Die deutschen Hochschulen stehen unter Druck

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Englisch als Wissenschaftssprache : Broken English an der Uni


Gleichwohl sieht Wächter deutsche Hochschulen unter zunehmendem Druck, die englischsprachigen Angebote massiv auszubauen. Für Berlin empfiehlt er sogar „eine große englischsprachige Uni“. „Das wäre mutig und zukunftsträchtig. Sie würde die besten internationalen Köpfe anziehen, weil die Sprachbarriere wegfiele.“
TU-Vizepräsidentin Ittel hält die Idee, ihre Uni auf Englisch umzustellen, langfristig für grundsätzlich sinnvoll. „Gerade in den technischen Fächern läuft die relevante Forschung fast nur noch auf dieser Sprache, und auch im Berufsleben wird Englisch immer wichtiger.“ Momentan sei ein solcher radikaler Wechsel aus organisatorischen Gründen aber nicht erstrebenswert und umsetzbar. „Es wäre weder möglich noch fair, das akademische Personal zu einer bestimmten Sprache zu zwingen.“ Die TU wolle nun zunächst die Lehrenden für die Umstellung gesamter Studiengänge im Master oder einzelner Lehrveranstaltungen im Bachelor sprachlich fit machen.

"Deutschsprachige Texte sind wichtig für das Weltverständnis"

HU-Vize Michael Kämper-van den Boogaart sieht für die Geisteswissenschaften ein weiteres Problem: „In diesem Bereich sind deutschsprachige Texte auch international enorm wichtig für das Fach- und Weltverständnis. Die Studierenden sollten daher die deutsche Wissenschaftsterminologie weiterhin lernen und nutzen.“ Absolventen der Lehramtsstudiengänge und der Rechtswissenschaften arbeiteten zudem später so gut wie ausschließlich auf Deutsch. Eine andere Sprache komme für diese Fächer daher nicht in Frage.
Der „Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache“ (ADAWIS) hält die Idee einer englischsprachigen Uni für „erkenntnis-, demokratie- und integrationsfeindlich“. Solche Ansätze kapselten die Wissenschaft von der Gesellschaft ab, da die Eliten plötzlich in einer anderen Sprache als der Rest der Gesellschaft kommunizierten, sagt Hermann H. Dieter, stellvertretender Vorsitzender von ADAWIS. Er plädiert dafür, dass mehrere Sprachen im Studium parallel genutzt werden, wobei dem Deutschen eine hervorgehobene Rolle zukommen soll.

Die Landessprache ist wichtig, um ein Verständnis für die Kultur zu entwickeln

Auch Enno Aufderheide, Vorstand der Alexander von Humboldt Stiftung zur Förderung der internationalen Zusammenarbeit in der Forschung, sieht Probleme: „An einer rein englischsprachigen Uni erfahren die Studierenden keine Bindung an Deutschland.“ Die Landessprache sei wichtig, um sich mit einer Gesellschaft zu vernetzen und um ein Verständnis für ihre Kultur zu entwickeln.
Aber wären englischsprachige Studiengänge womöglich eine Alternative für studierwillige Flüchtlinge? Eher nicht, sagte Baris Ünal von der Studienberatung der TU Berlin kürzlich bei einer Anhörung im Abgeordnetenhaus. Die englischen Master an der TU seien von den Geflüchteten kaum gefragt. „Die meisten wollen auf Deutsch studieren.“ Viele der Neuankömmlinge könnten kaum besser Englisch als Deutsch.

Dänemark und Schweden verdienen mit englischsprachigen Studiengängen

Für die europäischen Spitzenreiter ist die englischsprachigen Lehre indes seit einigen Jahren auch eine Einnahmequelle: In Dänemark und Schweden zahlen Studierende, die nicht aus der EU oder dem Europäischen Wirtschaftsraum kommen, bis zu 16.000 Euro im Jahr. Auch Finnland nimmt von außereuropäische Studierenden ab 2017 Gebühren, wenn sie in anderen Sprachen studieren als Finnisch oder Schwedisch.

Bernd Wächter vom ACA hält dieses Modell auch für Deutschland für „zumindest bedenkenswert“: So könnten die positiven Effekte der Internationalisierung genutzt werden, gleichzeitig fließe Geld zurück ins System. „Man könnte auch über Rückerstattungen nachdenken, falls die ausländischen Absolventen in Deutschland einen Job finden.“
Widerspruch kommt vom Bundesverband ausländischer Studierender. „Die besten Köpfe sind nicht automatisch die reichsten“, sagt Geschäftsführer Johannes Glembek. Die Gebührenfreiheit sei „eines der größten Argumente für Deutschland“. Tatsächlich ging die Zahl der Bewerber für international ausgerichtete Studiengänge in Schweden nach der Gebühreneinführung 2011 dramatisch zurück.

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