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Das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen ist hoch für alle Covid-19-Erkrankten  - auch noch 12 Monate nach Genesung.

© REUTERS / Amir Cohen

Tagesspiegel Plus

Auffälliger Anstieg von Herzerkrankungen: Die schlummernden Spätfolgen der Corona-Infektion

Eine Covid-19-Erkrankung kann Herz und Blutgefäßen schaden – sogar noch 12 Monate nach der Genesung.

Wer seine Infektion mit einer der Coronavirus-Varianten überstanden hat, ob nun mit mehr oder weniger starken Symptomen, gilt als genesen. Doch offenbar braucht der Körper für die Erholung und Regeneration nach Covid-19 nicht nur weit länger als bisher gedacht, weshalb Ärzte von Post- oder Long-Covid sprechen. Offenbar erhöht eine Covid-Erkrankung auch das Risiko für Herzkreislauferkrankungen wie Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Herzrhythmusstörungen – auch noch ein Jahr nach der Infektion. Zu diesem Ergebnis kommt eine umfangreiche Studie eines Forschungsteams der Washington University, die kürzlich in der Fachzeitschrit „Nature” erschienen ist.

Das Team um den Epidemiologen Ziyad Al-Aly beobachtete über 15000 US-Veteranen, die im Verlauf der Pandemie unterschiedlich schwere Verläufe von Covid-19 hatten. Die üblichen ärztlichen Diagnosen dieser Infizierten nach deren Genesung verglichen die Forschenden mit den Diagnosen von 5,6 Millionen Veteranen, die keine Corona-Infektion durchlitten hatten, und den medizinischen Informationen von über 5,8 Millionen Veteranen von vor Beginn der Pandemie.

Die Risiken waren unabhängig von Alter, ethnischer Herkunft, Geschlecht und anderen kardiovaskulären Risikofaktoren erhöht

Yan Xie, Evan Xu, Benjamin Bowe, Ziyad Al-Aly - Autor:innen den Studie

Die Wissenschaftler:innen analysierten, ob sich die Coronainfektion auf das Risiko der Veteranen auswirkte, innerhalb eines Jahres danach mit einer von etwa 20 verschiedenen, typischen Herzkreislauferkrankungen diagnostiziert zu werden. Darunter fielen unter anderem Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herzrhythmusstörungen – Erkrankungen die massive Auswirkungen auf die Lebensqualität haben. Tatsächlich erhöhte sich das Risiko gegenüber jenen Veteranen, die sich nicht infiziert hatten, für alle untersuchten Herzkreislauferkrankungen signifikant: mal nur um 49 Prozent, mitunter aber auch um bis zu 85 Prozent, also fast eine Verdopplung des individuellen Erkrankungsrisikos. Auch noch ein Jahr nach überstandener Infektion blieb ein erhöhtes Risiko erkennbar, stellte das Forschungsteam fest.

Zwar gab es einen Zusammenhang zwischen der Schwere der Covid-19-Infektion und dem späteren Herzkreislauferkrankungsrisiko: Je schwerer der Verlauf von Covid-19 war, desto häufiger zog das einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt oder ähnliches nach sich. Aber die Forscher:innen betonen, dass der Großteil der Covid-19 Erkrankten keinen schwerwiegenden Verlauf hatte und keine Corona-Behandlung im Krankenhaus benötigte, und sich sich ihr Risiko für Herzkreislauferkrankungen dennoch erkennbar erhöht hatte.

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Dass die Covid-Genesenen bereits vor ihrer Infektion ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Komplikationen hatten, berücksichtigten die Forschenden bei der statistischen Analyse ebenso, wie die Tatsache, dass sich der Großteil der untersuchten Testgruppe als „weiß” und männlich kategorisierte: „Die Risiken waren unabhängig von Alter, ethnischer Herkunft, Geschlecht und anderen kardiovaskulären Risikofaktoren erhöht.”

Ein Jahr nach der Erkrankung waren sowohl alte als auch junge Menschen, sowohl Frauen als auch Männer, fettleibige und schlanke Menschen, Raucher:innen und Nicht-Raucher:innen gleichermaßen von einem erhöhten Risiko für eine Herzkreislauferkrankung betroffen, wenn sie sich mit Corona-infiziert hatten.

Eine Corona-Infektion könnte bei für das Auftreten von späteren Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausschlaggebend sein.

© Towfiqu Barbhuiya / Unsplash

Das Risiko für einen Schlaganfall war ein Jahr nach der Infektion um 52 Prozent höher bei Genesenen im Vergleich zu Nicht-Infizierten. Das Risiko für Herzversagen stieg um über 70 Prozent. In absoluten Zahlen bedeutet das, dass pro 1000 Menschen fast vier Menschen mehr an Schlaganfall erkranken, wenn sie zuvor Corona-infiziert waren, als in der Corona-freien Kontrollgruppe. Herzversagen erleiden sogar zwölf Personen mehr.

„In der Post-Covid-Ära könnte Covid zum größten Risikofaktor für kardiovaskuläre Folgen werden”, wird Larisa Tereshchenko, Kardiologin an der Cleveland Clinic, im Science Magazin zitiert. Das sei ein größerer Risiko als es Rauchen und Fettleibigkeit für diese Erkrankungen mit sich bringe.

In der Post-Covid-Ära könnte Covid zum größten Risikofaktor für kardiovaskuläre Folgen werden.

Larisa Tereshchenko, Kardiologin

Die Studienteilnehmer:innen wurden von März 2020 bis Januar 2021 in die Untersuchung aufgenommen, der größte Teil von ihnen war also noch ungeimpft. Dass die Covid-19-Impfung in sehr seltenen Fällen eine Myokarditis auslösen kann, berücksichtigten die Wissenschaftler in ihren Berechnungen. An der Schlussfolgerung, dass das erhöhte Risiko für eine Herzmuskelentzündung mit der Corona-Infektion zusammenhängt, änderte das nichts.

Die aktuelle Studie unterstreicht Warnungen von Ärzt:innen, Long-Covid könne mittel- und langfristig eine zusätzliche Belastung für die Gesundheitssysteme werden. Das Ein-Jahres-Risiko und die Belastung durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Covid-19 Genesenen ist beträchtlich und betrifft auch die, die einen milden Krankheitsverlauf hatten.

„Der beste Weg, eine lange Covid-Infektion und ihre unzähligen Komplikationen, einschließlich des Risikos schwerer kardiovaskulärer Folgen, zu verhindern, besteht darin, eine Sars-Cov-2-Infektion von vornherein zu vermeiden“, schreiben die Forscher:innen um Al-Aly. Regierungen und Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt sollten sich auf die Zunahme der Last durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbereiten.

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