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Gebremst von Angst. Die Studienzeiten im Bachelor der Freien Universität steigen wieder. Denn die Studierenden befürchten, keinen Platz im Master zu bekommen, meint FU-Präsident Alt. Der Deckel müsse darum gehoben werden.

© ddp

Hochschule: Der Master wird zum Eliteabschluss

Die Plätze, die die Hochschulen bislang in den Master-Programmen aufgebaut haben, werden für die vielen Bachelorabsolventen nicht reichen. Doch die Politiker wollen nicht vorsorglich den Aufbau zusätzlicher Masterplätze finanzieren, sondern erst mal abwarten.

Steht bald ein neuer Bildungsprotest bevor, weil empörte Bachelorstudierende an den Toren zum Master rütteln? Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität, hält das angesichts des Andrangs auf das weiterführende Studium für möglich. Er fordert die Politiker zum Handeln auf: „Wir dürfen nicht warten, bis die Studierenden wieder auf die Straße gehen. Das wäre ein Armutszeugnis.“

Nur eine Minderheit soll nach dem Bachelor im Master weiterstudieren – das war der politische Wille des Wissenschaftsrats und der Kultusministerkonferenz, als die neuen Studiengänge nach 1998 eingeführt wurden. Die große Mehrheit der Studierenden sollte deutlich schneller in den Beruf gehen, um die Rentenkassen aufzubessern. Auch hätte es die Hochschulen teurer gemacht, wenn die Masse fünf Jahre bis zum Master studiert. „Selektion“ sollte das Motto beim Übergang zum Master lauten.

Nun zeigt sich: Viele Bachelorstudierende wollen den Politikern den Gefallen nicht tun, die Hochschule schnell zu verlassen. Sie streben in den Master. Weil sie weiterlernen wollen, oder weil sie sich mit dem Master bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausrechnen. So bahnt sich ein Engpass an.

Das Hochschulinformationssystem (HIS) hat in einer Befragung ermittelt, dass sich 55 Prozent der Studierenden bereits heute sicher sind, nach dem Bachelor ein Masterstudium zu beginnen. HIS rechnet noch mit einem erheblichen Anteil von Unentschlossenen, so dass Übergangsquoten von 76 Prozent möglich sein sollen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt das Hochschulforschungsinstitut Incher an der Universität Kassel.

Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) schätzt, dass über 50 Prozent der Bachelorabsolventen von den Fachhochschulen einen Master anstreben werden. Bei den Universitätsabsolventen rechnet die HRK sogar mit 75 Prozent.

Doch Bund und Länder finanzieren mit ihrem Hochschulpakt nur für die Hälfte der Bachelorabsolventen einen Platz im Master. Viele Länder seien deshalb auch nicht in der Lage, mehr Masterplätze zu schaffen, sagt Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität (HU). An der HU liege die Übergangsquote deutlich über diesem Kapazitätsengpass, bei knapp 70 Prozent.

Wie reagiert die Politik? Noch behaupten die Kultusminister, dass alle am Master interessierten Studenten, wenn sie beweglich genug seien, irgendwo in Deutschland einen Masterstudienplatz finden können. In der Tat gibt es abgesehen von einigen Engpässen in sehr beliebten Großstädten und bei besonders nachgefragten Fächern „zurzeit noch keinen flächendeckenden Mangel an Masterstudienplätzen“, wie HRK- Generalsekretär Thomas Kathöfer erklärt.

Jan-Hendrik Olbertz, HU-Präsident.

© Mike Wolff

Aber die HRK rechnet damit, dass angesichts der rasant steigenden Studienanfängerzahlen die Nachfrage das Angebot an Masterstudienplätzen bald übersteigen wird. Das stellt die Politik vor große Herausforderungen. Erst recht, da der jetzt laufende Hochschulpakt II (2010 bis 2015) unterfinanziert ist: 6500 Euro pro Jahr und Studienanfänger reichen nicht aus, sagt HRK-Generalsekretär Kathöfer. Das Statistische Bundesamt habe die tatsächlichen Kosten mit jährlich 7200 Euro pro Studienplatz ermittelt.

Schon heute gibt es beim Übergang zum Master harte Zulassungshürden, die in der Verantwortung der einzelnen Hochschulen liegen. So verlangt die Universität Köln in dem dort besonders begehrten Fach Betriebswirtschaft einen Notendurchschnitt im Bachelorexamen von 1,9 für die Zulassung zum Masterstudium. In den Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität wurde die Zulassungshürde zum Masterstudium auf 1,5 im Bachelorabschluss festgelegt. An der Berliner TU ist für das Fach Kommunikation und Sprache ebenfalls eine Notenhürde von 1,5 errichtet worden. An der FU lag in der Politikwissenschaft der NC zum Master bei 1,6. Bei solchen Hürden wird der Master zum Eliteabschluss.

Am 9. Februar werden sich die Staatssekretäre in der Kultusministerkonferenz über die Zahlen beugen. Dass sie dann sofort beginnen, neue Plätze im Master aufzubauen, ist unwahrscheinlich: „Wir bekommen keinen Finanzminister dazu, nur aufgrund einer Prognose Gelder zu geben“, sagt Knut Nevermann (SPD), Staatssekretär für Wissenschaft im Berliner Senat. Auch Josef Lange (CDU), Staatssekretär in Niedersachsen, hält die in der Öffentlichkeit kursierende Übergangsquote von 75 bis 80 Prozent der Bachelorstudenten in den Master für bloße Meinungsäußerungen. Staatssekretär Lange sieht auch keine Chancen für eine Masterfinanzierung des fünften Studienjahrs: „Damit senden wir falsche Signale aus.“

Nevermann glaubt nicht, dass der Zeitpunkt gekommen ist, heute schon über eine verbesserte Finanzierung des Masterstudiums zu entscheiden. „Erst wenn der Druck da ist, werden wir reagieren. Jedenfalls wäre es falsch, jetzt leere Kapazitäten bereits im Blick auf das Jahr 2015 zu schaffen.“ In Berlin fahre man „auf Sicht, weil kein Mensch weiß, wie viele Bachelorstudenten nach dem Examen in den Master gehen, wenn man die Lehrerbildung einmal außer Acht lässt.“

Wie sich der Bund eine Lösung vorstellt, lesen Sie auf der nächsten Seite

Auch Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan (CDU) will erst mal abwarten. Sie hat angekündigt, erst für die dritte Runde des Hochschulpakts vom Jahr 2015 bis zum Jahr 2020 einen Schwerpunkt in der Finanzierung von Masterstudienplätzen zu setzen. Das könnte jedoch angesichts der Entwicklung eindeutig zu spät sein.

HU-Präsident Olbertz befürchtet, die Qualität im Masterstudium werde abstürzen, wenn die Politik zu lange wartet. FU-Präsident Alt drängt ebenfalls zur Eile. Bisher sei der Bachelorabschluss an der FU nach 6,8 Semestern erreicht worden: „Jetzt beobachten wir wieder eine längere Verweildauer im Bachelor“, berichtet Alt: „Die Studierenden haben Angst, anschließend keinen Masterplatz zu erhalten. Wenn wir den Deckel zum Masterstudium nicht heben, kann es wieder dauerhaft zur Studienzeitverlängerung kommen.“ Alt spricht sich für eine Übergangsquote von 50 Prozent als Planungsgröße aus, sofern den Ländern die Möglichkeit eröffnet wird, bei höherer Nachfrage nach Masterstudienplätzen in einzelnen Fächern Übergangsquoten vom Bachelor zum Master bis zu 75 Prozent zu finanzieren.

HU-Präsident Olbertz fordert, die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern sollten über die Finanzierung des Hochschulpaktes III spätestens 2013 entscheiden und mit der Diskussion über die Ausgestaltung der Studienbedingungen im Master schon in diesem Jahr 2012 beginnen. So sieht es auch die HRK.

Peter-André Alt, Präsident der FU.

© Thilo Rückeis

Der Grund für die Eile: Die Hochschulen brauchen für die Ausstattung von neuen Studienplätzen eine Vorlaufzeit von etwa zwei Jahren – zumindest dann, wenn es um die Auswahl der am besten qualifizierten Wissenschaftler geht.

Beim Masterstudium kann man sich nicht wie beim Bachelorstudium damit begnügen, vor allem Lehrbeauftragte und wissenschaftliche Mitarbeiter zu beschäftigen. Das sind alles nur Stellen auf Zeit, deren Inhaber man nach Ablauf der Befristung wieder loswird. Beim Masterstudium geht es dagegen um forschungsbasierte Lehre. Und dafür braucht man Professoren. FU-Präsident Alt spricht sich für eine Betreuung der Masterstudenten durch Juniorprofessoren aus. Die Juniorprofessoren müssten jedoch nach dem Auslaufen des Hochschulpakts eine Chance auf den Tenure-Track bekommen.

Wer also seriös für die letzte Phase des Hochschulpakts von 2015 bis 2020 plant, kann nicht erst im letzten Augenblick entscheiden. Den Politikern liegen dafür, anders als sie sagen, nicht nur Meinungsumfragen, sondern bereits Fakten vor: Vergleicht man die bisherigen Bachelorkohorten mit den Masterkohorten, kommt man auf Übergangsquoten von 54 Prozent bis 74 Prozent (siehe Kasten). Die Masterstudienplätze werden also wirklich knapp.

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