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Symptome von Impfkomplikationen können der Impfung schwierig zuzuordnen sein.

© Getty Images/iStockphoto

Tagesspiegel Plus

Fragwürdiges Impfrisiko bei Corona: Die schwierige Einordnung von „schweren Nebenwirkungen“

Laut einer Online-Befragung sind Nebenwirkungen von Covid-19-Impfungen häufiger als bislang erfasst. Überprüfbar sind die Angaben jedoch nicht.

In einer Gesundheitssendung des Mitteldeutschen Rundfunks berichtete der Berliner Forscher Harald Matthes, dass die Impfungen gegen Covid-19 eine Nebenwirkungsrate von 0,8 Prozent hätten. Bei acht von 1000 Geimpften würden demnach „schwere Nebenwirkungen“ auftreten, die eine medizinische Behandlung erforderten. Matthes zitierte bislang unveröffentlichte Ergebnisse der von ihm geleiteten Beobachtungsstudie „Impfsurv“, an der sich rund 40.000 Menschen im Rahmen einer Online-Befragung freiwillig beteiligt hätten.

Der Stiftungsprofessor für Integrative und Anthroposophische Medizin an der Berliner Charité und Ärztliche Leiter des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe in Berlin widerspricht mit seinen Äußerungen dem in Deutschland für die Erfassung von Nebenwirkungen und Impfkomplikationen zuständigen Paul-Ehrlich-Institut (PEI).

Bislang handelt es sich nach meiner Kenntnis um eine vorläufige Zwischenanalyse, deren Ergebnisse noch nicht publiziert oder unabhängig begutachtet sind.

Leif Erik Sander, Leiter der Infektiologie an der Berliner Charité

Nach dessen Erfassung treten schwere Nebenwirkungen deutlich seltener auf. Laut dem letzten, Ende März veröffentlichten Sicherheitsbericht des PEI über Meldungen von Verdachtsfällen seit Beginn der Impfkampagne in Deutschland beträgt die Melderate für alle Impfstoffe 1,7 Meldungen pro 1000 Impfdosen, für schwerwiegende Reaktionen 0,2 Meldungen pro 1000 Impfdosen oder 0,02 Prozent.

In Deutschland sind Ärztinnen und Ärzte gesetzlich verpflichtet, Impfkomplikationen dem zuständigen Gesundheitsamt zu melden. Die Gesundheitsämter leiten die Informationen ohne Angaben der Namen der Geimpften an das PEI weiter. Zusätzlich können Betroffene oder ihre Angehörigen Verdachtsfälle dem PEI auch direkt mitteilen. Das Institut führt die Meldungen zusammen.

Infektionen mit Sars-CoV-2 (orange) schädigen Zellen (blau) und können langwierige Folgen haben, die als „Post-Covid“ zusammengefasst werden.
Infektionen mit Sars-CoV-2 (orange) schädigen Zellen (blau) und können langwierige Folgen haben, die als „Post-Covid“ zusammengefasst werden.

© NIAID

Seit Dezember 2020 wurden laut PEI in Deutschland bis Ende März rund 170 Millionen Covid-19-Impfungen verabreicht. Bei etwa drei Vierteln davon kam der mRNA-Impfstoff von Biontech zum Einsatz, bei 17 Prozent der von Moderna und bei den übrigen etwa zehn Prozent die Impfstoffe von Astrazeneca (sieben Prozent), Janssen (zwei Prozent) und Novavax (0,1 Prozent). Insgesamt wurden dem PEI etwa 300.000 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen gemeldet.

Darunter sind Lokalreaktionen, wie Schmerzen an der Einstichstelle, die kurz nach der Impfung vorübergehend auftreten, und Allgemeinreaktionen wie Fieber und Kopf- und Gliederschmerzen die häufigsten. Matthes nannte im Fernsehen zuerst neurologische Störungen, Nervenlähmungen, Muskel- und Kopfschmerzen und Herz-Kreislauf-Probleme, die laut PEI seltener auftreten.

„Bislang handelt es sich nach meiner Kenntnis um eine vorläufige Zwischenanalyse, deren Ergebnisse noch nicht publiziert oder unabhängig begutachtet sind“, teilte Leif Erik Sander, Leiter der Infektiologie an der Berliner Charité, dem Tagesspiegel auf Anfrage mit. Daher sei die Einordung schwierig. Zudem seien die angesprochenen „schweren Nebenwirkungen“ nicht klar definiert.

Wir müssen zu Therapieangeboten kommen, auf Kongressen und in der Öffentlichkeit offen darüber diskutieren, ohne dass wir als Impfgegner gelten.

Harald Matthes, Ärztlicher Leiter des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe, Berlin

Matthes verwies im Interview auf „vergleichbare Daten“ aus Placebo-kontrollierten Studien aus Dänemark, Schweden und Kanada. „Hierbei wird allerdings vermengt, dass in den zitierten Studien alle sogenannten unerwünschten Ereignisse erfasst werden“, sagt Sander. Diese stünden aber nicht unbedingt im Zusammenhang mit der Impfung. Sie traten statistisch genauso häufig bei Menschen auf, die keinen Impfstoff, sondern ein Placebo erhalten hatten.

Junge Männer haben ein höheres Risiko einer Herzmuskelentzündung nach mRNA-Impfungen als ältere und Frauen.
Junge Männer haben ein höheres Risiko einer Herzmuskelentzündung nach mRNA-Impfungen als ältere und Frauen.

© picture alliance/dpa

„Daher unterscheidet man ‚unerwünschte Ereignisse’ von ‚unerwünschten Arzneimittelwirkungen’“, sagt Sander. Nur von „schweren Nebenwirkungen“ zu sprechen, suggeriere einen Kausalzusammenhang mit der Impfung, der nicht in allen Fällen besteht.

Untersuchungen von Gesundheitsdaten von mehreren Millionen Personen, etwa in Israel oder den USA, belegen, dass Impfkomplikationen wie Herzmuskelentzündungen im Zusammenhang mit der Impfung auftreten. Sie sind jedoch so selten, dass sie in einer Gruppe von etwa 40.000 Studienteilnehmer:innen nicht statistisch nachweisbar sind.

Dem PEI wurden insgesamt etwa 2000 Verdachtsfälle von Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen nach Impfungen mit mRNA-Impfstoffen gemeldet. Das entspricht einer Melderate von weniger als zwei Verdachtsfällen pro 100.000 Impfdosen.

Harald Matthes wies darauf hin, dass Herzmuskelentzündungen nach Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 „vier- bis fünfmal häufiger“ auftreten als nach Impfungen und dass der Nutzen der Impfung ihre Risiken überwiege. Er fordert jedoch, dass mehr Anlaufstellen für Menschen geschaffen werden, die sich wegen möglicher Komplikationen in Behandlung begeben möchten. „Wir müssen zu Therapieangeboten kommen, auf Kongressen und in der Öffentlichkeit offen darüber diskutieren, ohne dass wir als Impfgegner gelten.“

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