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In den aktuellen Krisen ist der Beitrag der Wissenschaft für Lösungen gefordert. Die Forschung muss sich nach außen öffnen und neue Formen der Zusammenarbeit finden, schreibt TU-Präsidentin Rauch.
©  Imago/Westend61

TU-Präsidentin Rauch zur Zukunft der Wissenschaft: Baut den Elfenbeinturm zurück!

Miteinander läuft es besser: Warum die Gesellschaft eine zugängliche Wissenschaft braucht – und die Wissenschaft die Gesellschaft. Ein Gastbeitrag.

Geraldine Rauch ist seit April 2022 Präsidentin der Technischen Universität Berlin und Mitglied im Board of Directors der Berlin University Alliance (BUA). Sie ist Professorin für Medizinische Biometrie und wurde gerade in den neuen Zukunftsrat der Bundesregierung berufen.

Deutschland und ganz besonders Berlin sind exzellente Wissenschaftsstandorte. Seit Jahren werden anspruchsvolle Forschungsprogramme aufgesetzt, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erhalten hochrangige Ehrungen und die großen Universitäten und vielfältigen Forschungseinrichtungen prägen Berlin als lebendige und internationale „Brain-City“.

Strategien der vergangenen Dekade waren Profilierung, Wettbewerb um die besten Köpfe, die größten Förderprogramme und letztlich die Auszeichnung durch die Exzellenzförderung. Das zeigt auch: Keine Hochschule und keine Forschungseinrichtung kann heute ihren Status ohne eine hohe Summe an Drittmitteln verteidigen.

Das konkurrenzgetriebene System kommt an Grenzen

Dieses hochgradig kompetitive, ja konkurrenzgetriebene System kommt jedoch an seine Grenzen. Der Aufstand des akademischen Mittelbaus durch die „#ichbinhanna“-Debatte zeigt, dass die Unsicherheiten des akademischen Lebenswegs für zu viele Wissenschaftler*innen nicht mehr tragbar sind. Die aufeinanderfolgenden globalen Krisen erfordern schnelles und entschiedenes, gemeinschaftliches Handeln. Der alleinige Fokus auf Wettbewerb und Konkurrenz im Verhältnis zu Verlässlichkeit, Kooperation und Gemeinschaft im Wissenschaftssystem ist in dieser kritischen gesellschaftlichen Situation schädlich.

In der Krisendynamik der heutigen Zeit wird zunehmend nach dem Beitrag der Wissenschaft für die Lösung der großen Herausforderungen, den sogenannten Grand Challenges, gestellt. Der Wissenschaft wird vorgeworfen, sich abzukoppeln von den realen Problemen der Welt außerhalb der Hochschulwelt. Wie legitimiert sich die Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft, die sie finanziert?

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Selbstverständlich trägt die Wissenschaft fortlaufend zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen bei. Doch die Forschungsfelder und Spezialisierungen sind oft wenig verständlich und zugänglich für Außenstehende. Angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche ist neben der Sicherung der Grundlagenforschung eine verstärkte Orientierung der Wissenschaft zur Gesellschaft das Gebote der Stunde.

So hat zum Beispiel der große gesellschaftliche Bedarf zu einer Ausweitung der Forschung rund um das Thema Covid-19 geführt. Gleiches gilt für gesellschaftlich tief verwurzelte Probleme wie etwa Rassismus und Gleichstellung. Die Fördermittelgeber aus Ministerien, Stiftungen oder der Europäischen Union fordern einen gesellschaftlichen Forschungsbezug zunehmend ein. Das Einfordern allein reicht aber nicht. Entsprechende Forschungsprojekte müssen auch nachhaltig und verlässlich finanziert werden.

Es braucht ein neues Miteinander

Es braucht auf vielen Ebenen ein neues Miteinander, im Wissenschaftssystem selbst und zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Dabei ist die Wissenschaftskommunikation ein verbindendes Element.

Neben der verständlichen und interessanten Kommunikation über Wissenschaft braucht es zur Entwicklung von Lösungen neue Kooperationsformen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Es gibt immer mehr methodische Zugänge wie die aktive Beteiligung der Bürger*innen an Forschungsprojekten, die Zusammenarbeit über Fachdisziplinen hinweg und gemeinsam mit Bedarfsgruppen. Allen gemein ist, dass gesellschaftlichen Akteure sich an der Forschung beteiligen.

Spannend in diesem Kontext sind insbesondere transdisziplinäre, also die Grenzen der Wissenschaft überschreitende, Forschungsansätze. Hier ist die Beteiligung der Gesellschaft in unterschiedlichen Formen schon in einem sehr frühen Stadium der Forschungsarbeit sinnvoll: Welche Themen sind aus gesellschaftlicher Perspektive besonders innovativ, dringlich oder spannend? Wofür müssen Lösungen entwickelt werden?

Die Beteiligung von gesellschaftlichen Partner*innen, sei es wegen ihrer spezifischen Perspektive oder ihrer praktischen Expertise, erfolgt dabei insbesondere bei der gemeinsamen Entwicklung von Forschungsfragen, damit – verkürzt gesagt – nicht an der Gesellschaft vorbei geforscht wird und Ergebnisse sehr schnell umgesetzt werden können.

Reallabore im Berliner Stadtraum

So beschäftigen wir uns in der Bioökonomie mit dem großen noch nicht genutzten Potenzial von Pilzen, die wir künftig für neuartige Kleidung, für Baustoffe oder als Färbemittel verwenden können. Das steht im Zentrum von „MY-CO SPACE“, bei dem sich Bürger*innen beteiligen und das eins von mehr als 20 Reallaboren im Berliner Stadtraum ist. Die Plattform für transdisziplinäre Projekte dieser Art ist unsere TU-StadtManufaktur, die eine Schnittstelle zwischen der TU Berlin und der Stadtgesellschaft bildet. Die Idee ist, öffentliche Räume zu schaffen, in denen sich Berliner*innen über wissenschaftliche Erkenntnisse austauschen – und eigene Themen, die sie für forschungsrelevant halten, einbringen können.

An der Technischen Universität Berlin ist das Forschen mit der Gesellschaft ein strategisches Ziel. Und auch die Berlin University Alliance (BUA), der Exzellenzverbund von Freier Universität, Humboldt-Universität, Technischer Universität und der Charité, hat sich dieses neue Miteinander zur Aufgabe gestellt. Dazu gehört nach Innen die enge Kooperation und gemeinsame Programmgestaltung der Partnerinnen, die lange als Konkurrentinnen galten. Nach außen wirkt der Verbund durch Formate, die zu einem neuen Miteinander der Wissenschaft mit der Berliner Stadtgesellschaft einladen.

Der Exzellenzverbund geht einen Schritt weiter

Im Exzellenzverbund stehen die „Grand Challenges“ im Mittelpunkt der Förderung. Hier wird bereits in gemeinsamen Forschungsschwerpunkten zu sozialem Zusammenhalt und globaler Gesundheit mit Partner*innen aus der Gesellschaft geforscht.

Der Verbund geht nun noch einen Schritt weiter. Unter dem Aufruf „Dein Thema für Berlins Spitzenforschung“ wird gemeinsam mit Gesellschaft und Wissenschaft das nächste Großthema für den Exzellenzverbund gesucht. Als besondere Zielgruppe konzentriert sich die BUA dabei auf Jugendliche aus Berlin. Nicht nur die Pandemie hat gezeigt: Die Stimmen von jungen Menschen werden nicht gehört, ihr Blick auf die Welt wird nicht nachgefragt. Dabei bewohnen die heutigen Jugendlichen nicht nur die Welt von morgen, sondern verkörpern auch heute schon Ideen und Trends, die ältere Generationen nicht kennen.

Jugendliche sollen das nächste große Thema der BUA mitentwickeln.
Jugendliche sollen das nächste große Thema der BUA mitentwickeln.
© imago/photothek

Diese Perspektiven und die Kreativität sehen wir als Chance für unseren Themenfindungsprozess. Dabei werden die Jugendlichen durch ein eigenes Workshop-Programm fit gemacht, um mit Wissenschaftler*innen auf Augenhöhe eigene Themen zu diskutieren. Gleichzeitig sammeln wir Themenvorschläge von Studierenden und Wissenschaftler*innen, die in einer großen Veranstaltung mit Vertreter*innen aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Kultur diskutiert werden.

Die besten Vorschläge gehen an die Berliner Unipräsident*innen und eines wird in den kommenden Jahren von Berlins besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gemeinsam mit der Gesellschaft erforscht werden.

Die neuen Formate werden manchmal auch belächelt

Die Wissenschaft als Partnerin der Gesellschaft in gemeinsamer Forschung, Jugendliche aus Berlin als Ideengeber und der Rückbau des berühmten Elfenbeinturms – all dies ist keineswegs bereits Konsens in der Wissenschaftswelt.

Im Gegenteil, diese neuen Formate werden auch in der Wissenschaft manchmal belächelt (habt ihr denn keine eigenen Ideen?) und teilweise hart kritisiert (Wissenschaftsfreiheit, bedeutet, dass Wissenschaftler*innen selbst ihre Themen setzen). Diese Bedenken nehmen wir ernst und berücksichtigen diese und trotzdem wagen wir Neues – denn Innovation bedeutet auch gewohnte Wege zu verlassen und sich auszuprobieren.

Ich bin davon überzeugt, dass von einem neuen Miteinander alle profitieren: Die Gesellschaft durch die erhöhte Übertragbarkeit der wissenschaftlichen Ergebnisse und durch schnellere anwendungsorientierte Lösungen für große Herausforderungen. Und die Wissenschaft durch mehr Kooperationen und eine neue, inspirierende Partnerschaften mit der Gesellschaft. Und die Jugendlichen? Die werden hoffentlich unsere neuen besten Köpfe. Ich freue mich darauf!

- Jugendliche, die in Berlin leben und zwischen 14 und 18 Jahre alt sind, können sich bis zum 26. August unter www.bua-calling.de für die Workshops anmelden.

Geraldine Rauch

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