Manche verteidigen das System als "charakterbildend".

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Akademische Karrieren : Prekäre Arbeitsverhältnisse an Universitäten nehmen zu

In den siebziger und achtziger Jahren war das anders: Da beherrschte der Mittelbau, meist verbeamtete Akademische Räte, die Unis – und lähmte sie zugleich. »Das ist der Knackpunkt«, sagt der CDU-Bildungsexperte Stefan Kaufmann. »Wir müssen den Missbrauch durch Zeitverträge ausschließen, doch wir wollen nicht den unbewegten Mittelbau von früher wiederhaben.« Das, sagt Keller, wolle auch er nicht: »Weil der Ausbau der Hochschulen damals nach wenigen Jahren gestoppt wurde, gab es über Jahrzehnte wenig Bewegung. Das wäre anders, wenn wir eine ausgeglichene Altersverteilung und mobilitätsfreundliche Tarifverträge hätten, die würden automatisch für personelle Erneuerung sorgen.«

Das Zauberwort, das die Politiker immer häufiger in den Mund nehmen, heißt »Tenure-Track«, eine Karriereleiter, die nach der Promotion beginnt und bis zur Professur führt, die den Schritt auf die nächste Stufe von vorher vereinbarten Leistungen abhängig macht. Aber so eine Leiter kostet viel Geld – Geld, das die Länder nicht haben. Und der Bund darf es ihnen nicht geben. Allein die solvente grün-rote baden-württembergische Regierung hat angekündigt, die Zahl der unbefristeten Stellen erhöhen zu wollen. So formuliert CDU-Experte Kaufmann denn auch lieber zurückhaltend, seine Partei werde in ihrem Antrag vor allem an die Verantwortung der Länder »appellieren«. Und an die der Hochschulen.

Dass die schon jetzt mehr tun könnten, wenn sie sich nur trauten, sehen einige Rektoren ähnlich. Der Präsident der TU Kaiserslautern, Helmut Schmidt, etwa sagt: »Wenn jemand seit zehn Jahren ein Drittmittelprojekt nach dem anderen an Land zieht, hat er gezeigt, was er kann. Dann muss ich als Hochschule auch bereit sein, das Risiko zu übernehmen und seinen Vertrag zu entfristen.« Wobei es sich womöglich nicht nur um ein Mutproblem handelt. Hinter vorgehaltener Hand äußern Lehrstuhlinhaber schon mal die Meinung, der Kampf durchs System helfe den jungen Wissenschaftlern bei der Charakterbildung. Sie selbst hätten da ja auch durchgemusst – und es geschafft.

Die Präsidentin der Hochschulkonferenz, Margret Wintermantel, hält dagegen: Ihre Erfahrung sei, dass die meisten Professoren ohnehin bemüht seien, ihre Mitarbeiter zu halten und ihnen Perspektiven zu eröffnen. »Verantwortungslosigkeit würde ich auf keinen Fall unterstellen.«

Karl Benn verfolgt derartige Debatten mit einer Mischung aus Amüsement, Wut und Frust. Er weiß: Während die Politiker und Rektoren über großartige Weichenstellungen diskutieren, tickt für ihn die Uhr. Zwar hat ihm sein Professor noch mal den Vertrag verlängert, aber wieder nur um ein Jahr. Danach könne er sich ja noch woanders etwas suchen, hat er zu Benn gesagt. »Vielleicht habe ich mich nicht genug reingehängt«, sagt der leise. Er habe zum Beispiel nie eigene Projektgelder eingeworben. Dann besinnt er sich einen Augenblick. »Andererseits: 80 Stunden die Woche arbeiten, die Familie nie sehen, das kann es doch auch nicht sein.« Ein Kollege von ihm hat es genau so gemacht. Und was hat es ihm gebracht? Einen neuen Zeitvertrag.

Der Beitrag ist ursprünglich erschienen auf ZEITonline.

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