zum Hauptinhalt
Günter M. Ziegler, Präsident der Freien Universität Berlin.

© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Tagesspiegel Plus

Heimlich Agentur mit Kandidatensuche beauftragt: Die Freie Universität rutscht tiefer in die Krise

Der Wahlkampf an der FU wird härter: Hinter dem Rücken der Uni wurde eine Personalberatung engagiert, um Gegenkandidaten zu Präsident Ziegler zu finden. Erste fordern Konsequenzen.

Der Machtkampf um die Leitung der Freien Universität spitzt sich zu. Kanzlerin Andrea Bör, die als Gegenspielerin von Präsident Günter M. Ziegler gilt, hat offenbar ohne offizielle Absprachen eine Personalberatung engagiert, um passende Gegenkandidat:innen zu Ziegler zu finden.

Das geht aus einem Schreiben an die Mitglieder des FU-Kuratoriums hervor, das dem Tagesspiegel vorliegt. In dem Schreiben informiert die stellvertretende Vorsitzende über den Sachverhalt.

„Zur Unterstützung des Verfahrens und insbesondere zur Identifikation und Ansprache geeigneter externer Bewerberinnen und Bewerber hat die Verwaltung der Freien Universität Berlin eine Personalberatung beauftragt“, heißt es dort. Eine „rechtliche Prüfung“ sei in die Wege geleitet.

Innerhalb der Universitätsleitung wurde über die Beauftragung nicht informiert. 

Erklärung der FU zu dem Auftrag an die Personalagentur

Die in dem Schreiben als Auftraggeber genannte Verwaltung wird von Kanzlerin Bör geführt. Dass die Kanzlerin die Agentur beauftragte, bestätigte die FU auf Anfrage.

Die Uni-Gremien hätten keinen Beschluss für einen entsprechenden Auftrag gefasst, teilt die FU weiter mit. Sie seien auch im Vorfeld nicht darüber informiert wurden. Ebenso wenig gab es einen Beschluss des Präsidiums dazu: „Innerhalb der Universitätsleitung wurde über die Beauftragung nicht informiert.“ Auch sei keine offizielle Findungskommission zur Kandidatensuche eingesetzt worden.

Ein Zerwürfnis von Bör und Ziegler lähmt die Uni

Ein die ganze Universität lähmendes Zerwürfnis zwischen Bör und Ziegler soll wie berichtet der Hauptgrund dafür sein, dass Ziegler sich keineswegs sicher sein kann, wiedergewählt zu werden.

In der Senatskanzlei Wissenschaft ist wegen der Beauftragung der Personalagentur eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Bör eingegangen, wie die Senatsverwaltung auf Anfrage bestätigte. Inzwischen wurde der Auftrag „auf Ersuchen des Auftragnehmers“ wieder zurückgezogen worden, geht aus dem FU-internen Schreiben hervor. Inwieweit andere Professor:innen die Suche mittels Agentur mitinitiiert haben, ist unklar - und ebenso wie viel Geld dafür ausgegeben werden sollte.

Aus der Berliner Politik fordern die ersten Konsequenzen für Bör. „Sollten die Vorwürfe zutreffen, ist ein Rücktritt der Kanzlerin unausweichlich“, sagte CDU-Wissenschaftsexperte Adrian Grasse dem Tagesspiegel. Er will der Senatsverwaltung für Wissenschaft nun mehrere Anfragen stellen, um das Vorgehen der Kanzlerin aufzuklären. Tobias Schulze, Wissenschaftsexperte der Linken, reagierte zu dem Vorgang auf Twitter mit einem Emoji mit rollenden Augen.

Der Asta fordert Börs Rücktritt

Auch Studierendenvertreter Janik Besendorf vom FU-Asta forderte am Mittwoch den Rücktritt von Bör. „Dafür gab es auch vorher genügend Gründe.“ 

Die Bewerbungsfrist für das Präsidentenamt läuft noch bis Ende Oktober, die FU wählt dann Mitte Februar. Die gesamte Universität sei inzwischen „in heller Aufregung“, ist zu hören. „Die Situation eskaliert“, sagt ein Unimitglied, das nicht namentlich genannt werden will. Am Mittwoch wird der Akademische Senat zu einer Sondersitzung zusammenkommen, um über die Lage zu beraten.

Je nachdem, mit wem man spricht, gibt es unterschiedliche Sichtweisen auf die Lage an der FU. Wie berichtet, machen viele Kanzlerin Bör verantwortlich, deren Arbeitsbereiche Haushalt und Verwaltung sind. Diese hat die Vorwürfe indes zurückgewiesen. Eine Anfrage zum Auftrag an die Personalagentur ließ sie unbeantwortet.

Je nachdem mit wem man spricht, gibt es unterschiedliche Sichtweisen auf die Lage an der FU.
Je nachdem mit wem man spricht, gibt es unterschiedliche Sichtweisen auf die Lage an der FU.

© picture alliance / dpa

Andere sagen, Ziegler habe viele Probleme selber verursacht und versuche nun, die Verantwortung dafür auf die Kanzlerin abzuschieben. Die „Vereinte Mitte“ – die Liste der Professor:innen, der Ziegler angehört und die im Wahlgremium die Mehrheit der Professorenstimmen führt – habe Ziegler deswegen dem Vernehmen nach bereits im Frühjahr signalisiert, ihn nicht mehr zu unterstützen.

Die Professorenschaft scheint überfordert

So sollen die Professor:innen ihm zum Beispiel nachtragen, dass er die umstrittene Novelle des Berliner Hochschulgesetzes nicht verhindern konnte. Ziegler antizipiere trotz eindringlicher Warnungen aus den eigenen Reihen viele politisch heikle Themen nicht richtig, heißt es.

Für Ziegler sind die Vorwürfe nicht nachvollziehbar. „Ich schiebe keine Verantwortung ab. Die Verantwortungsbereiche im Präsidium sind klar geregelt“, erklärte er auf Anfrage.

Ich schiebe keine Verantwortung ab. Die Verantwortungsbereiche im Präsidium sind klar geregelt.

FU-Präsident Günter M. Ziegler

Die Gesetzesnovelle habe niemand allein verhindern. können Es sei „bedauerlich“, „dass wir aus Sicht der Universitäten in dem Prozess in wesentlichen Punkten nicht erfolgreich waren.“ Er habe sich zu vielen kritischen Punkten auch persönlich schon frühzeitig und sehr intensiv eingebracht und war dazu breit abgestimmt. „Dies ist auch mein Ansatz für andere politisch wichtige Themen.“

Wer auch immer sich noch neben Ziegler bewerben wird: Offenbar ging die FU-Professorenschaft lange davon aus, die Präsidentschaft intern unter sich ausmachen zu können – wie es an der FU Tradition hat. Damit scheinen die Professor:innen inzwischen allerdings überfordert zu sein.

Wie es anders laufen kann, zeigt das Beispiel der Technischen Universität. Dort hat der intern ebenfalls nicht unumstrittene Präsident Christian Thomsen zwei Mitbewerberinnen: aus der TU die ehemalige Vizepräsidentin Ulrike Woggon sowie Charité-Prodekanin Geraldine Rauch. Tatsächlich beauftragte auch die TU eine externe Firma, um Kandidierende von außerhalb zu finden.

Allerdings geschah das hier nicht heimlich, sondern durch das TU-Wahlamt – nach einer offen ausgesprochenen Bitte des Akademischen Senats. Die Suche habe auch Thomsen akzeptiert und für gut befunden, heißt es.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false