Impf-Dokumentation : Impfen – schädlich oder nicht?

Im Dokumentarfilm "Eingeimpft" werden Argumente für und gegen die Immunisierung durchgespielt. Das ist unterhaltsam, aber auch gefährlich .

Filmemacher David Sieveking mit seiner Tochter Zaria.
Filmemacher David Sieveking mit seiner Tochter Zaria.Foto: Flare Film/Adrian Stähli

Der junge Vater scheint aus allen Wolken zu fallen, als die Kinderärztin bei der Vorsorgeuntersuchung U4 die demnächst anstehende Impfung gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Polio, Pneumokokken und Hämophilus influenzae b anspricht – und seine Frau strikt dagegen ist. Sie fürchtet Nebenwirkungen, hat sogar Angst vor bleibenden, durch eine Impfung verursachten Schäden. Welten scheinen das Paar in diesem Punkt zu trennen: Für ihn ist Impfen das Normale, Angst hat er vor einigen der Krankheiten, gegen die es schützt. Das vorgeschlagene Impf-Paket kommentiert er mit den Worten: "Für mich sieht das nach einem prima Angebot aus." Sie dagegen ist extrem skeptisch, will ihr Kind auf keinen Fall schon als Säugling den befürchteten Gefahren aussetzen, könnte sich allenfalls selektiv und zu einem späteren Zeitpunkt zu einzelnen Immunisierungen durchringen.

Der Filmemacher dokumentiert die eigene Familiensituation

Ja, haben die beiden denn vorher nie darüber geredet? In den neun Monaten der Schwangerschaft nicht, und auch nicht in den ersten Lebenswochen ihres Kindes? Nun gut, die wenigsten Paare sprechen schon kurz nach dem Kennenlernen über Impfungen. "Trotzdem kennt man natürlich die medizinischen Grundeinstellungen des anderen, wenn man schon eine Weile zusammen ist und ein Kind erwartet",  sagt der Berliner Kinderarzt Jakob Maske, Sprecher des Landesverbandes Berlin der Kinder- und Jugendärzte.

Spielt David Sieveking das Erstaunen über die Einstellung seiner Frau, der Mutter seines Kindes, also nur so gut? Zuzutrauen wäre es ihm, schließlich hat der sympathische Schlacks mit der Wuschelfrisur durchaus darstellerische Qualitäten. Sieveking ist Dokumentarfilmer mit einer starken Neigung zu autobiografischen Themen. Bekannt ist er etwa für "Vergiss mein nicht", der sich seiner Alzheimer-kranken Mutter widmete. "Eingeimpft. Familie mit Nebenwirkungen" heißt sein jüngstes Werk.

Seine Frau, die Musikerin Jessica de Roij, ist neben Sieveking die zweite Protagonistin des Films. In ihm dokumentiert, oder nachgestellt, sind ausführliche und kontroverse Debatten des kreativen Elternpaars in der schicken Kreuzberger Altbauwohnung. Dazu kommen etliche nachdenkliche Monologe des Filmautors auf dem Balkon derselben. Als Zuschauer begleitet man Sieveking auch auf anthroposophische Infoveranstaltungen und auf einen Spielplatz in der Nachbarschaft, wo er mit anderen Eltern ins Gespräch kommt.  

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Die Wissenschaft hat keine Zweifel über den Sinn des Impfens

Sieveking, junger Vater, medizinischer Laie mit relevanter Expertise allein im Filmemachen und Geschichtenerzählen, rollt selbstbewusst ein Thema "ganz von vorn" auf, zu dem die Ständige Impfkommission beim Robert Koch-Institut (STIKO) solide Empfehlungen erarbeitet (Impfkalender als PDF), die auf wissenschaftlichen Studien basieren und regelmäßig aktualisiert werden. Es ist immerhin ein Gremium von derzeit 18 ehrenamtlich tätigen Experten, dessen Mitglieder der Bundesgesundheitsminister beruft. Ihre möglichen Interessenkonflikte müssen sie qua Selbstauskunft auf der Homepage offenlegen. An Entscheidungen, bei denen etwa eigene Patente oder die Gabe von Forschungsgeldern durch Impfstoff-Hersteller zu Befangenheit führen könnten, dürfen sie sich nicht beteiligen.

Zudem besteht beim Thema Impfen grundsätzlich großer Konsens in der Wissenschaftler-Community. Sieveking stellt all dem seine eigenen Recherchen entgegen: einen Film, der ihn als neugierigen, aber fachlich zu Beginn recht unbeleckten jungen Vater begleitet. Der Begleittext nährt zudem schlimme Befürchtungen, dort heißt es: "Aber auch unter renommierten Wissenschaftlern gibt es eine kontroverse Debatte, wie David bald feststellen muss".

Der Film suggeriert, es gebe so viele Impfgegner wie Befürworter

Das stimmt so nicht: Was die grundsätzliche Einstellung zum Impfen betrifft, sind sich seriöse Wissenschaftler heute einig. Der Film versucht sich an einem vermeintlich "ausgewogenen" Pro-und-Contra-Schema, das die Realität aber in etwa so unausgewogen darstellt wie ein Artikel über den Klimawandel, in dem jene, die meinen, es gebe ihn gar nicht, ebenso viel Platz bekommen wie Forscher, die ihn anhand von Daten klar nachweisen können.

 "Im Bereich des Impfens widerspricht dieses augenscheinlich ausgewogene Vorgehen vollkommen dem Expertenkonsens und der Verteilung der Meinung in der Bevölkerung und suggeriert eine Gleichverteilung der Meinungen", kommentiert Cornelia Betsch, Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation mit Schwerpunkt Impfentscheidung an der Universität Erfurt. Verunsicherung sei die Folge.

Studien belegen zudem, dass etwa die Masern keineswegs eine harmlose Kinderkrankheit sind: Ein bis zwei von 10.000 Kindern, die die Masern bekommen, sterben daran. Sie führt zu einer etwa sechswöchigen Immunschwäche,die Zweitinfektionen mit Bakterien Vorschub leistet. Am häufigsten sind Lungenentzündungen, Mittelohrentzündungen und Durchfall. Eine ernsthafte Komplikation ist die Masern-Gehirnhautentzündung. Eines von 1000 Masern-Kindern bekommt sie. Bei 20 bis 30 Prozent der Kinder, die nicht an ihr sterben, bleiben mehr oder minder schwere Dauerschäden am Gehirn zurück. In alten Lehrbüchern der Kinderheilkunde kann man noch nachlesen, dass im deutschen Kaiserreich in jedem Jahr etwa 1500 Kinder an den Folgen der Masern verstarben.

Um eine Krankheit auszurotten, müssen 95 Prozent der Menschen geimpft sein 

Heute dagegen wissen viele nicht mehr so recht, wogegen die Vorbeugung sich überhaupt richtet. Nicht "Impfmüdigkeit" oder gar "Impfgegnerschaft" der Eltern, sondern schlicht Sorglosigkeit und Nachlässigkeit sind heute die Gründe dafür, dass Kinder nicht oder verspätet geimpft werden. Sobald aber eine gefürchtete Krankheit wie die Diphtherie ausbricht, wendet sich das Blatt: Als es Ende der 1970er Jahre zu einem begrenzten Diphtherie-Ausbruch kam, drängten sich Impfwillige im Kölner Gesundheitsamt. Ex-STIKO-Chef Jan Leidel, der damals dort tätig war, erinnert sich, dass Geimpfte das Gebäude durch die Fenster verlassen mussten.

Mit derart kurzzeitiger Selbstfürsorge allerdings ist wenig gewonnen: Wie man bei den Masernfällen der letzten Jahre gesehen hat, hat die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Impfung nicht nur Auswirkungen für den Betroffenen selbst oder sein Kind, sondern auch für die Gemeinschaft. Von der "Herdenimmunität", die durch hohe Impfraten erreicht werden kann, profitieren etwa auch Menschen, die bestimmte Impfungen aus gesundheitlichen Gründen nicht bekommen dürfen.

Und von der Ausrottung einer Krankheit profitieren alle. Dafür ist eine "Durchimpfungsrate" von 95 Prozent erforderlich. Bei den Masern, die nur von Mensch zu Mensch übertragen werden, wäre das möglich. In vielen Ländern, zumal sozioökonomisch so unterschiedlichen wie Dänemark und der Republik Moldau, ist oder galt sie zwischenzeitlich als bereits erreicht.

Der Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gilt als widerlegt

All das kommt auch in "Eingeimpft" zur Sprache. Sieveking tickt zumindest nicht wie Andrew Wakefield, dessen Film "Vaxxed" 2017 nach Deutschland kam. Der ehemalige britische Magen-Darm-Spezialist hatte dort heftige Vorwürfe gegen die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) der USA erhoben: Sie würden schwere Nebenwirkungen der Masern-Impfung vertuschen. Wakefield hatte schon 1998 in der Fachzeitschrift "The Lancet" einen Zusammenhang zwischen dem Dreifachimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) und Autismus hergestellt. Die renommierte Fachzeitschrift zog Wakefields Publikation im Jahr 2004 jedoch vollständig zurück. Der Mediziner verlor wegen unlauterer Methoden sogar seine ärztliche Zulassung.

Große Studien widerlegen inzwischen Wakefields Behauptung – was ihn jedoch nicht daran hinderte, mit dem Film nachzulegen.  

Sieveking hat für seinen 95-minütigen Film, der unter anderem von Bayerischem Rundfunkt, rbb und Arte gefördert wurde, eine ganze Reihe spannender Gespräche mit Experten geführt. Immer mit der frisch und sympathisch anmutenden Haltung naiver Unvoreingenommenheit und kindlicher Neugier.

Schützen Impfungen generell vor Infektionskrankheiten?

In der zweiten Hälfte des Films streitet sich das Elternpaar eher darum, wie angesichts der ausufernden Recherchen und Reisen des Vaters die Kinderbetreuung leidet. Szene: Sieveking, tropentauglich gekleidet, inmitten einer Gruppe westafrikanischer Mütter auf dem Bänkchen einer Impfstation wartend. Gleich wird er mit dem dänischen Anthropologen und Mediziner Peter Aaby reden, der schon vor einigen Jahrzehnten in Guinea-Bissau das "Bandim Health Project" ins Leben gerufen hat.

Sieveking vor einer Impfstation in Guinea-Bissau.
Sieveking vor einer Impfstation in Guinea-Bissau.Foto: Foto: Flare Film/Adrian Stähli

Sieveking ist nicht nur weit gereist, er versucht auch tief in die Materie einzudringen: Wo er sich zu Beginn eher vom "Bauchgefühl" geleitet fühlte, taucht er nun plötzlich tief in ein sehr spezielles – und wirklich kontroverses – Thema der Impfforschung ein: die möglichen "unspezifischen" Wirkungen von Lebendimpfstoffen auf die gesamte körpereigene Immunabwehr. Aabys Daten deuten darauf hin, dass die Senkung der Säuglings- und Kleinkind-Sterblichkeit, die empfohlene Impfungen in Afrika zweifelsfrei bewirken, nicht allein dadurch zustande kommen, dass die Kinder vor den jeweiligen Krankheiten geschützt bleiben. Er glaubt, dass die Babys und Kleinkinder durch die Impfungen auch einen generelleren Schutz vor anderen Infektionskrankheiten bekommen.

 Antworten bleibt der Filmemacher schuldig

Abgeschwächte Lebendimpfstoffe wie die gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken, die die STIKO für Kinder ab dem Alter von elf Monaten empfiehlt, kurbeln demnach auch den angeborenen Teil des Immunsystems in gesundheitsförderlicher Weise an. Ähnliches hat er bei der Schluckimpfung gegen Polio und beim BCG-Impfstoff gegen Tuberkulose beobachtet – die beide aus unterschiedlichen Gründen in Deutschland derzeit nicht auf der STIKO-Liste stehen.

Der Impfstoff gegen Diphtherie, Tetanus und Polio, der aus abgetöteten Viren hergestellt wird, hat nach Aabys Ansicht dagegen eher ungünstige unspezifische Effekte. Den Schutz gegen die drei Krankheiten stellt er nicht in Abrede, empfiehlt allerdings, auf die DTP-Impfung die Immunisierung mit einem Lebendimpfstoff folgen zu lassen. Die strategische WHO-Gruppe der Experten für Immunisierungen kann dieser Argumentation derzeit nicht folgen. Sie sieht noch großen Forschungsbedarf, was die möglichen unspezifischen Wirkungen von Impfstoffen betrifft. Sieveking vertieft sich stark in diese komplizierte Materie. Antworten muss auch er schuldig bleiben. Was bleibt, ist wieder Verunsicherung.

 Für Säuglinge sind Kinderkrankheiten besonders gefährlich

Wenn in die Berliner Praxis von Kinderarzt Jakob Maske Kinder kommen, die den empfohlenen Impfschutz noch nicht haben, dann haben deren Eltern meist keine dezidiert ablehnende Haltung, sondern sind einfach nur schlecht informiert. Haben sie ein Problem damit, dass ihr Baby noch zu klein sein könnte für eine Impfung, dann erklärt er ihnen, dass Krankheiten wie Keuchhusten besonders für Säuglinge gefährlich sind. "Unsere Beratung geht immer in die Richtung, dass man rechtzeitig impfen sollte." Auf Wunsch der Eltern weiche er "aber auch vom vorgesehenen Schema ab, besser spät als nie."

Spät wird auch die Tochter des Dokumentarfilmers Sieveking noch geimpft – zumindest gegen einige der bedrohlichsten Infektionskrankheiten. Auch für das zweite Baby der Familie sind damit die Weichen gestellt. Aus dem Abspann erfahren wir, dass die Familie nochmals Zuwachs erwartet. Ungeplant. Sie sagt zu ihm: "Du hast gesagt, du hast aufgepasst." Wissenschaftlerin Betsch kommentiert sehr sachlich: "Diese Szene offenbart nochmal sehr plastisch die Herangehensweise der Familie an Prävention: erfahrungsbasiert, Überschätzung der eigenen Macht und Möglichkeiten – und fehleranfällig." In diesem Fall ist es ein schöner "Fehler". Doch das Happy End in der Impffrage hätte die Familie auch einfacher haben können, denkt man beim Verlassen des Kinos.

Der Bundesgerichtshof hat am 3. Mai 2017 ein denkbar klares Urteil gefällt: Es ging um ein getrennt lebendes Paar mit gemeinsamem Sorgerecht. Der Vater hatte die Tochter nach STIKO-Empfehlungen impfen lassen, die Mutter hatte dagegen geklagt und das Urteil eines "Sachverständigen" gefordert. Ein solches Gutachten sei unnötig, urteilte der BGH (hier als PDF), die empfohlenen Impfungen seien schließlich medizinischer Standard. "Bei Uneinigkeit der Eltern über die Durchführung einer solchen Impfung kann die Entscheidungsbefugnis dem Elternteil, der die Impfung des Kindes entsprechend den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert-Koch-Institut befürwortet, jedenfalls dann übertragen werden, wenn bei dem Kind keine besonderen Impfrisiken vorliegen."

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Der Film "Eingeimpft" von David Sieveking kommt am 13. September 2018 in die Kinos. Seit dem 20. August ist das dazugehörige Buch im Handel (Herder-Verlag).

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