Ärmste Länder besonders betroffen : Pandemie bedroht Versorgung mit Lebensmitteln

Forscher warnen, dass die Maßnahmen gegen die Verbreitung des neuen Coronavirus in ärmeren Ländern die Lebensmittelversorgung bedroht.

Erntehelfer (hier im spanischen Fraga) sollten als unverzichtbar für die Nahrungsmittelversorgung behandelt werden, raten Forscher, um die Lebensmittelversorgung sicherzustellen.
Erntehelfer (hier im spanischen Fraga) sollten als unverzichtbar für die Nahrungsmittelversorgung behandelt werden, raten...Foto: Emilio Morenatti/AP/dpa

Für Länder mit hohem Pro-Kopf-Einkommen wie in Europa und Nordamerika wird es nicht zu einer existenziellen Frage werden, ob die Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln gefährden.

Doch dort, wo geringe und niedrigste Pro-Kopf-Einkommen die Regel sind, seien von Lockdown und anderen Infektionsschutzregeln „alle vier Pfeiler der Versorgungssicherheit“ betroffen, schreibt ein Forschungsteam des International Food Policy Research Institutes in Washington in einem Artikel für das Fachblatt „Science“.

Sei es die Verfügbarkeit oder der Zugang zu Lebensmitteln, ihr Nährwert oder die Kontinuität der Versorgung, Covid-19 nehme „direkt und schwerwiegend“ Einfluss auf die globale „food security“, schreiben David Laborde, Will Martin, Johan Swinnen und Rob Vos.

Die Pandemie wirke sich auch indirekt aus, etwa indem die Menschen, die ihre Arbeit aufgrund der Eindämmungsmaßnahmen verloren haben, auf billigere, weniger nahrhafte oder gar ungesunde Produkte ausweichen müssten. In den ärmsten Haushalten werden etwa 70 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben. Fällt das weg, wirkt sich das sofort auf die Nahrungsversorgung der betroffenen Familien aus.

Bis zu 150 Millionen Menschen könnten in extreme Armut fallen

Zwar könne noch nicht sicher prognostiziert werden, wie sich der vom Internationalen Währungsfonds prognostizierte Rückgang der Weltwirtschaftskraft um fünf Prozent auf die Versorgungssicherheit auswirkt. Aber Simulationen zufolge könnten 90 bis 150 Millionen Menschen in extreme, also lebensbedrohliche, Armut fallen – „oder sind es bereits“, so die Forscher.

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Obwohl diese Schätzungen sehr unsicher seien angesichts einer sich rasch verändernden Pandemie, gehen die Forscher von einem Anstieg der globalen Armut um 15 bis 24 Prozent aus, größtenteils in Südasien und afrikanischen Ländern südlich der Sahara.

Die Forscher raten einerseits, die Nahrungsmittelproduktion als „essentiell“ zu kennzeichnen und von Lockdown-Maßnahmen auszunehmen. Andererseits müssten die Länder die Menschen finanziell unterstützen, damit sie ihre Lebensmittelversorgung sicherstellen können – ausdrücklich mit Hilfe der reicheren Nationen. Damit könne man sowohl die Erholung der Weltwirtschaft unterstützen, als auch die enormen humanitären Folgekosten einer globalen Nahrungsmittelknappheit verhindern.

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