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Je länger die Impfung her ist, desto niedriger ist der Schutz vor einer Infektion.

© Fotos: mauritius / PantherMedia - Horst Petzold / imago images | Grafik: Tagesspiegel / Kostrzynski

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Übertragung trotz Immunisierung?: So viel weniger ansteckend sind Geimpfte

Eine nachlassende Impfwirkung ist ungleich verteilt: Sie hängt unter anderem vom Alter, Geschlecht und Impfstoff ab. Ein Überblick.

Im Zusammenhang mit den nun weithin geltenden 2G-Regeln spielt auch die Frage, wie infektiös Geimpfte sind, eine wichtige Rolle. Lange war unklar, wie ansteckend Geimpfte sind. Auch bei Geimpften zirkulieren während der Immunantwort nach einer Ansteckung Viren im Körper. Doch wie infektiös sind die Menschen in diesem Zustand?

Hierzu gibt eine neue Untersuchung aus Großbritannien Antworten. In dem bislang noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachteten Preprint kommen die Forschenden aus Oxford um David Eyre zu dem Schluss, dass eine Impfung die Übertragung der Delta-Variante durch Geimpfte zwar verringert, allerdings in geringerem Maße als bei der Alpha-Variante. Die Wirkung der Impfung nahm nach der zweiten Dosis mit der Zeit zudem ab.

Ausgewertet wurden Testergebnisse von 56.000 Kontaktpersonen

Charité-Virologe Christian Drosten hält die Studie für repräsentativ. Ausgewertet wurden dafür die PCR-Testergebnisse von 56.000 Kontaktpersonen von Indexfällen aus Großbritannien. Die Auszählung der Ansteckungen zeigt, dass man nach einer vollständigen Impfung nur noch etwa halb so ansteckend ist.

Auch im 2G-Kontext können sich Geimpfte anstecken. Sie werden zwar zumeist nicht schwer krank, können aber Ungeimpfte anstecken.
Auch im 2G-Kontext können sich Geimpfte anstecken. Sie werden zwar zumeist nicht schwer krank, können aber Ungeimpfte anstecken.

© dpa / Fabian Sommer

Bei einem Kontakt mit einem ungeimpften Infizierten wurden 49 Prozent positive PCR-Tests bei den Kontaktpersonen festgestellt. Bei zweifacher Astrazeneca- oder Biontech-Impfung der Infizierten lag die Ansteckungsquote nur noch bei 30 beziehungsweise 23 Prozent, war also um rund die Hälfte verringert. Für den Virologen Drosten ist das ein wichtiges Ergebnis dieser Untersuchung: „Ich bin geimpft, dann bin ich nur noch halb so ansteckend.“

Dieser Wert gilt für den Zeitraum Januar bis Juli, als die Alpha- und Delta-Variante noch zusammen zirkulierten. Die Dominanz von Delta nun erhöht die Infektiosität laut Studie noch einmal um rund 30 Prozent. Bei Delta reduziert sich die Übertragung mit Astrazeneca nur noch um ein Drittel auf 64 Prozent, mit Biontech um zwei Drittel auf 35 Prozent.

Die Forschenden gehen also davon aus, dass die Impfung mit Biontech und Astrazeneca die Übertragung von Sars-CoV-2 von Personen, die trotz Impfung infiziert sind, reduzieren können. Die Impfstoffe bieten weiterhin Schutz vor einer Infektion mit Delta, allerdings in geringerem Maße als mit Alpha, insbesondere bei symptomatischen Infektionen oder Infektionen mit mittlerer und hoher Viruslast.

„Delta untergräbt den mit dem Impfstoff assoziierten Schutz vor einer Übertragung, indem es sowohl die Häufigkeit der Infektion als auch die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung durch geimpfte Personen, die sich infizieren, erhöht“, schreiben die Forschenden. Das Team um Eyre kommt zu dem Schluss, dass die durch Delta verstärkte Weitergabe durch geimpfte Infizierte ein wichtiger Grund für die Ausbreitung des Virus ist. Sie empfehlen daher Auffrischungsimpfungen, um die Übertragung zu kontrollieren und Infektionen zu verhindern.

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Der Schutz vor Infektionen und damit auch vor der Übertragung der Infektion lässt bei allen Impfstoffen nach einigen Monaten teils deutlich nach – und zwar schneller als der Schutz vor schwerer Erkrankung. Zu diesem Ergebnis kommt eine ebenfalls noch nicht begutachtete Untersuchung aus Schweden.

Wie stark die Impfwirkung nachlässt, hängt demnach unter anderem vom Alter, Geschlecht und Impfstoff ab, so die Forschenden der Universität Umeå. Für die Studie wurden mehr als 840.000 Geimpfte mit der gleichen Zahl Ungeimpfter verglichen.

Das Team um Peter Nordström stellte dabei fest, dass der Schutz vor einer symptomatischen Covid-19-Erkrankung nach zwei bis vier Monaten bereits auf 85 Prozent (Biontech und Moderna) bis 41 Prozent (Astrazeneca) zurückgegangen war. Während Moderna und Biontech im Zeitraum vier bis sechs Monate immerhin noch zwischen 66 und 71 Prozent schützten, lag Astrazeneca bereits unter null. Der Schutz werde hier zu einem erhöhten Risiko, vermutlich durch ein sorgloseres Verhalten der Geimpften im Vergleich zu Ungeimpften.

Je schneller man boostert, desto früher kann die Welle gebrochen werden.

Viola Priesemann, Physikerin

Der Impfschutz beträgt laut der Studie bei über 80-Jährigen bereits nach zwei bis vier Monaten nur noch 48 Prozent und fällt nach sechs Monaten auf fünf Prozent ab (50–64 Jahre acht Prozent, 65–79 elf Prozent und unter 50 noch 37 Prozent). Ältere Untersuchungen hatten Biontech und Astrazeneca höhere Effektivität bescheinigt, die Forschenden verweisen dazu aber auf den Einfluss der Delta-Variante.

Auch sind die registrierten Fälle mit sogenannten Zufallsfehlern behaftet, sie können von den wirklichen Fallzahlen abweichen. Die nachlassende Effektivität der Impfung könnte neben einem Rückgang der Abwehrfunktion auch mit der Dominanz von Delta zusammenhängen.

Die dritte Impfung senkt das Infektionsrisiko – und damit auch die Weitergabe des Virus.
Die dritte Impfung senkt das Infektionsrisiko – und damit auch die Weitergabe des Virus.

© imago images/photothek / Florian Gaertner

Das schwedische Team kommt zu dem Schluss, dass die Befunde die Gabe einer Booster-Dosis stützen. Sei doch selbst bei den Erwachsenen unter 50 der Impfschutz auf unter 40 Prozent gefallen. Priorität sollten dabei jedoch Gruppen mit erhöhtem Risiko für einen schweren Verlauf haben. Auch Männer hätten ein erhöhtes Risiko: Zwischen sechs und neun Monaten nach der zweiten Dosis hatten Frauen laut Studie noch gut 70, Männer nur noch gut 50 Prozent Impfschutz.

Geimpfte können unwissentlich Infektionen in ihre Familien tragen

Den Untersuchungen zufolge können also auch infizierte Geimpfte – wenn auch in einem geringerem Maße – ansteckend sein. Eine Tatsache, die in der aktuellen Diskussion um 2G nicht unwichtig erscheint. Schließlich können Geimpfte, die sich geschützt fühlen, obwohl sie es kaum noch sind, aus 2G-Kontexten heraus Infektionen beispielsweise in ihre Familien tragen. Und dann wiederum ältere Verwandte anstecken, bei denen der Impfschutz ebenfalls nachgelassen hat.

Die Treiber der Pandemie bleiben zwar ganz klar die Ungeimpften, was auch die aktuellen Inzidenzen zeigen. In Sachsen übersteigt die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Ungeimpften 1700, während sie bei den Geimpften bei 62 liegt. Aber der Anteil der Geimpften an der Ausbreitung steigt – und muss ebenfalls beachtet werden.

TU-Forschende um Kai Nagel haben im Modell gezeigt, dass erst die Tatsache, dass die Geimpften und Genesenen an der Übertragung beteiligt sind, zu einer Reproduktionszahl führt, die größer als eins ist – und damit zu einer Herbst-/Winterwelle. Sie empfehlen in ihrem aktuellen Bericht eine breit ausgerollte Teststrategie.

Geimpfte und Genesene in Maßnahmen mit einbeziehen

Wenn hier auch Geimpfte und Genesene mit einbezogen würden, sinke der R-Wert den Modellen zufolge um rund 0,5. Ebenso wichtig sei eine breite Booster-Kampagne zur Abflachung der Winterwelle – und zwar für alle Personen, deren zweite Impfung länger als fünf Monate her ist. „Wir schlagen dies nicht in erster Linie zum individuellen Schutz einzelner Personen vor einem schweren Verlauf vor, sondern als Maßnahme, um die Ausbreitungsdynamik zu bremsen.“

Auch in einem Strategiepapier der Wissenschaftler:innen um Viola Priesemann wird der nachlassende Impfschutz – hier wird nach fünf Monaten eine Reduktion um einen Faktor 2 bis 3 angegeben – neben den ungeimpften Personen als eine Ursache für das Fortlaufen der Pandemie bezeichnet.

Die Forschenden empfehlen neben der dringlichen Schließung der Impflücke bei Ungeimpften ebenfalls eine Booster-Offensive. In Israel haben Auffrischungsimpfungen der Hälfte der Bevölkerung ausgereicht, um die Welle zu brechen. „Je schneller man boostert, desto früher kann die Welle gebrochen werden“, so die Forschenden.

Die aktuelle Impfgeschwindigkeit in Deutschland reiche bei Weitem nicht aus, heißt es in dem Strategiepapier, das Viola Prieseman mit 20 Kolleg:innen veröffentlicht hat. Würde es gelingen, pro Woche sieben Prozent der Bürger:innen eine Drittimpfung zu geben, wäre vor Weihnachten die Hälfte der Bevölkerung wesentlich besser geschützt.

Virologe Christian Drosten befürchtet, dass Impfkampagnen, Teststrategie und 2G-Regeln für die Abflachung der aktuellen Welle bereits zu spät kommen. Um Infektionen zu vermeiden, „brauchen wir eine gewisse Art von Übertragungsreduktion, von Kontaktmaßnahmen“, sagte er im NDR-Podcast.

Denn bei einer anhaltenden Infektionsdynamik hält Drosten es für unwahrscheinlich, dass eine ausgeweitete 2G-Regel dazu führt, die Inzidenz schnell genug zu senken: Die Ungeimpften würden sich ins Private verlagern, doch das Virus komme zu ihnen nach Hause, weil Geimpfte es eben auch übertragen könnten. Auch Priesemann und Nagel sprechen von Kontaktbeschränkungen, „Notfallschalter“ oder gar einem „weichen Lockdown“ als Ultima Ratio.

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