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Wissenschaft und Kunst: Im öffentlichen Dreieck

Kunst und Wissenschaft sind öffentlich – sie überschreiten kulturelle Grenzen und schaffen größere Räume – bis hin zur Politik.

Wenn eine Akademie der Wissenschaften in ihrem Jahresthema die Kunst ins Blickfeld rückt, liegt der Eindruck nahe, sie mache sich mit etwas interessant, das ihr fehlt. Der Ernst, die Strenge und die Trockenheit wissenschaftlicher Bemühungen stehen seit der Antike in einem sprichwörtlichen Gegensatz zur Leichtigkeit, Großzügigkeit und Heiterkeit der Kunst. Unzählige Künstlerbiographien beginnen mit der Flucht aus dem Brotstudium. Und gelegentlich trifft man auf einen zu Ansehen gekommenen Gelehrten, der resigniert gesteht, sein Geigenspiel oder seine frühen literarischen Versuche seien ganz beachtlich gewesen; aber zur künstlerischen Karriere habe es nicht gereicht.

Wer so spricht, wird vermutlich nicht zu jenen gehören, die Kunst und Wissenschaft für unvereinbar halten. Aber das Grenzen setzende Leben belehrt uns oft allzu schnell, dass es nicht nur thematische und methodische Unterschiede, sondern auch einen existenziellen Abstand zwischen beiden geben kann.

Das ließe sich bequem an jenen Fächern illustrieren, aus denen die jungen Künstler mit Vorliebe ausgebrochen sind. Gleichwohl sind Medizin, Jurisprudenz und Ökonomie Disziplinen, die sich nicht eben wenig darauf zugutehalten, in der ärztlichen, richterlichen oder unternehmerischen Praxis einer auf Intuition und Phantasie beruhenden Kunst näher zu sein als dem Prinzipiengebrauch wissenschaftlicher Kategorien.

Auch wer sein Leben der Forschung widmet, wird neben der Fähigkeit zur Geduld und zum Ertragen unendlicher Wiederholungen, schnell bereit sein, das hohe Lied des rettenden Einfalls zu besingen. Wer als Forscher zu Ruhm gelangt, wird irgendwann auch eine ingeniöse Idee gehabt haben. Und wer dennoch glaubt, es gebe grundlegende methodologische Unterschiede, der führe sich vor Augen, wie rasch sich die moderne Kunst den ursprünglich ganz der Wissenschaft vorbehaltenen Begriff des „Experiments“ zu eigen gemacht hat.

Sieht man erst, mit welcher Akribie sich gerade die großen Künstler ihr Metier erarbeiten, möchte man die Unterscheidung zwischen Kunst und Wissenschaft für eine Übung halten, die man nur Anfängern zumuten kann.

Seit der Antike identifiziert man Politik mit Öffentlichkeit

Aller Unterscheidungen ungeachtet, gibt es eine ursprüngliche Nähe zwischen Kunst und Wissenschaft, die – ohne Übertreibung – schon seit Jahrtausenden verdeckt ist. Sie wird übersehen, weil das Medium, in dem beide verbunden sind, durch ein Drittes, das mit beiden als unvereinbar gilt, verstellt ist. Dieses Dritte ist die Politik, und man ist bereits in der Antike so sehr daran gewöhnt, die Politik mit der Öffentlichkeit zu identifizieren, dass man bis heute beflissen übersieht, dass auch Kunst und Wissenschaft den Namen einer res publica verdienen.

Im Griechischen stehen gleich mehrere Begriffe für das Gemeinsame der öffentlichen Aufgaben zur Verfügung. Einer davon – demios – hat sich im Begriff der Demokratie erhalten. Und ganz gleich, welchen Terminus wir für das Offene, alles Erhellende, alle Betreffende und Unverborgene der Öffentlichkeit verwenden: In jedem Fall ist die Sphäre bezeichnet, in der gemeinsam mit den politischen Institutionen der Beratung und Entscheidung sowohl die sich differenzierenden Künste wie auch die ersten Disziplinen der öffentlich gelehrten Wissenschaft entstehen.

Aus dem, was bei den Sumerern, Babyloniern und Ägyptern an hoch entwickelter Mathematik, Astronomie und genealogischer Archivierung betrieben wurde, machen die Griechen schulmäßige Angebote. Und so wachsen neben griechischen Künsten die Fachkulturen der neuen Wissenschaften empor.

Im Griechenland des sechsten und fünften vorchristlichen Jahrhunderts entstehen in dichter Folge fast alle Disziplinen, die bis ins 19. Jahrhundert die Grundausstattung der Fakultäten gebildet haben: Medizin, Physik, Philosophie, Theologie, Rhetorik und die bereits in ihren Anfängen kritisch ansetzende Geschichtswissenschaft. Mit der gemeinschaftlichen Beratung über die Verfassung der poleis, vor allem auch dort, wo sie als „Kolonien“ neu gegründet wurden, kamen, meist von erfahrenen Sophisten betrieben, die Rechts- und die Politikwissenschaft zu Ansehen. Die Gegenwart wurde als Epoche des Umbruchs erfahren, und so verständigte man sich über die Ethik, sammelte Kenntnisse über die Riten und Mythen anderer Völker, auch über die Vielfalt der Lebensräume und Lebewesen und trug das Material zu dem zusammen, was als Mythologie, Geographie und Biologie gelehrt werden konnte. Logik, Poetik und Hermeneutik wurden nötig, weil der Erkenntnisanspruch nicht an den Sprachgrenzen endet.

Öffentlichkeit ist nicht nur politisch definiert

Alles dies ging aus dem Geist einer Raum- und Zeitgrenzen überschreitenden Öffentlichkeit hervor. Die Bindung des Wissens an Familien, die über Generationen hinweg das Monopol für die Himmelsbeobachtung hatten, entfiel. Die Mathematik war nicht mehr einer herrschaftlichen Priesterkaste vorbehalten. Die griechischen poleis setzten bei ihren Bürgern die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben voraus. Und wer das konnte, dem waren auch Tragödien zuzumuten, die das königliche Leid am Hofe des von den Griechen in die Flucht geschlagenen Perserkönigs auf die Bühne brachten.

Die Öffentlichkeit, in der das Wissen frei verfügbar wurde, öffnete so auch den Sinn für das, was jenseits der eigenen Grenzen liegt. Eines der begabtesten politischen Talente im nach-perikleischen Athen, Alkibiades, träumte bereits ein Jahrhundert vor Alexander dem Großen von der „Weltherrschaft“. Und die Philosophie fügte ironisch warnend hinzu, dass diese Art politischer Globalisierung ohne ihre kritische Begleitung nur scheitern könne.

Dass man in diesem öffentlichen Dreieck aus Kunst, Wissenschaft und Politik auch neues über deren innere Verbindungen in Erfahrungen bringen kann, ist die Hoffnung, die sich mit den Aktivitäten im akademischen Doppeljahr „ArteFakte. Wissen ist Kunst – Kunst ist Wissen“ verbindet. Aber eines kann man schon im Voraus wissen: In der Beziehung zur Politik wird auf jeden Fall deutlich werden, dass hier längst größere Räume geschaffen worden sind, als es die gegenwärtig in und über Europa geführte Debatte vermuten lässt.

Sieht man die Öffentlichkeit nicht nur politisch, sondern in ihrer auch die Kunst und die Wissenschaft tragenden Leistung, dann ist sie schon seit Jahrhunderten dabei, die raum-zeitlichen Grenzen territorial und epochal beschränkter Kulturen zu überschreiten. Zu einer Zeit, in der es für die heute über mangelnde Öffentlichkeit klagenden Theoretiker noch gar keine Öffentlichkeit gegeben hat, nämlich in der 1644 geführten Parlamentsdebatte über die Wiedereinführung der Zensur in England, hat der nachmals weltberühmte Dichter John Milton ein Plädoyer für die Öffentlichkeit gehalten. In ihr sieht er die gesamte europäische Kultur bedroht, wenn die gerade abgeschaffte Zensur wieder eingeführt werden sollte.

John Milton sprengt alle Grenzen

Milton ist der Ansicht, dass mit der Freiheit des Buchdrucks die Freiheit insgesamt verloren geht. Denn mit ihr verzichtet eine Gesellschaft auf die produktiven Kräfte in Kunst und Wissenschaft und büßt mit ihnen die Gaben ein, auf die der Mensch seinen Vorrang vor den anderen Geschöpfen Gottes gründet.

Unter dem Titel „Areopagitica. Eine Rede für die Freiheit des unzensierten Bücherdrucks“ sucht Milton dem Parlament zu beweisen, dass es mit den geplanten (und im Jahr darauf doch wieder eingeführten) Zensurmaßnahmen eben die Freiheit abschafft, für die es einzutreten verspricht. Der an die Praxis der freien Rede vor dem Athenischen Areopag erinnernde Titel sowie das einer Tragödie des Euripides entnommene Motto: „Das ist die wahre Freiheit, wenn frei geborene Menschen, die Politik in freier Rede öffentlich beraten“ geben zu erkennen, welch weiten historischen Bogen der christliche Autor schlägt: Er beschwört den Geist der klassischen Antike, der Kunst, Wissenschaft und Politik zu einer ersten Blüte gebracht hat, um seinen Zeitgenossen vor Augen zu führen, dass sie mit dem Angriff auf die Freiheit der Presse ihre eigene Kultur zerstören.

Milton überschreitet nicht nur die Grenzen zwischen Antike, Mittelalter und Moderne, er geht auch ungerührt über die Grenzen zwischen Kontinenten und Nationen hinweg, um deutlich zu machen, dass die Entwicklung der Menschheit insgesamt auf die freie Entfaltung von Kunst und Wissenschaft gegründet ist. Für die dazu unerlässliche Öffentlichkeit hat die Politik zu sorgen. Hinter diese vor mehr als dreihundertfünfzig Jahren publizierte Einsicht in die Verbindung von Kunst, Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit sollte ein erneuter Rückfall ausgeschlossen sein.

Der Autor ist Akademiemitglied, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Vorsitzender der wissenschaftlichen Kommission für die deutschen Akademievorhaben. Er konzipierte die Akademievorlesungsreihe des Sommersemesters 2012 „Konstruktion und Wahrnehmung von Wirklichkeit – Der Künstler als Wissenschaftler“. Auftakt: 19. April.

Volker Gerhardt

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