Alltagsrassismus in Deutschland : Wenn der Hass krank macht

Rassismus, der unter die Haut geht: Kulturwissenschaftler an der TU Chemnitz forschen zu Opfern und Tätern von alltäglicher Diskriminierung.

Rechtsradikale Demonstranten in Chemnitz.
Unverhohlener Hass. Im August 2018 kam es nach dem Tod eines Chemnitzers auch zu Hetzjagden auf Migranten.Foto: imago/Michael Trammer

Was passiert mit einem Menschen, wenn ihm täglich gespiegelt wird, dass er kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist? Dass dauerhafte Diskriminierung psychisch krank macht und regelrecht „unter die Haut geht“, zeigte der französische Psychiater und Vordenker der Dekolonisierung Frantz Fanon bereits in den 1950er Jahren. In seinem von Jean-Paul Sartres „Phänomenologie des Blicks“ inspirierten Werk „Schwarze Haut, weiße Masken“ untersuchte er, wie rassifizierten Menschen entfremdete Selbstbilder aufgeprägt werden.

Er zeigte, dass kolonialisierte Personen in eine nahezu schizophrene Haltung verfielen: Trotz emanzipatorischer Bestrebungen konnten sie oft nicht umhin, den Blick der Unterdrücker zu verinnerlichen und sich selbst als abweichend vom Normhaften zu sehen.

Vergleichbare Erfahrungen würden diskriminierte Menschen auch heute noch machen, sagt die Chemnitzer Kulturwissenschaftlerin Heidrun Friese. Die Professorin für Interkulturelle Kommunikation forscht zum Thema Alltagsrassismus und ist Mitherausgeberin des gerade erschienenen Sammelbandes „Rassismus im Alltag – Theoretische und empirische Perspektiven nach Chemnitz“.

Hetzjagden als Ergebnis einer rassistischen Alltagskultur

Die pogromhaften Chemnitzer Ausschreitungen vom Spätsommer 2018 gelten den Autoren dabei als Kulminationspunkt einer längeren Entwicklung. „Die Hetzjagden in Chemnitz kamen nicht aus dem Nichts, sie waren das Ergebnis einer rassistischen Alltagskultur“, sagt Friese. Mit dem Aufkommen von Pegida und AfD seien Ressentiments, die vormals bloß „geflüstert“ wurden, nun unverhohlener geäußert worden. Der Rassismus habe sich „aus seiner Schweigespirale heraus“ entwickelt, bis er in weiten Gesellschaftsteilen zur öffentlichen Meinung avancierte.

Dabei sei es aber wichtig, nicht allein auf Chemnitz und „den Osten“ zu schauen, meint die Kulturwissenschaftlerin. Chemnitz sei hier lediglich die Chiffre für einen entgrenzten Alltagsrassimus, der in unterschiedlichen Schweregeraden überall in Deutschland praktiziert werde. So auch an den Universitäten – Diversity-Bekenntnissen zum Trotz.

An der Chemnitzer Uni haben Friese und ihre Kolleginnen untersucht, wie internationale Studierende mit täglichem Rassismus umgehen. Auffällig sei, dass die Methode der klassischen Umfrage das, was den Menschen im Alltag widerfahre, nur sehr unzureichend abbilde. „Rassifizierte Menschen leiden oft unter einem Doublebind, das heißt, sie erleben einen täglichen Rassismus und gleichzeitig dessen Negation durch die Gesellschaft“, sagt Friese.

Den Opfern wird unterstellt, sie seien empfindlich

Von Rassismus oder Antisemitismus betroffene Personen registrieren demnach oft eine Marginalisierung, die von den Vertretern der Mehrheitsgesellschaft heruntergespielt wird. Häufig wird den Opfern unterstellt, sie seien besonders empfindlich. Kein Wunder: Die verletzende Wirkung von verächtlichen Blicken und beiläufigen Bemerkungen wird von denen, die sich innerhalb einer weißen, christlichen und heterosexuellen Norm befinden, letztlich selten wahrgenommen.

Wie die Sozialpsychologie Frantz Fanons schon 1952 gezeigt hat, ist es für Minderheiten oft schwer, sich gegen die wirkmächtigen Diskurse der Mehrheitsgesellschaft zu behaupten. „Die Opfer von Rassismus entwickeln vielfältige Coping-Strategien, um mit den Diskriminierungen im Alltag umzugehen“, sagt Friese.

Menschen, die unter struktureller Ablehnung litten, würden sich durchaus politisieren und beispielsweise antirassistisch tätig werden. Heidrun Frieses Kollege Frank Asbrock, Professor für Sozialpsychologie an der Technischen Universität Chemnitz, stellt in seiner Studie zu Diskriminierungserfahrungen von Chemnitzer Studierenden aber ebenso fest, dass „Angehörige statusniedriger Gruppen“ nur verhältnismäßig selten an sozialen Protesten teilnehmen. Die Opfer würden sich aus Angst vor weiterer Ablehnung eher bedeckt halten und die strukturelle Leugnung mittragen, sagt Friese.

Ein "Safe Space" für internationale Studierende

Deshalb hat die Fakultät für Germanistik und Interkulturelle Kommunikation der TU Chemnitz nach den Ereignissen vom Spätsommer 2018 einen „Safe Space“ eingerichtet, an dem sich internationale Studierende über ihre Diskriminierungserlebnisse austauschen konnten. „Wenn man ihnen einen geschützten Raum bietet, in dem sie sich frei artikulieren können, werden die vielfältigen Erfahrungen mit Alltagsrassismus plötzlich offenbar“, sagt Friese. Auch ihre unbewussten Bewältigungsstrategien könnten dann von den Opfern als solche erkannt und in Widerstand überführt werden.

Technische Universität Chemnitz.
Studierende vor der Technischen Universität Chemnitz.Foto: Hendrik Schmidt/ picture alliance / dpa

Neben Betroffenenperspektiven haben die Forschenden aber auch Einstellungen in der Mehrheitsgesellschaft untersucht. Hierfür hat Heidrun Friese Hunderte von Onlinekommentaren unter Artikeln auf „Zeit Online“ ausgewertet. Sie habe sich bewusst für ein liberales Medium entschieden, um jenseits der einschlägigen Hasskommentare, die in AfD-Foren und Troll-Netzwerken zirkulieren, den „ganz normalen Alltagsrassismus“ in Teilen der bürgerlichen Mitte zu fixieren.

Friese gibt zu, dass die Studie nicht repräsentativ ist und methodologische Schwierigkeiten birgt. So könne man die sich im anonymen Netz äußernden Personen soziologisch kaum einordnen, da man zumeist nicht wisse, wer da gerade etwas geschrieben habe. Dennoch ließen sich aus der Kommentarfülle gewisse Tendenzen herauslesen.

Kulturrassismus in Teilen der bürgerlichen Mitte

So falle auf, dass sich der bürgerliche Rassismus der Gegenwart in der Regel als Kulturrassismus zeigt. Ein offen biologischer Rassismus komme heute eher selten vor. Stattdessen würden kulturelle Differenzen als unveränderbar und statisch erachtet und „den Fremden“ damit doch in den Leib geschrieben. Dass sich die Grenzen des Sagbaren verschoben haben und sich Alltagsrassismus auch in weiten Teilen der bürgerlichen Mitte heute selbstbewusster artikuliert als noch vor einigen Jahren, ist für Friese keine hohle Phrase, sondern Realität.

[Heidrun Friese, Marcus Nolden, Miriam Schreiter (HG.): Rassismus im Alltag – Theoretische und Empirische Perspektiven nach Chemnitz. Transcript 2019, 218 Seiten, 24,99 €.]

Für die antirassistische Arbeit sei es wichtig, auf die „gesellschaftliche Struktur von Rassismus“ zu blicken. „Wenn das Thema Rassismus nur auf der Moralebene verhandelt wird, kommen wir nicht weiter“, sagt die Kulturwissenschaftlerin. Eine rassismusfreie Einstellung zu pflegen, würde von Vertretern der Mehrheitsgesellschaft zuweilen als Aufgabe einer moralischen Selbstoptimierung begriffen. Es sei aber wichtig, dass sich auch die, die jeden Rassismus von sich weisen, ihre „weißen“ Privilegien bewusst machen.

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Rassismus bedeute eben auch, dass eine Mehrheit sich auf Kosten von Minderheiten abgrenzt und als normal definiert. „In einer postkolonialen Welt sind rassistische Einstellungsdimensionen noch allenthalben präsent“, sagt Friese. Die historischen Ablagerungen von Kolonialismus und Antisemitismus müsse man sich bewusst machen, um häufig unbewusste Wahrnehmungsweisen wirksam und nachhaltig abzubauen.

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