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Auf lange Sicht. Um 1840 begannen Jacob und Wilhelm Grimm die Arbeit am Wörterbuch. Sie kamen bis F, 1960 war das Z erreicht. Dann begann die Neubearbeitung.

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A bis Buchsterben: Das Grimm’sche Wörterbuch wird zum Onlineportal. Die historische Sprachentwicklung droht dabei aus dem Blick zu geraten. Künftig soll vor allem die Gegenwartssprache erforscht werden.

Volker Harm, Sprachwissenschaftler aus Göttingen, ist in dieser Woche mit „brummeln“ und „Brummbären“ beschäftigt. Wie und wo brummelt es in Deutschland, wann wird jemand als Brummbär bezeichnet? Das sind Fragen, die die Autoren eines Wörterbuchs umtreiben. Die Wissenschaftler tragen Beispiele aus den letzten Jahrhunderten zusammen, schauen, wo die Wörter herkommen, ob sie aussterben oder Bedeutungsschwankungen unterliegen. In tausendseitigen Nachschlagewerken dokumentieren sie dann den Zustand und Werdegang der deutschen Sprache, Wort für Wort.

So wird es beim Grimm’schen Wörterbuch seit gut 170 Jahren gehandhabt. Doch 2013 endet diese Wissenschaftsepoche, dann ist das berühmteste aller Wörterbücher in seiner gedruckten Form Geschichte. Dieses Schicksal haben zuvor viele andere Lexika erlitten. Weder das „Große Wörterbuch der deutschen Sprache“ aus dem Duden Verlag noch die „Brockhaus Enzyklopädie“ werden noch neu aufgelegt. Es gibt keinen Markt mehr für die teuren Folianten. Die Nutzer sind längst ins Internet abgewandert. Die Verlage konzentrieren sich auf handliche Formate für Schüler, Studierende, Reisende.

Ist also nur ein weiteres Opfer des digitalen Wandels zu beklagen? Beim Grimm’schen Wörterbuch liegt der Fall ein wenig anders. Das Projekt wird nicht von einem Verlag, sondern von den Akademien der Wissenschaften, also aus Steuergeldern finanziert. Und das Wörterbuch soll auch nicht verschwinden, sondern in Form des Onlineportals „Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache“ (www.dwds.de) weiterleben. Für Papier-Nostalgiker möglicherweise keine schöne Vorstellung. Aber um Haptik geht es erst mal gar nicht. „Das war uns allen klar, dass Print ein Auslaufmodell ist“, sagt Harm, der seit 1998 am Grimm’schen Wörterbuch arbeitet.

Entscheidender ist, dass mit der Umstellung auf das „digitale Informationssystem“ möglicherweise auch eine methodische Neuorientierung einhergehen wird. Und die ist keineswegs unumstritten. Sowohl in Göttingen als auch in der Berliner Arbeitsstelle sorgt man sich: Wird bei dem DWDS überhaupt noch historisch weitergeforscht – oder konzentriert man sich demnächst nur auf die Gegenwartssprache? „Im Grunde ist die gesamte jüngere Sprachgeschichte ab 1650 sehr schlecht beschrieben. Da müsste man eigentlich noch mal ran“, sagt Harm. Aber wie soll das zukünftig geleistet werden?

Man muss kurz ausholen, um die ganze Tragweite des Problems zu erläutern. Da waren also die Brüder Grimm, Jacob und Wilhelm, die um 1840 erstmals mit der Arbeit an einem umfassenden historischen Wörterbuch begannen. 1852 erschien die erste Lieferung, bis zu ihrem Tod 1859 beziehungsweise1863 schafften es die beiden Wissenschaftler noch bis zum Buchstaben F. Das Mammutprojekt wurde danach von diversen staatlichen Institutionen weitergeführt, 1960 war man endlich beim Z angekommen. Und blickte auf ein ebenso opulentes wie bereits wieder hoffnungslos veraltetes 32-bändiges Nachschlagewerk. Also hat man gleich wieder vorne angefangen, beim A.

Die Lexikografie ist eine langsame Wissenschaft an einem sich schnell verändernden Objekt. Je genauer die Methoden und je umfangreicher die Textsammlungen über die Jahrzehnte wurden, desto mehr rannte den Wissenschaftlern ihr Untersuchungsgegenstand davon. Während die Sprachhistoriker noch die alten Wörter in Form von Papierhäufchen sammelten, ableiteten, erklärten, waren schon Legionen neuer Ausdrücke entstanden.

Die neue Webseite hat einiges zu bieten - auch ein Etymologisches Wörterbuch

Seit 1960 müht man sich nun also zum zweiten Mal mit den Buchstaben A bis F ab. Die Berliner Arbeitsgruppe ist so gut wie fertig, die Göttinger haben eine Verlängerung bis 2016 beantragt – um Wörter wie „Brummbär“ fertigzustellen. Dass es so nicht weitergehen konnte, ist schon seit Jahren klar. Wann wäre man jemals wieder bis zum Z vorgedrungen, in zwei- bis dreihundert Jahren? Auch die Erscheinungsform des Grimm’schen Wörterbuchs ist nicht mehr zeitgemäß. Bisher wurden von jedem neuen Band jeweils nur ein paar hundert Exemplare gedruckt, die dann gut behütet in Bibliotheken standen. „Der öffentliche Zugang war reine Theorie“, sagt Wolfgang Klein, Projektleiter des DWDS. Das Internetportal ist deutlich einladender: Jeder kann darauf zugreifen, die Nutzung ist kostenlos, eine Anmeldung möglich, aber nicht nötig.

Auch sonst hat die neue Webseite einiges zu bieten. Sie verknüpft die Einträge des Grimm’schen Wörterbuchs mit einem „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ und einem „Etymologischen Wörterbuch des Deutschen“. Zu den derzeit 70 000 Stichwörtern kann man sich Beispielsätze, Statistiken und häufige Wortkombinationen anzeigen lassen. Das DWDS greift dazu auf eine Datenbank aus rund vier Millionen Dokumenten zurück, darunter literarische Werke, Zeitungsartikel, Fachprosa, Gebrauchstexte. Und das ist erst der Anfang, weitere zwanzigtausend Stichwörter sollen noch integriert werden. Auch Audiodateien und multimediale Elemente sind denkbar.

Welche Rolle dabei die bisherigen Redaktionen in Berlin und Göttingen spielen werden, ist unklar. Etliche Verträge der 22 Akademie-Mitarbeiter wurden nicht mehr verlängert. Das DWDS ist auf die Darstellung der Gegenwartssprache ausgerichtet. Eine „historische Vertiefung“, wie sie das Team des Grimm’schen Wörterbuchs geleistet hat, ist laut Harm zwar auch im Rahmen des Onlineportals denkbar. Aber noch gäbe es dafür keine Fördergelder. Und möglicherweise überfordere man das DWDS mit seiner derzeitigen Ausstattung auch, wenn jetzt ab sofort gleichzeitig in die Breite und Tiefe geforscht werden soll – von A bis Z, vom 17. Jahrhundert bis ins dritte Jahrtausend.

Daneben müssen sich die DWDS-Mitarbeiter noch einer ganz anderen Aufgabe stellen. Wie sollen die enormen Datenmengen gesichert werden? „Die größte Herausforderung ist die Erhaltung“, sagt Klein. Viertausend Jahre alte Tontäfelchen liegen immer noch gut in der Hand, Bücher aus der frühen Neuzeit sind immer noch lesbar. Dateiformate und Datenbankensysteme aber haben oft nur eine Lebensdauer von wenigen Jahren.

„Wir versuchen, möglichst keine selbst gestrickte Software zu verwenden, sondern auf Programme zurückzugreifen, die weitverbreitet sind“, erklärt der Projektleiter. Und selbstverständlich wird das Digitale Wörterbuch nicht nur auf den Servern der Akademie aufbewahrt, sondern sicherheitshalber auch noch an einigen anderen Orten. Doch das grundsätzliche Problem der Digitalisierung sei damit nicht gelöst, sagt Klein. „Die beste Datensicherung für das digitale Wörterbuch wäre ein Ausdruck auf Papier.“

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