Äthiopiens erste Professorin : „Karriere statt Kinder gilt als verrückt“

Die äthiopische Humanphysiologin Yalemetsehay Mekonnen promovierte in Heidelberg und forschte in Halle. Heute fördert sie Wissenschaftlerinnen in ihrer Heimat.

Bettina Mittelstraß
Die äthiopische Humanphysiologin Yalemetsehay Mekonnen.
Die äthiopische Humanphysiologin Yalemetsehay Mekonnen ist seit 2009 Professorin an der Universität Addis Abeba.Foto: Bettina Mittelstraß

„Ich war einfach ein Mädchen, das freudig und aufgeregt zur Schule ging“, erzählt Yalemetsehay Mekonnen, wenn man sie nach dem Anfang ihrer Karriere fragt. Kindliche Neugier ist immer der Anfang von Wissenschaft. Aber dass ein Mädchen ihr unbeirrt nachgehen und Karriere machen kann, ist in Afrika nicht selbstverständlich. „Ich hatte Glück, dass meine Familie meine Ausbildung anfangs auch finanziell unterstützen konnte – Äthiopien war in den 1960er Jahren ein extrem armes Land“, sagt Mekonnen.

Zell- und Humanphysiologin ist die Äthiopierin geworden, forschte unter anderem über die menschliche Atmung oder die medizinische Wirkung von Pflanzen. Über 100 wissenschaftliche Artikel hat sie publiziert und dank ihrer international anerkannten Forschungsleistungen erhielt sie 2009 als erste Frau Äthiopiens den Titel einer Professorin – eine Zäsur in der äthiopischen Universitätsgeschichte. Zehn Jahre später seien sie immerhin zu dritt an der Addis-Abeba-Universität, sagt Mekonnen mit einem Lachen. Von den Lehrenden mit einem Master seien etwa 15 Prozent weiblich, und einer von zehn Doktortiteln stehe vor dem Namen einer Frau.

Die neue Regierung fördert ihr Frauennetzwerk

„Es hängt vom persönlichen Engagement des Premierministers ab, ob Frauenförderung an den Universitäten vorangeht oder es bei Lippenbekenntnissen bleibt“, sagt Mekonnen. Seit dem Regierungswechsel im April 2018 stünden die wissenschaftspolitischen Zeichen aber gut. Von den etwa 30 Prozent weiblichen Studierenden an äthiopischen Universitäten sollen zukünftig mehr Frauen auch oben ankommen. Mekonnens Engagement als Vorsitzende der Society for Ethiopian Women in Science and Technology (Sewist) wird jedenfalls mittlerweile vom äthiopischen Ministerium für Innovation gefördert – ebenso wie von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Die Sewist vernetzt afrikanische Akademikerinnen, informiert sie über internationale Forschungsvorhaben und Förderung, organisiert einmal im Jahr eine internationale Konferenz und bietet afrikanischen Forscherinnen immer wieder praktische Trainingskurse an: Wie beschreibe ich mein Projekt? Wie stelle ich einen Antrag auf Fördergelder? Wie präsentiere ich mich erfolgreich?

Frauen sind nicht nur an der Uni in Addis Abeba, sondern auch in der afrikanischen Wissenschaft insgesamt unterrepräsentiert. Es gibt Schwankungen je nach Land und die Datenlage ist schwierig. Aber hochgerechnet auf den Kontinent liegt der Anteil von Frauen an Universitäten in allen Altersstufen dem Unesco-Institut für Statistik (UIS) zufolge im Durchschnitt bei etwa 30 Prozent. Eine Studie von 2018 zur Situation von Nachwuchswissenschaftlern in Afrika (erschienen bei africanminds. org.za) kommt auch für die nächste Generation zu diesem Ergebnis.

"Hoher Druck, früh zu heiraten und viele Kinder zu bekommen"

Professorin Mekonnen wundert es nicht, dass die 50 Prozent noch nicht in greifbarer Nähe sind. „Auch auf modernen Afrikanerinnen lastet kulturell ein hoher Druck, weil Familie, Freunde und Gesellschaft von ihnen eine frühe Heirat und viele Kinder erwarten.“ Familie sei ein hoher Wert und anders als in Deutschland könne eine afrikanische Frau nach wie vor nicht so einfach sagen, sie verzichte für die Karriere auf Kinder. „So eine Entscheidung gilt in Afrika immer noch als verrückt und sie war auch für mich unvorstellbar.“ Eine Afrikanerin muss also möglichst beides schaffen und braucht dafür viel Ermutigung.

Ihren Mut bekam Yalemetsehay Mekonnen über Stipendien. Sie weiß, dass sie eine außergewöhnliche Entscheidung traf, als sie 1988 ihre neunjährige Tochter und den fünfjährigen Sohn bei Ehemann, Mutter und ihren Geschwistern ließ und mit einer Förderung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für mehrere Jahre an die Uni Heidelberg ging, um zu promovieren. Später ermöglichte ihr die Alexander von Humboldt-Stiftung einen Forschungsaufenthalt in Halle an der Saale. Eine Karriere an einer europäischen Universität wäre für sie problemlos möglich gewesen, aber das war nicht ihr Ziel.

Gender-Office gegen Belästigungen und eine Mentoring-Plattform

„Mein familiäres Umfeld ist auch mir wichtig und ich will hoch talentierte Frauen im eigenen Land stärken.“ Auf dieses Potenzial könne keine Gesellschaft auf der Welt verzichten. Und einfach sei es für Wissenschaftlerinnen auch anderswo nicht, sagt die 63-Jährige. Über ihr Netzwerk nach Deutschland und Forschungsbeziehung mit der Universität Hohenheim erfährt sie regelmäßig, dass auch hervorragend ausgebildete Akademikerinnen hierzulande um paritätische Verhältnisse, um Stellen, Geld oder die Vereinbarkeit mit Familienplänen kämpfen müssen.

Aus positiven Erfahrungen mit Frauenförderung weltweit wiederum speist sich Mekonnens Engagement: Sie richtete das erste Gender-Office an der naturwissenschaftlichen Fakultät ihrer Universität ein – das erste Büro dieser Art an einer äthiopischen Universität überhaupt, das Studentinnen unter anderem dabei unterstützt, sich gegen sexuelle Belästigung und Diskriminierung zur Wehr zu setzen. Eine Mentoring-Plattform für junge Akademikerinnen geht ebenso auf die Initiative der Humboldtianerin zurück wie das African German Network of Excellence in Science (Agnes) – 2011 ins Leben gerufen, um afrikanisches Know-how und den wissenschaftlichen Austausch mit Deutschland zu stärken.

Forscher - das waren alte Männer mit weißen Bärten

Ihre kämpferische Leidenschaft macht die Lebenswissenschaftlerin zum Vorbild für afrikanische Kolleginnen. Aber sie ist nicht allein. Anfang März sprach sie in Nairobi auf einer Alumni-Konferenz des DAAD. Die stark auftretenden Frauen fielen unter den 150 Akademikern aus über 20 afrikanischen Ländern auf. Da ist die Kenianerin Rose Mutiso, in den USA promovierte Materialwissenschaftlerin, die mit privaten Spendengeldern in Nairobi das gemeinnützige Mawazo-Institut mitbegründete und leitet – eine Fördereinrichtung nur für Wissenschaftlerinnen. Ein anderes Rollenmodell ist die Linguistin Fridah Kanana von der Kenyatta-Universität in Nairobi, Mitglied in der Global Young Academy. Sie wuchs in einem Dorf auf, zupfte Teeblätter auf der Plantage, schnitt Gras für Kühe und sammelte Feuerholz. Aber wie Yalemetsehay Mekonnen ging sie gern zur Schule. „Man hat mich ermutigt, mehr aus mir zu machen, als früh Mutter zu werden.“

Wozu sie sich auf den Weg machen sollte, habe sie aber lange nicht verstanden, sagt Kanana. Forschende und Lehrende begegneten ihr nur als alte Männer mit weißen Bärten. Da passte ein Mädchen nicht ins Bild. Erst eine selbstbewusste Dozentin an der Universität weckte ihren Ehrgeiz.

Erlebbare Vorbilder im eigenen Land

Mekonnen sieht Kananas Geschichte als weiteren Ansporn. „Wir müssen mehr Frauen motivieren, sich für Förderungsprogramme zu bewerben, und davon überzeugen, im eigenen Land erlebbare Vorbilder für die nächste Generation zu sein.“ Es gibt Internet auf jedem afrikanischen Dorf, sagt sie. Die neuen Rollenmodelle kommen dann bei allen Mädchen an.

Die Autorin nahm auf Einladung des DAAD vom 1. bis 3. März 2019 an der Alumnikonferenz „Young Scholars in Africa – Challenges and Opportunities“ in Nairobi teil.

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