Angebliche Sprechverbote an Hochschulen : Das Gespenst der Cancel Culture

Gibt es an deutschen Universitäten linke Diskurswächter, die missliebige Meinungen mundtot machen? Eine kritische Revision der „Fälle“.

Floris Biskamp
Bernd Lucke steht in einem Hörsaal am Rednerpult, umgeben von protestierenden Studierenden und Aktivisten.
Die ersten Vorlesungen Bernd Luckes an der Uni Hamburg nach seinem Rückzug aus der Politik wurden 2019 massiv gestört.Foto: Markus Scholz/dpa

Nun hat es auch noch Cornelia Koppetsch getroffen. Auch sie wurde ein Opfer von linker Intoleranz, Political Correctness und Cancel Culture, die die Freiheit der Meinung und Wissenschaft an deutschen Universitäten bedrohen. Das könnte zumindest meinen, wer viel Zeit mit der Lektüre von Feuilletonartikeln – dieses Mal in Form eines Texts von Sara Rukaj in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ –, aber wenig Zeit in Universitäten verbringt.

Wer dagegen den Alltag des akademischen Betriebs kennt, kann sich angesichts entsprechender Berichte über die vermeintlichen Zustände in diesen Institutionen nur verwundert die Augen reiben.

Der Begriff „Cancel Culture“ kommt aus den USA und soll für eine Kultur des Absagens stehen: Wer Positionen vertrete, die nach den Maßstäben linker „Diskurswächter“ nicht als „politisch korrekt“ gälten, laufe Gefahr, alle Möglichkeiten zur öffentlichen Äußerung zu verlieren.

Wie groß dieses Problem in den USA wirklich ist, muss hier dahingestellt bleiben, an deutschen Universitäten ist es jedenfalls fast inexistent. Das erkennt man schon daran, dass in den entsprechenden Diskussionen seit Jahren immer wieder dieselben „Fälle“ als Beispiele genannt werden, die bei genauerer Betrachtung gar keine sind.

So wird bis heute über den vermeintlichen Gesinnungsterror gegen den Politikwissenschaftler Herfried Münkler und den Historiker Jörg Baberowski geschrieben. Beide Episoden haben vor mehr als fünf Jahren an der Humboldt-Universität ihren Anfang genommen.

[Der Autor ist Politikwissenschaftler und Soziologe und koordiniert das Promotionskolleg Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität an der Universität Tübingen. Im Tagesspiegel erschien von ihm unter anderem "Wider die Mär vom Rechtsruck: Die AfD mobilisiert bestehendes Potenzial"]

Jedoch handelt es sich im Fall von Münkler nur um einen sehr schlechten anonymen Blog, den irgendjemand veröffentlicht hatte, ohne dass irgendwelche ernsthaften Folgen für die Redefreiheit des Angegriffenen zu befürchten wären.

Im Fall von Baberowski handelt es sich um mehrere Kleinkriege mit verschiedenen Studierendengruppen, die sich durch wechselseitige Tiefschläge auszeichneten.

Im Jahr 2019 nahm die Debatte neue Fahrt auf, als es zu einer Häufung entsprechender Vorfälle zu kommen schien. Doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sich diese als eine Zusammenziehung sehr unterschiedlicher Konflikte, die in der Summe wiederum nicht auf eine virulente Kultur des Absagens schließen lassen. Den Anfang machte eine von Susanne Schröter organisierte Tagung über islamische Verschleierung an der Universität Frankfurt am Main.

Studierende und andere Passanten vor dem historischen Hauptgebäude der Humboldt-Universität.
Das Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin.Foto: imago/Seeliger

[Lesen Sie auch unsere Reportage um die letzte Eskalation des Streits um Jörg Baberowski an der Humboldt-Universität]

Einige Studierende sahen die Positionen der Professorin und die ganze Tagung nicht nur als einseitig, sondern auch als rassistisch an und forderten eine Absage der Veranstaltung. Wäre diese Position an Universitäten auch nur ansatzweise mehrheitsfähig, könnte man wohl in der Tat von Cancel Culture und einem erheblichen Problem sprechen. Jedoch zeigte sich das genaue Gegenteil.

Die Tagung wurde wie geplant durchgeführt, wofür sich neben der Universitätsleitung auch die Studierendenvertretung sowie zahllose Kolleginnen und Kollegen aus dem ganzen Land entschieden aussprachen – bei unterschiedlicher Bewertung des Inhalts.

Einige Monate später begann das Wintersemester und damit die Affäre um Bernd Luckes von scharfen Protesten begleitete Rückkehr an die Uni Hamburg. Als auf Lebenszeit verbeamteter Professor hat Lucke das Recht, nach seiner Zeit in der Politik wieder zu lehren. Jedoch ergibt sich aus diesem Recht keine Pflicht für die Studierenden, dies ohne Proteste hinzunehmen.

Eine Uni hat das Recht, keine Räume an Parteien zu vergeben

Freilich können Hörsaalblockaden gegen ehemalige Politiker nicht als antifaschistische Heldentaten gelten – erst recht nicht, wenn sie mit körperlicher Gewalt einhergehen. Aber als Beleg für eine „politisch korrekte“ Meinungsdiktatur, die die Wissenschaftsfreiheit gefährden könnte, taugen die Vorgänge kaum.

Glaubt man dem Diskurs über linke Meinungsdiktatur, ging es nun Schlag auf Schlag: Kurz nach Luckes erster Vorlesung musste auch ein Vortrag von Ex-Bundesinnenminister Thomas de Maizière in Göttingen ausfallen, weil linke Protestierende die Zugänge zum Gebäude blockierten. Jedoch ging es ihnen überhaupt nicht darum, de Maizière die Plattform für öffentliche Meinungsäußerung zu entziehen.

[An der Humboldt-Universität wurde im November 2019 öffentlich über die Frage der Wissenschaftsfreiheit diskutiert - unseren Bericht finden Sie hier: "In den 1980er Jahren waren die Auseinandersetzungen viel heftiger"]

Vielmehr war die Blockade ein fehlgeschlagener Versuch, de Maizières Veranstaltung als Plattform zu nutzen, um dem Protest gegen den türkischen Angriff auf die kurdischen Gebiete in Nordsyrien mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Man kann diese Art des Blockade-Protests mit guten Gründen als illegitim bewerten.

Bevor man aber von einer neuen Qualität oder einer Bedrohung für die Demokratie spricht, sollte man bedenken, was bei früheren Protesten so alles blockiert wurde – zum Beispiel das ganze Bonner Regierungsviertel, als 1993 im Bundestag das Asylrecht eingeschränkt werden sollte.

Als sich schließlich auch noch Christian Lindner öffentlichkeitswirksam in die Reihe der Zum-Schweigen-Gebrachten stellte, drängte sich der Eindruck auf, dass er angesichts des Hypes auch noch mitspielen und etwas von der Aufmerksamkeit und Opferstatus abbekommen will. Denn bei der Nichtvergabe des Raumes für eine Diskussionsveranstaltung, die er an der Universität Hamburg bestreiten wollte, ging es gar nicht um irgendwelche Positionen, die er vertritt. Es ging lediglich um die Regelung, derzufolge die Uni keine Räume für parteipolitische Veranstaltungen bereitstellt.

Das historische Hauptgebäude der Universität Hamburg.
An der Hamburger Universität wurde 2019 auch diskutiert, warum FDP-Chef Christian Lindner dort nicht auftreten durfte.Foto: Bodo Marks/picture alliance/dpa

Man kann in den angesprochenen Begebenheiten ein Fehlverhalten aufseiten der beteiligten Studierenden beziehungsweise Protestierenden sehen und auch die Hamburger Richtlinie gegen parteipolitische Veranstaltungen für falsch halten. Jedoch ergibt sich gerade in der Zusammenschau kein Hinweis auf eine virulente Kultur des Absagens, bei der missliebige Meinungen mundtot gemacht würden.

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Die ständige Rede von Meinungsdiktatur, Diskurswächtern und Cancel Culture wird der Realität an deutschen Universitäten in keiner Weise gerecht. Sie gibt denjenigen, die darüber sprechen, aber die Möglichkeit, sich als Opfer einer vermeintlichen linken Hegemonie zu inszenieren. Damit können sie zugleich jede Kritik an Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus als Meinungsdiktatur abtun, ohne sich inhaltlich mit ihr auseinanderzusetzen zu müssen.

Das Bedürfnis an Berichten über linke Meinungsdiktatur ist groß

Weil das Bedürfnis nach Berichten über linke Meinungsdiktatur so groß, die realen Fälle aber fast inexistent sind, greift man bereitwillig nach jedem Strohhalm, der eine Bestätigung des vorgefertigten Weltbildes verspricht.

Wenn es dann aber nicht einmal einen solchen Strohhalm gibt, denkt man sich die Fälle kurzerhand aus. Dies geschieht in Sara Rukajs Darstellung der Diskussion um Cornelia Koppetschs „Gesellschaft des Zorns“. Dieses Buch wurde im Frühjahr 2019 publiziert und im Folgenden zu einem in fast allen Feuilletons gefeierten Bestseller. Zu diesem Erfolg dürfte beigetragen haben, dass es sich nicht um eine trockene wissenschaftliche Studie, sondern um einen mit vielen Theoriereferenzen versehenen politischen Essay handelt.

Darin führt die Soziologin den Aufstieg der radikalen Rechten auf eine neue Form von Klassenkampf zurück. In diesem stünden auf der einen Seite liberal-kosmopolitische Milieus, die von Globalisierung und Pluralisierung profitierten, auf der anderen Seite traditionsgebundene Milieus, deren gesellschaftliche Stellung durch die Umbrüche der letzten Jahrzehnte geschwächt worden sei: Der Rechtspopulismus sei eine Auflehnung der letzteren gegen die Hegemonie der ersteren.

[Eine Rezension des Buchs von Cornelia Koppetsch aus dem Tagesspiegel finden Sie hier: "Was, wenn die kosmopolitischen Mittelschichten nicht so altruistisch sind, wie sie tun?"]

Im Laufe des Buchs steigert sich die Autorin immer wieder in Polemiken gegen die liberal-kosmopolitischen Milieus hinein. Unter anderem wirft sie diesen vor, dass sie ihre privilegierte Position durch ein präzedenzloses Maß des Nach-unten-Tretens sicherten und dabei alle Meinungen außer ihrer eigenen als reaktionär brandmarkten.

Die Erfolgsgeschichte des Buches endete im November, als der bayrische Buchpreis verliehen wurde, für den Koppetsch nominiert war. In einer überraschenden Wendung artete die Buchpreisverleihung zu einer Demontage der Autorin aus, bei der ausgedehnte Plagiate im Buch bemängelt wurden. Der Verdacht erhärtete sich in den folgenden Wochen, als zahlreiche weitere Plagiate gefunden wurden, die weit mehr waren als bloße „handwerkliche Mängel“.

Rukaj bedauert, dass diese Plagiatsaffäre dazu führte, dass die inhaltliche Diskussion um Koppetschs Buch zum Erliegen kam, bevor sie wirklich beginnen konnte. Darin ist ihr zuzustimmen: Gerade weil Koppetsch mit ihren Thesen alles andere als allein dasteht, ist es wichtig, sie weiter zu diskutieren.

Lesen Sie auch folgende Debattenbeiträge zum Thema Wissenschaft und politische Verantwortung:

Absurd ist es dagegen, das bisschen Diskussion, das es schon gab, direkt zu einem Beispiel für eine „an den Universitäten virulente Cancel Culture“ und „gesinnungspolitische Diskursunfähigkeit“ umzudeuten. Schließlich gibt es keine Hinweise darauf, dass irgendjemand die Absage einer Veranstaltung mit Koppetsch oder ihren Ausschluss aus dem Diskurs gefordert hätte.

Wenn eine Professorin ein polemisches Buch voller Plagiate veröffentlicht, dafür in fast allen großen Medien in den Himmel gelobt, aber vereinzelt auch angegriffen wird, mag dies exemplarisch für vieles stehen – aber sicher nicht dafür, dass an den Universitäten eine Kultur des Absagens virulent wäre, die die Freiheit anderer Meinungen gefährden könnte.

[Einen Kommentar über die grundsätzliche Problematik von Plagiaten in wissenschaftlichen Arbeiten finden Sie hier: "Es darf nicht nur um die Doktorarbeiten von Politikern gehen"]

Durch diese ideologischen Diskurse wird auch unsichtbar, dass man ganz ernsthaft und grundsätzlich darüber sprechen müsste, welche Arten von Veranstaltungen in Universitätsräumen stattfinden sollen und welche nicht. Universitäten sind mit öffentlichen Geldern finanzierte Bildungseinrichtungen. Veranstaltungen, die dort stattfinden, sind somit faktisch subventioniert und profitieren zudem von der Aura der Seriosität, die Universitäten für manche verströmen.

Daher ist es wenig verwunderlich, dass seit Jahrzehnten darüber gestritten wird, wer an Universitäten was veranstalten darf.

Konservative verteidigen die Freiheit der Rede, wenn es um ihre eigene geht

Man könnte in diesen Fragen eine konsequente Free-Speech-Position vertreten und fordern, dass jede Art von politischer Veranstaltung stattfinden soll, die Studierendengruppen oder Lehrende durchführen wollen – egal, was der Staatsschutz oder die universitären Richtlinien zu Vielfalt und Antidiskriminierung sagen.

[Lesen Sie auch unseren Bericht über die umstrittene Umfrage des Deutschen Hochschulverbandes und der Konrad-Adenauer-Stiftung unter Hochschullehrenden zur Wissenschaftsfreiheit in Deutschland: "Die Forschung ist frei, aber nicht ungehindert"]

Einzig: Eine solche Position, die in den USA verbreitet ist, vertritt in Deutschland fast niemand. Vielmehr versuchen Konservative, die sich um die Gefährdung der Redefreiheit sorgen, solange es um die eigene geht, in anderen Fällen, nicht selten Auftritte von Personen zu verhindern, die sie für linksextrem halten. Ähnlich beschweren sich diejenigen, die Freiheit für „Islamkritik“ fordern, regelmäßig über die Raumvergabe an Befürworter eines Israelboykotts – und die Befürworter der letzteren Veranstaltungen, wollen nicht selten die ersteren verboten sehen.

Diese Dynamiken werden auch im aktuellen Streit um den postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe sichtbar.

Man kann freilich die Absage der einen Veranstaltungen und die Durchführung der anderen begründen – dann sollte man aber auch entsprechend argumentieren. Wer auf der einen Seite Grenzenlosigkeit, auf der anderen Seite aber Grenzen fordert, sollte nicht zu viel von „freier Meinungsäußerung“ und „Meinungsdiktatur“ sprechen – oder muss sich Heuchelei vorwerfen lassen.

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