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FILE PHOTO: A vial with the AstraZeneca coronavirus disease (COVID-19) vaccine is pictured at a hospital in Tbilisi, Georgia March 15, 2021. REUTERS/Irakli Gedenidze/File Photo

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Tagesspiegel Plus

Eine Thrombose kommt selten allein: Der Vergleich von Astrazeneca mit Pille-Nebenwirkungen hinkt

Blutgerinnsel stoppen die Astrazeneca-Impfungen: Wie Forschende mögliche Ursachen erklären - und warum manche Vergleiche nicht ganz stimmig sind.

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Bereits 1,6 Millionen Mal wurde der Coronavirus-Impfstoff von Astrazeneca hierzulande vergeben, bevor Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag plötzlich verkündete: Die Impfung wird bundesweit bis auf Weiteres pausiert. Andere Länder wie Dänemark, Italien und die Niederlande waren diesen Schritt bereits gegangen, heute zogen unter anderem Frankreich und Spanien nach. In Großbritannien wird derweil weiter geimpft.

Die Begründung für die Maßnahme verbreitete sich schnell: Eventuell bestehe ein erhöhtes Thromboserisiko nach der Impfung, hieß es zunächst. Unverständnis und Unmut machten sich breit. Eine breite und schnelle Impfung gegen Sars-Cov-2 ist der beste Weg aus der Pandemie. Ausgerechnet jetzt damit zu pausieren, da die Pandemie aufgrund der Verbreitung neuer Varianten des Virus wieder stark an Fahrt gewonnen hat, erscheint fahrlässig.

Viele fragen sich nun, warum ausgerechnet bei der wichtigen Impfung ein Thromboserisiko problematisch sein soll. Bei anderen Medikamenten, wie etwa der Antibabypille werde es schließlich hingenommen – obwohl es dort nachgewiesen und wesentlich erhöht ist.

Thrombose ist nicht gleich Thrombose

Doch ganz so einfach ist es nicht, wie sich bei genauerem Hinschauen zeigt. Denn die Fälle von Thrombosen, die im zeitlichen Zusammenhang mit der Astrazeneca-Impfung aufgetreten sind, sind extrem speziell. Sie tauchen normalerweise sehr selten auf und nie auf die Weise, wie es jetzt passiert ist.

Bei den 1,6 Millionen Mal vergebenen Impfungen sind sieben Mal Fälle von Hirnvenenthrombosen aufgetreten, in einem Zeitraum, der mit der Impfung in Zusammenhang stehen kann. Dabei wurden Blutgefäße verstopft, die Blut vom Gehirn ableiten. Bei den Betroffenen führt das zu einem Schlaganfall.

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„Thrombosen werden normalerweise durch Vorerkrankungen hervorgerufen oder durch Medikamente wie beispielsweise die Antibabypille“, sagt Robert Klamroth. Er ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Angiologie und Hämostaseologie am Zentrum für Gefäßmedizin im Vivantes Klinikum im Friedrichshain. „Bei den Fällen, die nun untersucht werden, handelt es sich möglicherweise um etwas ganz anderes.“

Forschende wie Klamroth gehen eher davon aus, dass die nun aufgetretenen Thrombosen durch das Immunsystem hervorgerufen wurden. Dafür spricht, dass die Thrombosen nicht allein aufgetreten sind. Sie entstanden in Kombination mit einer Blutplättchenarmut.

Blutplättchen bildet der Körper, um Wunden zu verschließen. Ihre Produktion und ihr Verbrauch wird durch das Immunsystem reguliert. Eine Thrombozytopenie, wie der Mangel an Blutplättchen auch genannt wird, ist ein Hinweis darauf, dass das Immunsystem sehr aktiv ist. „In Kombination mit einer Sinusvenenthrombose tritt das normalerweise nicht auf“, sagt Klamroth. „Das ist total ungewöhnlich.“

Deshalb empfahl das Paul-Ehrlich-Institut nun, die Vergabe des Impfstoffs zunächst auszusetzen. So lange wird untersucht, ob die Fälle tatsächlich mit der Impfung in Zusammenhang stehen oder ob auch unabhängig von der Impfung aufgetreten wären. Sinusvenenthrombosen entstehen normalerweise zwei bis fünf Mal bei einer Million Menschen. Manche Studien gehen davon aus, dass es bis zu 15 Fälle pro einer Million Menschen sind. Sie gelten damit als sehr selten.

Die umgerechnet vier Fälle auf eine Million Geimpfte, die nun hierzulande aufgetreten sind, bewegen sich im normalen Bereich. In Großbritannien sind bei elf Millionen vergebenen Impfdosen des Astrazeneca-Impfstoffs bislang sogar nur drei Fälle aufgetreten. In den klinischen Studien zur Verträglichkeit des Impfstoffs gab es gar keine Fälle.

Das ist selbstverständlich schon verdächtig und sollte untersucht werden

Anke Huckriede, Universität Groningen

Warum die Fälle nun aufgetreten sind, ist daher bislang rätselhaft. Möglicherweise gibt es keinen Zusammenhang zur Impfung. Andererseits kann das Risiko bei bestimmten Bevölkerungsgruppen erhöht sein. „Um mehr zu den Fällen nach der Impfung in Deutschland sagen zu können, müssten wir Details zu diesen sieben Fällen kennen“, sagt Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. „Handelt es sich um Frauen oder Männer? Sind die Betroffenen alt oder jung? Haben Sie Vorerkrankungen? Ohne genauere Informationen ist das nicht zu interpretieren.“

Der Impfstoff von Astrazeneca wird in viele Länder geliefert, in einigen auch weiterhin verimpft.

© REUTERS/Carlos Osorio/File Photo

Bislang lässt sich nur spekulieren, inwiefern die Impfung mit den aufgetretenen Sinusvenenthrombosen in Zusammenhang stehen könnte. Das Krankheitsbild ist bekannt: Es wird in seltenen Fällen auch vom Grippe- oder Denguevirus hervorgerufen. Auch bei Covid-Erkrankten, bei denen das Risiko für eine klassische Thrombose generell höher ist, wurden bereits Fälle von Sinusvenenthrombosen in Kombination mit einer Thrombozytopenie beschrieben. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer und junge Menschen öfter als ältere. Das hängt vermutlich mit dem Immunsystem zusammen: Es ist bei diesen Gruppen aktiver.

Der Mechanismus hinter dem Phänomen ist sehr komplex. Er wird vermutlich durch eine Überreaktion des Immunsystems in Gang gesetzt, wenn dieses mit dem Krankheitserreger in Kontakt kommt. „Soweit man das bislang sagen kann, ist es so, dass es im Rahmen der Covid-19-Erkrankung zu einer massiven Hochregulation des Immunsystems kommt, einem sogenannten Zytokinsturm“, sagt Berlit. „Im Rahmen dessen kann eine erhöhte Gerinnungsneigung des Blutes und damit eine erhöhte Thromboseneigung auftreten.“ Dabei verbraucht der Körper vermehrt Blutplättchen, wodurch gleichzeitig ein Mangel entsteht und die Thrombosegefahr steigt. Wenn die Blutgefäße darüber hinaus entzündet sind, begünstigt das zusätzlich die Thrombosebildung.

Ohne den Astrazeneca-Impfstoff muss das Impfprogramm mit den anderen in Deutschland eingesetzten Vakzinen fortgesetzt werden.

© Felix Kästle/dpa

Möglicherweise kann durch die Impfung ein ähnlicher Prozess in Gang gesetzt werden. Immerhin werden dabei dem Körper Virusbestandteile angeboten, auf die das Immunsystem reagiert. „Es ist plausibel, dass die genetischen Covid-Impfstoffe eine direkte Rolle bei der Auslösung einer Autoimmunreaktion gegen Blutplättchen spielen, die sich klinisch in Thrombozytopenie, Blutungen und Blutgerinnseln manifestieren kann“, meint Hamid Merchant, Fachleiter für Pharmazie im British Medical Journal.

Bei aller Spekulation über mögliche Zusammenhänge zwischen dem Sars-CoV-2-Virus, der Impfung und dem Krankheitsbild muss nun jedoch zunächst generell geklärt werden, ob es überhaupt einen Zusammenhang gibt.

„Das ist selbstverständlich schon verdächtig und sollte untersucht werden“, sagt Anke Huckriede, Professorin für Vakzinologie am Institut für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Groningen. „Fakt bleibt aber, dass diese Thrombosen sehr selten beobachtet werden nach einer Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin.“

Die Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung spricht sich derweil dafür aus, dass bei Impfreaktionen, die mehr als drei Tage lang anhalten oder sogar erst danach auftreten, eine Thrombose abgeklärt werden sollte. Dazu gehören etwa Schwindel, Kopfschmerzen oder Sehstörungen. Grippeähnliche Symptome wie Gelenk-, Muskel- oder Kopfschmerzen, die dagegen nur ein bis zwei Tage auftreten, sind eine häufige Reaktion auf die Impfung. Sie sind kein Anlass zur Besorgnis.

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