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Kämpferin im Labor: Vierzig Jahre lang forschte Katalin Karikó an der Technologie, die im Biontech-Impfstoff steckt.

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Tagesspiegel Plus

Ihre Erfindung steckt im Biontech-Impfstoff : Katalin Karikó wird in Ungarn als Heldin gefeiert

Die Erfinderin der mRNA-Technologie hinter dem Biontech- und Moderna-Vakzin ist auf Heimatbesuch. Auch Ministerpräsident Viktor Orbán traf sie zum Gespräch.

Sichtlich bewegt steht Katalin Karikó am Rednerpult im holzvertäfelten Festsaal der ungarischen Akademie der Wissenschaften. Karikó, 66 Jahre alt, Biochemikerin und Senior Vice President bei Biontech, gilt gemeinsam mit dem Immunologen Drew Weissman als Erfinderin der modifizierten mRNA, die die Grundlage der Covid-Impfstoffe von Moderna und Biontech bildet.

Von der Akademie wurde sie Anfang Mai nach Budapest eingeladen, den Eröffnungsvortrag der Generalversammlung zu halten – fast 40 Jahre nachdem sie ihre Heimat verließ.

1985 zog Karikó in die Vereinigten Staaten, nachdem ihr Vertrag an einem Forschungsinstitut der Akademie im damals kommunistisch regierten Ungarn auslief.

Sie sagt: „Ich wurde so weggeschickt, dass ich da nicht wieder zurückkonnte.“ Jetzt wird sie in Ungarn als Nationalheldin gefeiert.

Vor der Akademie bricht ihr die Stimme weg

Über ihr Lebenswerk, das nun weltweit Leben rettet, darf sie vor dem höchsten Gremium der Forschung in ihrem Heimatland sprechen. Ein Traum, den nur wenige in der Grundlagenforschung je erreichen.

Im großen Saal sind nur ein paar Dutzend Menschen physisch anwesend, die große Mehrheit verfolgt den Vortrag live auf Youtube. „Aber am Anfang ist mir die Stimme weggebrochen“, sagt Karikó einige Tage später bei einem Zoom-Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Karikó ist im Mai auf einer mehrwöchigen Reise in Ungarn – und wird als Wissenschaftsstar gefeiert. Täglich gibt sie Interviews, nimmt Ehrungen an, besucht Krankenhäuser.

Im Gespräch in ihrer Muttersprache ist sie zugänglich und direkt. In ihrer Stimme klingt ein wenig der Dialekt ihrer Heimatstadt Kisújszállás an.

Ihr Zuhause ist das Labor

In der ländlichen Kleinstadt, etwa 100 Kilometer östlich von Budapest, wurde Karikó 1955 geboren. Ihr Vater war Metzger, ihre Mutter Buchhalterin. Karikó besuchte das Gymnasium und studierte Biologie an der Universität Szeged.

Katalin Karikó als junge Forscherin in Ungarn, 1980

© privat

Nach ihrer Promotion arbeitete sie zwei Jahre lang am Szegediner Biologie-Forschungszentrum der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Schon dort forschte sie zur RNA, dem Botenstoff, mit dessen Hilfe die Zelle in der DNA kodierte Proteine baut.

Das Labor, sagt sie, ist ihr Zuhause. Ganz gleich wo es ist. 1985, als ihre Anstellung in Szeged endete, suchte sie sich eine neue Heimat, in einem neuen Labor.

Mit ihrem Mann, Béla Francia, und der Tochter Susan, mittlerweile bekannt als Olympiasiegerin und fünffache Weltmeisterin im Rudern, wanderte Katalin Karikó aus.

Erst ging sie an die Temple University in Philadelphia, 1989 wechselte sie zur University of Pennsylvania. Dort blieb sie 24 Jahre lang als Forscherin, bis sie 2013 von Biontech abgeworben wurde.

In Ungarn ist auch die Wissenschaft zur „nationalen Zusammenarbeit“ aufgefordert

Seitdem sie Ungarn verlassen hat, hat sich das Land verändert: 1989 kam die Wende zur Demokratie – und seit 2010 regiert der nationalkonservative Premierminister Viktor Orbán.

Das „System der nationalen Zusammenarbeit“ von Orbáns Regierungspartei Fidesz sorgt für einen immer größeren Einfluss der Regierung – auch in die Wissenschaft. In den vergangenen Jahren wurden auch Hochschul- und Forschungseinrichtungen umstrukturiert.

Die Institute der Akademie der Wissenschaften stehen seit 2019 unter staatlicher Verwaltung, fast alle Universitäten im Land sind in ein Stiftungsmodell übergangen, deren Kontrollgremien ebenfalls von der Regierung besetzt werden.

Demonstration im September 2020 gegen die Einführung des Stiftungsmodells an der Filmuniversität

© AFP / Attila Kisbenedek/ AFP

Bei den Plänen zur Umstrukturierung der Theater- und Filmuniversität SzFE im vergangenen Jahr gab es monatelang Proteste – erfolglos. Während sich die Befürworter von dem neuen Modell „mehr Freiheit und flexibleres Management“ für die Unis erhoffen, fürchten Kritiker einen zu großen Einfluss regierungsnaher Köpfe etwa auf die Verteilung der Forschungsgelder.

Viktor Orbán sieht einen ungarischen Erfolg

Katalin Karikós Erfolg indes wird parteiübergreifend anerkannt. Der regierungskritische Sender Klubrádió lud sie zum Gespräch ein, aber auch Premierminister Orbán traf sich mit ihr. In seinem wöchentlichen Radiointerview mit dem Staatssender Kossúth berichtet er von dem Gespräch mit „unserer Frau Professorin Karikó“.

Seit mehr als einem Jahrzehnt regiert Ministerpräsident Orbán in Ungarn.

© Bernadett Szabo/REUTERS

Die ungarische Regierung fährt die Impfstrategie „Viel hilft viel“: Neben den westlichen Fabrikaten Astrazeneca, Biontech und Moderna wird in Ungarn auch mit dem russischen Sputnik V und dem chinesischen Präparat Sinopharm geimpft.

Damit steht das Land mit dem Anteil verabreichter Impfdosen pro Hundert Einwohnern europaweit auf dem dritten Platz, hinter Malta und Großbritannien (Stand: 20. Mai).

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Karikós Durchbruch in der mRNA-Forschung empfindet Orbán als „unseren“, also einen ungarischen Erfolg und nennt ihn in einer Reihe weiterer, wie etwa des 6:3-Siegs der ungarischen Fußball-Nationalmannschaft über die englische in Wembley 1953.

Mission erreicht: Die mRNA soll Menschen heilen

Die Anerkennung, an der es Karikós Arbeit 40 Jahre lang mangelte, jedenfalls kommt jetzt aus allen Richtungen. Karikó und Weissman werden sogar schon als zukünftige Nobelpreisträger gehandelt.

Mit dem Immunologen Drew Weissman arbeitete Karikó an der University of Pennsylvania zusammen.

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Wie sich das anfühlt? Karikó tut die Frage bescheiden ab: Nach der entbehrungsreichen Zeit der Pandemie scheint es „den Leuten wichtig zu sein, sich bei jemandem zu bedanken“.

Ihr ist es am wichtigsten, ihre Mission erfüllt zu haben. „Mein Lebensziel war es, dass die mRNA Menschen heilt“, sagt Karikó. Dazu beigetragen hat auch der Wechsel von der akademischen Arbeit in die Privatwirtschaft, zu Biontech.

Während sie an der Uni oft das Gefühl hatte, viele publizierten nur, um zu publizieren, gehe es bei der Forschung im Biontech-Team um die Zusammenarbeit: „Die Kranken interessiert nicht, wer das Produkt gemacht hat. Hauptsache, es wirkt.“

Im Sommer 2013 besuchte Karikó zuerst Biontech in Mainz und traf Gründer Uğur Şahin.

© privat

Auf ihrer Heimatreise wahrt Karikó die Distanz zu politischen Themen – doch spätestens seit der Coronakrise ist auch Wissenschaft politisch. Als auf der offiziellen Corona-Webseite der ungarischen Regierung eine Tabelle veröffentlicht wird, die behauptet, die Todesfälle nach einer Biontech-Impfung seien höher als nach Sputnik, kommentiert Karikó diese öffentlich auf Facebook.

Sie fügt wichtige Informationen hinzu, etwa dass Sputnik in Ungarn nicht an Risikopatienten oder Ältere verimpft wurde. Ihr Facebook-Post erhält mehr als 11.000 Likes und wird über 6000-mal geteilt.

Sie beantwortet stundenlang Impffragen – auch von Skeptikern

Aus der Forscherin Katalin Karikó, die beinahe jeden Tag im Labor verbrachte, ist eine öffentliche Person geworden, auf die ein ganzes Land stolz ist. Ihre Meinung ist gefragt, nicht nur von Journalistinnen und Politikern, sondern auch von den Millionen Menschen, die endlich auf ein Ende der Pandemie hoffen.

Ihr Facebook-Profil ist hauptsächlich auf Ungarisch und viele Posts sind öffentlich. Karikó teilt hier neben Fotos ihrer Familie und der Hyazinthen im Garten auch ihre Links zu Interviews mit ihr in der Weltpresse.

Zahlreiche Menschen schreiben ihr Nachrichten und E-Mails mit speziellen Fragen zum Impfstoff und den Nebenwirkungen. Und Karikó sorgt dafür, dass diese direkt über die aktuellste Forschung informiert werden.

„Lassen Sie sich impfen!“

Sie sagt, sie nehme sich stundenlang Zeit, auf Fragen zu antworten. Sie setze sich auch mit befreundeten Medizinern zusammen und schlage die neuesten Richtlinien des Center for Disease Control nach, etwa um einer Mutter Rat für ihren krebskranken Sohn zu geben.

Natürlich melden sich auch Skeptiker bei ihr und solche, die an Verschwörungstheorien glauben. Karikó reagiert darauf so, wie sie es am besten kann: Sie kontert mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Aber auch das helfe nicht immer: „Oft endet das in Glaubensfragen – ob die Person mir glaubt oder jemand anderem.“

Vor allem rät sie: „Lassen Sie sich impfen!“ Und zwar mit dem Impfstoff, der erhältlich ist. Denn vor einem schweren Verlauf und dem möglichen Tod durch das Coronavirus würden sie alle schützen, sagt Karikó.

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