Evolution : Aus dem Nachtschatten der Dinos

Säugetiere und mit ihnen Menschenvorfahren waren 100 Millionen Jahre lang Wesen der Dunkelheit. Erst als eine Katastrophe alles änderte, kamen sie ans Licht.

Matthias Glaubrecht
Purgatorius heißt dieser Primat, was „Der aus dem Fegefeuer“ bedeutet. Das spielt auf die Katastrophe an, die vor 66 Mio. Jahren den Dinos das Licht ausknipste.
Purgatorius heißt dieser Primat, was „Der aus dem Fegefeuer“ bedeutet. Das spielt auf die Katastrophe an, die vor 66 Mio. Jahren...Illustration: P. Lynch/Yale University

Die Dinosaurier beherrschten über 170 Millionen Jahre das Landleben. Dagegen fristeten die Vorfahren der heutigen Säugetiere lange ihr Dasein buchstäblich im Schatten dieser Reptilien. Sie waren, im Unterschied zu den Dinos, klein und eher unscheinbar. Und aktiv waren sie ausschließlich nachts. Sonnenlicht mieden sie und wichen so der Gefahr aus, von tagaktiven räuberischen Dinosauriern gefressen zu werden. Das änderte sich erst, als diese infolge eines Meteoriteneinschlags ausgestorben waren. Diese Hypothese haben Paläozoologen schon vor einiger Zeit aufgestellt. Eine aufwendige Studie zum Stammbaum der heute lebenden Säugetiere bestätigt sie nun.

Erst nach den Dinos dämmerte der Morgen der Säuger

Ein Forscherteam um den israelischen Ökologen Roi Maor von der Universität in Tel Aviv verglich die Tag- und Nachtaktivität von mehr als 2400 lebenden Säugetierarten. Von diesen, die beinahe alle relevanten Säugergruppen repräsentieren, sind etwa ein Drittel tagaktiv, schreiben sie im Fachmagazin „Nature Ecology & Evolution“. Mittels einer komplexen stammesgeschichtlichen Analyse ließ sich rekonstruieren, dass die bereits vor 170 Millionen Jahren entstandenen Säugetiere so lange und durch die Bank nachtaktiv waren, wie es Dinosaurier gab. Diese besetzten in ökologischer Hinsicht die Tageslicht-Nische praktisch komplett. Den vermutlich meist mausgroßen insekten- oder früchtefressenden Säugern blieb nur die Nacht.

Das änderte sich zum Ende der Kreidezeit vor etwa 66 Millionen Jahren, als es nach einem Meteoriteneinschlag zu einer Art lang anhaltendem globalen Winter kam. Unmengen des in die Atmosphäre aufsteigenden Staubs und Rauchs verdunkelten über viele Monate die Sonne und ließen die Temperaturen an der Erdoberfläche dramatisch sinken. Ein Großteil der Pflanzen und Tiere starb aus.

Nachtschwärmerei war ein Überlebensvorteil nach dem Einschlag

Die nächtliche Lebensweise der Säugetiere hat ohne Zweifel dazu beigetragen, dass viele von ihnen die Katastrophe überlebten. Sie waren gleichwarm, erstarrten also, solange sie zu fressen fanden, zumindest nicht in der Kälte – anders als viele der vom Sonnenlicht abhängigen wechselwarmen Reptilien. Diese sogenannte „noctural bottleneck hypothesis“ war erstmals vor einem Drievierteljahrhundert von Gordon Lynn Walls vorgeschlagen worden. Der war Optiker und Augenarzt und arbeitete lange an der University of California in Berkeley. Walls hatte bereits 1942 in einem heute als Klassiker gehandelten Fachbuch („The Vertebrate Eye and its Adaptive Radiation“) beschrieben, dass Säugetieraugen grundlegende Anpassungen an eine nächtliche Lebensweise erkennen ließen. Er vermutete, dass sich diese Eigenschaften bereits am Beginn der Evolution der Tierklasse der „Mammalia“ im Erdmittelalter entwickelt hatten. Dazu gehören Bau und Besonderheiten der als Stäbchen und Zapfen unterschiedenen Sinneszellen sowie reflektierende Strukturen für eine optimale Ausbeute spärlichen Lichts. Schon Walls glaubte, dass die Ursache jenes obskuren Daseins der Säuger die Konkurrenz der tagaktiven Dinosaurier war.

Zahlreiche zoologische Studien bestätigen seither, dass im Vergleich zu anderen Wirbeltieren insbesondere Säugetiere eine Fülle physiologischer Anpassungen an das Sehen in nächtlicher Dunkelheit haben. Auch andere Sinne wie Hören und Riechen sind bei Säugern hoch entwickelt. Zudem verfügen viele über hochsensible Tasthaare.

Das Tageslicht machte das Farbsehen nötig

All dies entwickelte sich in der viele Jahrmillionen währenden Frühzeit der Säugetier-Evolution. Erst unmittelbar mit dem Beginn der Erdneuzeit wurden Säugetiere dann auch tagaktiv, wie die Analyse ihrer Stammesgeschichte jetzt ergab. Die erdrückende Konkurrenz großer, oft räuberischer, Sonnenlicht für dass Erwärmen des Körpers nutzender Reptilien fiel weg. Und in einer evolutiv vergleichsweise kurzen Zeitspanne von vor 66 bis vor 50 Millionen Jahren entfalteten sie nun geradezu explosionsartig ihre bis heute existierende Formenfülle.

Unter den Profiteuren waren auch die unmittelbaren Vorfahren des Menschen: Auch die Primaten, so weist die Studie nach, waren bis dahin sämtlich nachtaktiv gewesen und unternahmen den erfolgreichen Schritt in den Tag erst, als die Dinosaurier ausgestorben waren. Im Verlauf der Evolution wanderten bei ihnen die Augen nach vorn. Als sie die Nacht-Nische verließen, passten sie und andere Säuger sich auf vielfältige Weise dem Leben bei Tage an. Primaten etwa entwickelten als einzige Säuger ein trichromatisches Sehen, mit dem sie deutlich mehr Farbtöne unterscheiden können als viele andere Tiergruppen.

Menschen sind heute die Tagwesen schlechthin. Erst Technologie ermöglicht ihnen Schritte zurück in jene Dunkelheit, aus der sie kommen. Ihre Vorfahren haben dort mit evolutiver Geduld 100 Millionen Jahre gewartet, um – als sich die Gelegenheit ergab – ans Licht zu treten. Mittlerweile weichen andere Säuger vor dem dominanten Menschen wieder in die Nacht zurück. Er ist also gleichsam – das kann ein bisschen nachdenklich stimmen – der Dino von heute.

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