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Cancel social media culture concept or cultural cancellation and social media censorship as canceling or restricting opinions that are offensive.

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Tagesspiegel Plus

Das Feld des Sagbaren: Cancel Culture - Kampfbegriff oder echte Bedrohung?

„Cancel Culture“ und Identitätspolitik sind die Reizwörter der Stunde. Aber über was sprechen wir hier eigentlich? Eine Standortbestimmung.

Ist die „Cancel Culture“ ein zahnloser Papiertiger – oder bedroht sie tatsächlich die Meinungsfreiheit? Die Fronten der Debatte scheinen hoffnungslos verhärtet.

Auf der einen Seite stehen die, die meinen, dass sich im Kultur-, Medien- und Wissenschaftsbetrieb eine immer rigidere Diskurshygiene breitmache. Wer sich der moralinsauren Hypersensibilität der neuen Kultur-Hegemonen nicht anpasse – so der Tenor dieser Erzählung –, werde aus den öffentlichen Sprechräumen verbannt.

Lässt sich herausfinden, welches Lager recht hat?

Die Gegenseite erklärt, dass es sich bei der medialen Rezeption der „Cancel Culture“ um eine bloße Gespensterdebatte handele. Jene, die lange den Diskurs dominierten – meist alte, weiße und männliche Akteure –, trauerten den guten alten Zeiten hinterher, in denen ihnen kaum widersprochen worden sei. Demnach ist „Cancel Culture“ ein populistischer Kampfbegriff, mit dem man Kritik als Zensur schmähen kann.

Was ist dran an der Debatte? Lässt sich herausfinden, welches Lager recht hat? Problematisch an feuilletonistischen Modebegriffen ist, dass sie oft exzessiv verwendet werden und meist keinen klaren Phänomenbereich umreißen. Wenn es eine „Cancel Culture“ geben sollte – was kann damit eigentlich gemeint sein?

Es entwickelt sich eine Art Verhaltensgrammatik

„Im Gegensatz zu staatlicher oder kirchlicher Bevormundung bezeichnet Cancel Culture die Selbstregulierung eines bestimmten Milieus, etwa im Kultur- oder Universitätsbetrieb“, sagt Bernd Stegemann, Professor für Theatergeschichte und Dramaturgie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch.

Demnach ist das, was unter dem Begriff der „Cancel Culture“ diskutiert wird, kein Eingriff von oben, sondern von unten. Ein bestimmtes soziales Feld entwickelt eine Art Verhaltensgrammatik, bildet also implizite Sprechregeln aus.

Wenn es aber kein Zentralkomitee gibt, dass das Feld des Sagbaren unter Strafandrohung reguliert, ist es dann nicht blanker Unsinn, von einer „Gefahr für die Meinungsfreiheit“ zu sprechen, wie es die Kritiker der „Cancel Culture“ tun?

Wenn S. Fischer entscheidet, mit Monika Maron nicht mehr zusammenzuarbeiten, und diese dann bei Hoffmann & Campe eine neue Publikationsplattform findet - belegt das wirklich gefährliche Zensur oder sind das nicht herkömmliche Marktroutinen? Ist die „Cancel Culture“ vielleicht doch weniger apokalyptisch, als manche Publizisten glauben machen wollen?

Die Kosten künstlerischer Selbstzensur sind größer als der gesellschaftliche Nutzen.

Bernd Stegemann, Professor für Theatergeschichte an der Hochschule für Schauspiel Ernst Busch

Zwar sei offenkundig, dass es in Deutschland keine ernsthaften Bedrohungen der Meinungsfreiheit gebe, meint Stegemann. Gleichwohl aber habe man es dort, wo die gesellschaftlichen Teilbereiche anfingen, sich selbst zu überwachen, mit einer neuen und keineswegs unproblematischen Form von Beschneidung zu tun. „Die Kosten künstlerischer Selbstzensur sind dabei größer als der gesellschaftliche Nutzen“, meint Stegemann.

An seiner Kunsthochschule beobachtet der Dramaturg eine Empfindlichkeitskultur, die sich immer weiter ausdehne. Die Praxis sprachlicher Hygiene weise eine Logik der Steigerung auf, einen Hang zum Totalitären.

Wer jeden Begriff auf seine semantischen Hypotheken abklopft, kommt demnach aus dem Regulieren nicht mehr heraus. „Wenn man nur mit der Opferbrille auf alles schaut, wird man zum Opfer seiner eigenen Sensibilität“, sagt Stegemann. Kunst aber müsse provozieren dürfen, auch wenn sich jemand verletzt fühlen könne.

Die gesteigerte Sensibilisierung von Teilen der Gesellschaft hat dazu geführt, dass es zum Beispiel nicht mehr selbstverständlich ist, queere Personen zu diskriminieren, sagt eine Professorin.
Die gesteigerte Sensibilisierung von Teilen der Gesellschaft hat dazu geführt, dass es zum Beispiel nicht mehr selbstverständlich ist, queere Personen zu diskriminieren, sagt eine Professorin.

© REUTERS

Die Historikerin Hedwig Richter dagegen, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München, sieht die neue Sensibilität für Sprache und Sprechpositionen als großen zivilisatorischen Gewinn. „Ich verwende den eigentlich pejorativen Begriff der Political Correctness positiv“, sagt Richter.

Die gesteigerte Sensibilisierung von Teilen der Gesellschaft habe dazu geführt, dass es zum Beispiel nicht mehr selbstverständlich sei, in der Öffentlichkeit antisemitische Witze zu machen, queere Personen zu diskriminieren und historisch bemakelte Begriffe wie das N-Wort unbedarft zu verwenden.

Wir sind heute viel freier, viel offener und können viel mehr sagen als noch in den 50er oder 70er Jahren.

Hedwig Richter, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München

„Ich habe den Eindruck, dass einige Kritiker der Political Correctness geradezu empört darüber sind, dass inzwischen auch andere mitsprechen, die vorher im Diskurs keine Stimme hatten.“ Da spiele viel Unbewusstes mit – narzisstische Kränkungen derer, die früher alleine sprechmächtig waren. Die riefen dann vorschnell „Zensur!“, bloß weil es in manchen Debatten nun einen erhöhten Rechtfertigungsbedarf gebe.

Diskurs um Cancel Culture als Gespensterdebatte?

Der Wahrnehmung, dass Meinungskorridore sich zunehmend verengen, müsse sie als Historikerin entschieden widersprechen. „Wir sind heute viel freier, viel offener und können viel mehr sagen als noch in den 50er oder 70er Jahren.“

Auch die Trierer Literaturwissenschaftlerin Andrea Geier hält den Diskurs um die „Cancel Culture“ für eine Gespensterdebatte. Dass das Thema so begierig aufgegriffen werde, erzeuge eine permanente Anschlusskommunikation – die Sau wird im Dauerlauf durchs Mediendorf getrieben.

Da werden dann singuläre Ereignisse zu einer allgemeinen Bedrohung für die Meinungsfreiheit stilisiert.

Andrea Geier, Professorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Trier

„Da werden dann singuläre Ereignisse zu einer allgemeinen Bedrohung für die Meinungsfreiheit stilisiert.“ Anstatt die Einzelfälle, die meist völlig unterschiedlich gelagert seien, genau zu untersuchen, würden diese unter ein griffiges Schlagwort subsummiert, Verschiedenes also vereindeutigt und zu einer vermeintlichen Zensurkultur hochgejazzt.

Dabei sei es bemerkenswert, dass ausgerechnet jene, die an prominentester Stelle ganz viel sagen dürften, den Diskurs um die „Cancel Culture“ anführten, meint Geier.

Die vorübergehende Absage der Lisa-Eckhart-Veranstaltung im Rahmen des Hamburger Literaturfestivals verursachte eine große Welle der Empörung.
Die vorübergehende Absage der Lisa-Eckhart-Veranstaltung im Rahmen des Hamburger Literaturfestivals verursachte eine große Welle der Empörung.

© picture alliance / HERBERT NEUBAUER / APA / picturedesk.com

So erzeugte etwa die vorübergehende Absage der Lisa-Eckhart-Veranstaltung im Rahmen des Hamburger Literaturfestivals Harbour Front – aufgrund der irrtümlichen Behauptung, der Schwarze Block in Hamburg habe gedroht, die Veranstaltung zu sprengen – eine große Welle der Empörung. Woraufhin man die gern mit antisemitischen Klischees rumwitzelnde Österreicherin dann doch im Programm haben wollte.

Ähnliche Reaktionen gab es im Fall Dieter Nuhr. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hatte einen Videobeitrag des Komikers im Anschluss an einen Shitstorm in den sozialen Netzwerken von ihrer Webseite gelöscht. Twitter stand abermals kopf. Der Beitrag wurde prompt wieder hochgeladen.

Wenn nun aber jede Menge diskursmächtige Akteure intervenieren, woraufhin die Cancel-Entscheidungen – ob richtig oder falsch – postwendend zurückgenommen werden und die genannten Personen sich überall äußern: Ist dann das freie Meinen in Gefahr? „Dass es überhaupt eine Debatte gibt, wird als Angriff auf die Meinungsfreiheit missinterpretiert“, sagt Geier. Die Weigerung, sich grundsätzlich infrage stellen zu lassen, empfinde sie als überaus anmaßend.

Wie sieht es in den USA aus?

Wie aber sieht es in den USA aus, dem Mutterland von „Cultural Appropriation“, „Critical Whiteness“ und linker Identitätspolitik? Die US-amerikanische „Cancel Culture“ wird in der Debatte häufig als mahnendes Beispiel angeführt. So hat etwa der Politikwissenschaftler Yascha Mounk, Dozent an der Harvard University in Boston, davor gewarnt, dass die exzessive Diskurshygiene im dortigen Kultur-, Medien- und Universitätsbetrieb dabei sei, nach Deutschland exportiert zu werden.

Das prägnanteste US-Beispiel ist der Fall David Shor: Der für einen Thinktank der Demokratischen Partei tätige (weiße) Datenanalyst wurde von seinem Arbeitgeber entlassen, nachdem er einen Tweet des (schwarzen) Princeton-Professors Omar Watson geteilt hatte. Dieser hatte erklärt, dass gewaltsame Proteste 1968 Richard Nixon zum Wahlsieg verholfen und friedliche Demonstrationen die Demokraten begünstigt hätten.

Vailde Daten gibt es kaum - stattdessen viel Bauchgefühl

Viele Aktivistinnen werteten den Retweet als anmaßende Bevormundung der Black-Lives-Matter-Bewegung – weshalb David Shor seinen Job verlor. „Das ist natürlich ein absurder Vorgang“, sagt Hedwig Richter. Tatsächlich aber sei es eines von wenigen Beispielen dafür, dass jemand wirklich „gecancelt“ worden sei.

Alles bloß Anekdoten-Evidenz? Wie bei vielen Kulturphänomenen gibt es kaum valide Daten, mit denen sich die Existenz einer „Cancel Culture“ bestätigen oder widerlegen ließe – stattdessen viel Bauchgefühl und Intuition.

Was mich irritiert, ist, dass schon Erstsemester den unbestimmten Eindruck bekommen, in einem Seminar müsse man aufpassen, was man sagt.

Claus Leggewie, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Gießen

„Dass die Meinungsfreiheit hier wirklich bedroht wird, ist sicher übertrieben“, sagt der Politikwissenschaftler Claus Leggewie, Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“. Gleichwohl sei es legitim, auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen, erklärt der Politologe.

So erzählt Leggewie, wie ihm bei einem Seminar an einer US-amerikanischen Universität von schwarzen Studierenden Mikroaggression vorgeworfen wurde, weil er das in Teilen rassistische Werk Immanuel Kants thematisiert habe.

Das Werk des Philosophen Immanuel Kant polarisiert heute an Unis - weil es in Teilen rassistisch gelesen werden kann.
Das Werk des Philosophen Immanuel Kant polarisiert heute an Unis - weil es in Teilen rassistisch gelesen werden kann.

© dpa/dpa-Bildfunk

„Das mag ja eine verunglückte Form von Kritik gewesen sein“, kommentiert Andrea Geier. Von „Cancel Culture“ hätte man indes nur dann sprechen können, wenn Herr Leggewie seine Vorlesung nicht hätte halten dürfen oder Kant aus dem Curriculum verbannt worden wäre. Beides ist nicht passiert.

„In anderen Fällen aber doch“, sagt wiederum Leggewie. „Was mich irritiert, ist, dass schon Erstsemester den unbestimmten Eindruck bekommen, in einem Seminar müsse man aufpassen, was man sagt.“ Es gehe ihm keineswegs darum, eine Drohkulisse aufzumachen. Vielmehr wolle er auf einen problematischen Zug zeitgenössischer Identitätspolitik hinweisen – die den Rahmen des Diskurses um „Cancel Culture“ bilde.

Die Linke neigt dazu, sich in Binnenstreitigkeiten zu verausgaben

Der Politikwissenschaftler beobachtet in der Debatte einen „Narzissmus der kleinsten Differenz“. Die heute auf identitätspolitische Fragen fokussierte Linke neige dazu, sich in Binnenstreitigkeiten zu verausgaben, anstatt geschlossen ihren wirklichen Feind – die politische Rechte – zu bekämpfen.

In Twitter-Bubbles kann der Eindruck entstehen, manche sind vor allem durch ihr moralisches Distinktionsbedürfnis getrieben.
In Twitter-Bubbles kann der Eindruck entstehen, manche sind vor allem durch ihr moralisches Distinktionsbedürfnis getrieben.

© REUTERS

Tatsächlich kann in einschlägigen Twitter-Bubbles mitunter der Eindruck entstehen, die vornehmliche Diskursmotivation mancher Aktivisten sei ihr moralisches Distinktionsbedürfnis. In manchen Debatten darüber, wer berechtigt sei, sich wo und wann wem gegenüber zu äußern, scheint es oft auch darum zu gehen, den eigenen „Moral Highground“ herauszustellen.

„Hier ist oft ist eine gewisse Selbstverzauberung am Werk und eine Arroganz gegenüber denjenigen, die den neuesten Drall noch nicht mitbekommen haben“, sagt Bernd Stegemann. Manche seiner Studierenden zeigten ihrerseits blinde Flecken, wenn sie nicht bemerken würden, dass ihre Dauerbeschäftigung mit gewissen Themen sie nicht gleich zu besseren Menschen mache. „Diskurshygiene und Identitätspolitik verkommen leider häufig zum Selbstzweck und entkoppeln sich von ihren progressiven Ursprüngen“, sagt Stegemann.

Der fundamentale Unterschied zwischen rechter und linker Identitätspolitik

Nun gibt es auf theoretischer Ebene einen fundamentalen Unterschied zwischen rechter und linker Identitätspolitik. Während rechte Identitätspolitik auf vermeintlich essenzielle (biologische oder kulturelle) Unterschiede abstellt und diese zu zementieren versucht, besteht das linke Projekt darin, gesellschaftlich benachteiligte Gruppen aus strategischen Gründen zusammenzuschweißen. Natürlich mit dem langfristigen Ziel, gesellschaftliche Unterschiede einzuebnen.

Weil es in der Gesellschaft ein faktisches Herrschaftsgefälle gibt, Frauen oder People of Colour zum Beispiel strukturell benachteiligt sind, ist es notwendig, eine marginalisierte Identität als solche herauszustellen. Da der viel beschworene Universalismus der Aufklärung historisch noch immer auf sich warten lässt – das Menschenrecht bis heute oft das Recht des weißen Mannes ist –, wird das Merkmal der Diskriminierung zwecks Selbstermächtigung starkgemacht.

Bunte Parade: Der alternative CSD in Berlin 2020 zeigt wie sich gesellschaftlich benachteiligte Gruppen aus strategischen Gründen zusammenschweißen.
Bunte Parade: Der alternative CSD in Berlin 2020 zeigt wie sich gesellschaftlich benachteiligte Gruppen aus strategischen Gründen zusammenschweißen.

© Nadine Lange

Das langfristige Ziel aber ist, einen wirklichen Universalismus zu erreichen, in dem es dann keine Rolle mehr spielt, ob man Mann oder Frau, schwarz oder weiß, hetero oder homo ist.

Das Problem sei indes, dass viele identitätspolitisch orientiere Akteure dieses Ziel aus den Augen verlören und das strategisch notwendige Identitätsgebilde letztlich essenzialisieren würden, meint Stegemann. Hierdurch gleiche sich die linke Identitätspolitik zuweilen unbemerkt ihrer rechten Stiefschwester an.

Ob Donald Trump spricht oder Bernie Sanders, macht einen großen Unterschied

„Wenn der Sagende wichtiger wird als das Gesagte, es nur noch darum geht, wer spricht oder sprechen soll, und nicht mehr darum, was eigentlich gesprochen wird, ist der Bogen überspannt“, sagt Stegemann. So ist alter weißer Mann nicht gleich alter weißer Mann. Ob Donald Trump oder Bernie Sanders spricht, macht einen gewaltigen Unterschied. Ihr „Sein“ erschöpft sich nicht in ihrem „Mann-Sein“ oder „Weiß-Sein“ – auch wenn beide strukturelle Privilegien genießen.

Wenn man den Weltzugang allein auf bestimmte Merkmale zurückführe – etwa Männern die Fähigkeit abgesprochen werde, eine weibliche Perspektive einzunehmen –, entstehe das genaue Gegenteil dessen, was man eigentlich erreichen wolle. Wenn jede Gruppe beansprucht, dass nur sie selbst sich zu ihren Angelegenheiten äußern dürfe, drohe die Gesellschaft in Stämme zu zerfallen. Intersubjektive Verständigung, die Voraussetzung demokratischen Miteinanders, werde so letztlich unmöglich gemacht.

Auch wenn diese Problematik theoretisch einleuchten mag, stellt sich natürlich die Frage, wie stark die dogmatische und somit pervertierte Form linker Identitätspolitik empirisch ins Gewicht fällt.

Bauchgefühlte Wahrheiten

Auch hier gibt es lediglich bauchgefühlte Wahrheiten und jede Menge induktive Fehlschlüsse. Natürlich besteht immer die Gefahr, dass Ideen sich dialektisch in ihr Gegenteil verkehren; dass also ursprünglich fortschrittliche Prinzipien in eine dogmatische und undifferenzierte Praxis umschlagen.

So haben etwa die Berliner Sophiensäle im Jahr 2016 das dezidiert antirassistische Theaterstück „Leopardenmorde“ aus dem Programm genommen, weil die Schauspieler auf der Bühne aus einem kolonialistischen Text vorlasen, der das N-Wort enthielt.

Den Künstlern ging es freilich darum, die menschenfeindliche Geisteslandschaft zu kartieren, der das diskriminierende Vokabular entstammt. Kunst, so die Auffassung der Theatergruppe „Kursk“, müsse die Sprache der Mörder zeigen, um sie kritisch zerlegen zu können. Die Verantwortlichen, die das Stück absetzten, zeigten ein völlig naives, gleichsam mittelalterliches Sprachverständnis, das die Worte als solche für böse halte, meint Stegemann. Die performative Wirkung von Sprache müsse man immer im Kontext betrachten.

Kann ein solches Beispiel aber als Argument gegen den grundsätzlichen Nutzen sprachlicher Reformierungen dienen? Nein, sagt Hedwig Richter. Dümmliche, kontextlose Anwendungen eigentlich guter Ideen hätten zu allen Zeiten existiert. Es gebe eben gute und schlechte Kritik. Das stelle aber den zivilisatorischen Nutzen der Identitätspolitik keineswegs als solchen infrage.

Die extremen Beispiele aber spielten den Rechten in die Hände, meint Leggewie. Mehr kritische Selbstreflexion stünde der Linken hier gut zu Gesicht. „Wenn Linke zugeben würden, dass es Formen von Cancel Culture gibt, wäre das ein Eingeständnis, in bestimmen gesellschaftlichen Teilbereichen selbst Macht innezuhaben – das wollen viele nicht wahrhaben.“

Futter für die Propaganda-Erzählung der Rechten

Der Politikwissenschaftler ist der Auffassung, dass die politische Rechte durch pervertierte Formen von Identitätspolitik Futter für ihre Propaganda-Erzählung erhalte, es seien Linke, die die Meinungsfreiheit einschränken wollten. Empirisch gehe eine wirkliche Gefahr für Grundfreiheiten indes von der politischen Rechten aus, sagt Leggewie.

Überall wo sie die Macht innehabe – in Ungarn, Brasilien oder Polen –, würden Bürgerinnenrechte eingeschränkt. Sicher kann man gewisse Entwicklungen in den Debatten der zeitgenössischen Linken kritisieren. Wenn „Cancel Culture“ aber nicht die Selbstregulierung eines bestimmten Milieus, sondern ein aktives Beschneiden von Meinungs- und Pressefreiheit durch Machtinstitutionen bedeutet, droht sie heute primär von rechts.

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