung zu bringen.

Ohnehin ist schon viel geschrieben worden über den politischen und gesellschaftlichen Einfluss von Darwins Evolutionstheorie. Doch es gibt einen guten Grund, eine „echte“ Begegnung der Zeitgenossen Marx und Darwin zu inszenieren: 1873 hatte Marx dem Forscher „Das Kapital“ geschickt, gewidmet mit den Worten „Von einem großen Bewunderer“. Tatsächlich hatte er Darwins „Entstehung der Arten“ penibel studiert. Höflich hatte sich Darwin per Brief bedankt – obwohl er kaum mehr als hundert Seiten von Marx’ Wälzer gelesen hatte.

Mit dem Jenseitsgeschwätz aufgeräumt

Ilona Jerger ließ diese Verbindung des Revolutions- mit dem Evolutionstheoretiker nicht mehr los. „Was hatten diese beiden Helden der Weltgeschichte, die zur selben Zeit, quasi als Nachbarn, bahnbrechende Werke schrieben, miteinander zu verhandeln?“ Schnell hatte die ehemalige Chefredakteurin der Zeitschrift „Natur“ recherchiert, dass die beiden Denker jahrzehntelang keine zwanzig Meilen voneinander entfernt gelebt hatten. Die Tatsache, dass sich Darwin und Marx dennoch nie persönlich getroffen haben, brachte die Autorin, die sich der Gedankenwelt und Sprache der beiden Personen über deren Zehntausende von Briefen genähert hatte, dann schon nicht mehr von dem Vorhaben ab, Marx und Darwin zusammenzubringen.

In ihrem sehr lesenswerten und die sprachlichen Eigenheiten der beiden Forscher wunderbar nachzeichnenden Roman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ verbindet Jerger die zwei Lebenswege über einen (fiktiven) gemeinsamen Hausarzt. Während er Tröpfchen gegen die diversen realen und eingebildeten Leiden seiner Patienten verschreibt, wird geplaudert.

„Darwin hat mit dem Jenseitsgeschwätz ganz formidabel aufgeräumt“, lässt Jerger Marx da sagen. „Viele Linke haben die church schon immer gehasst, aber sie konnten einfach nicht sagen, wie all das, was auf unserem Planeten lebt, entstanden ist. (...) Bis Darwin kam. (...) Er hat die historische Entwicklung in der Natur nachgewiesen und dadurch das Christliche samt dem Jüdischen und dem ganzen übernatürlichen Dreck beiseitegefegt! (...) Er hat uns das Schwert in die Hand gegeben, die Religion zu enthaupten! In dieser Hinsicht ist Darwin ganz famos.“

Der Kollateralschaden der Evolutionstheorie

Jergers Darwin fühlte sich von Marx’ Schwärmerei für seine Evolutionstheorie allerdings alles andere als geschmeichelt: Das sei „blanker Unsinn“, Natur und Kommunismus seien wie „Feuer und Wasser“, legt ihm Jerger in den Mund. Marx „missbrauche“ die Evolutionstheorie für seine „linke Ideologie“.

In der Tat gibt es keine Hinweise, dass Darwin irgendwelche Sympathien für Marx’ Ideen hegte. Im Gegenteil. Es sei „schädlich für den Fortschritt der Menschheit, wenn Gewerkschaften oder „kooperative Gesellschaften“ das Prinzip des Wettbewerbs aushebelten, schrieb Darwin 1872 an den Züricher Juraprofessor Heinrich Fick. In dem Brief kritisiert er, dass „alle Arbeiter – die guten und die schlechten, die starken und die schwachen – dass alle die gleiche Anzahl an Stunden arbeiten und dafür den gleichen Lohn erhalten sollen“. Es ist eine der sehr seltenen Äußerungen von Darwin, in denen er Prinzipien seiner Theorie auf die menschliche Gesellschaft anwendet und belegt, wie bewusst er sich war, dass seine Theorie Marx und anderen, die eine „göttliche“ Begründung der bestehenden Ordnung ablehnten, in die Hände spielte.

Zwei Theoretiker, von der Realität vereinnahmt

Aber „nur weil Sie in Ihrer Art als Gentleman und Diplomat keine ketzerischen Ansichten zum Ausdruck bringen wollen, sind diese Gedanken dennoch Ihrem Werk (...) innewohnend“, lässt Jerger den Arzt im Roman sagen. Die Verbindung zwischen den Theorien von Marx und Darwin sei das „Paradies“. Wie solle jemand noch daran glauben, wenn schon die Schöpfungsgeschichte nur ein Märchen ist? „Wenn die Menschen nicht mehr auf das Traumland im Jenseits hoffen können, dann sind sie endlich bereit, für ein gutes Leben im Diesseits zu kämpfen.“ Und dieses Paradies auf Erden, in dem niemand mehr ausgebeutet und alle gleich sind, verspreche nun die Lehre von Karl Marx – der durchaus Rabbi von Trier hätte werden können, wäre seine Familie nicht zwangsweise zum christlichen Glauben übergetreten.

In einer Szene des Romans begegnen sich der Naturforscher, der einst Theologie studierte und dann den Schöpfer stürzte, und der verhinderte Rabbi, der das irdische Paradies schaffen wollte, dann doch – beim Dinner in Darwins Haus. Soviel darf verraten werden: Viel zu sagen haben sie sich nicht. Nur über eines scheinen sie sich einig zu sein. Wie sehr ihre Theorien von den mit am Tisch sitzenden – Atheisten, Pfarrer, Sozialdemokraten – für ihre politischen Scharmützel missbraucht werden.

Ilona Jerger: „Und Marx stand still in Darwins Garten.“ Roman, Ullstein Berlin, 2017, 288 Seiten, 20 Euro
Ilona Jerger: „Und Marx stand still in Darwins Garten.“ Roman, Ullstein Berlin, 2017, 288 Seiten, 20 EuroBild: Ullstein
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