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Außer Atem. Der Verkehr in den Städten verursacht viele Treibhausemissionen, China ist der größte Produzent schädlicher Abgase.

© picture alliance / dpa

Folgen des Klimawandels: In der Hitze der Stadt

Ursachen und Folgen des Klimawandels: Vor allem die großen Ballungsräume wie Berlin werden sich stark verändern.

Man kann sich mit Wilfried Endlicher über die Fauna auf dem Tempelhofer Feld unterhalten, über den baulichen Zustand von Schulen und Rathäusern sowie über das Wetter des vergangenen Sommers. Wenn der Professor am Geographischen Institut der Humboldt-Universität sich zu solch scheinbar harmlosen und lokalen Aspekten äußert, geht es ums Ganze: Sein Forschungsinteresse konzentriert sich auf Fragen von Umwelt und Natur in großen Städten. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Stadtklimatologie und der städtischen Luftqualität durch Feinstäube, es geht um unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit. Den Gesamtrahmen von Endlichers Forschung bildet der globale Klimawandel.

„Wir bekommen schon heute im Alltag zu spüren, dass unsere Umwelt sich verändert“, sagt Endlicher. „Noch über viele Jahrhunderte werden Menschen mit einem permanent fortschreitenden Wandel leben müssen, den wir erst seit wenigen Jahrzehnten erfassen.“ Die gegenwärtige Lage ist wissenschaftlich unumstritten. Durch die industrielle Revolution, die vor rund 200 Jahren begann, hat der Mensch so stark auf die Umwelt eingewirkt, dass diese sich verändert. Ein wichtiger Faktor in diesem komplexen Geschehen ist der Ausstoß sogenannter Treibhausgase, den Hauptanteil daran hat Kohlendioxid (CO2).

Die Emission der Gase bewirkt, dass die Erde sich erwärmt, also den Klimawandel vorantreibt. „Dieser Prozess dauert selbst dann noch über Jahrhunderte an, wenn Menschen sich von jetzt an absolut klimaneutral verhalten würden“, erläutert Endlicher. Deshalb spreche man bereits von einem neuen geologischen Zeitalter, dem „Anthropozän“. Mit Blick auf seinen Forschungsschwerpunkt sagt Endlicher: „Nicht zuletzt große Städte wie Berlin müssen sich schon heute darauf vorbereiten, dass die nahe Zukunft anders aussehen wird, denn die globale Erwärmung wird sich vor allem in den Ballungsräumen extrem bemerkbar machen.“

So gefährden hohe Temperaturen, Hitzewellen und starke Temperaturschwankungen binnen kurzer Zeit zunehmend die Gesundheit in Deutschland. Zwischen 2000 und 2010 war die Sterblichkeit hierzulande aufgrund koronarer Herzkrankheiten während Hitzewellen um zehn bis 15 Prozent erhöht, an einzelnen Tagen in Ballungsräumen noch wesentlich stärker. „Der Sommer 2015 mit regelmäßigen Spitzen von über 35 Grad gilt für bisherige Verhältnisse in Deutschland als heiß, Mitte des 21. Jahrhunderts werden solche Temperaturen statistisch einen Mittelwert darstellen“, sagt Endlicher. „Falls wir uns daran nicht anpassen, werden wir in der Zukunft eine Vervielfachung hitzebedingter Todesfälle erleben.“

Berlin kann dem immerhin einiges entgegensetzen: Die Stadt liegt inmitten dünn besiedelter Umgebung, ist gut durchgrünt und im Nordostdeutschen Tiefland gut durchlüftet. Relevant für das Stadtklima ist das unbebaute Tempelhofer Feld. „In heißen Sommern wäre es allerdings von Vorteil, wenn am Rande mehr Schatten spendende Bäume auf diesem Areal stünden, als das bislang der Fall ist.“

Schon heute hat sich die Durchschnittstemperatur auf der Erde im Vergleich zum frühen 19. Jahrhundert um 0,7 Grad Celsius erwärmt. Um das Klima nicht weiterhin anzuheizen, muss der Energiebedarf gesenkt und mit anderen Mitteln gedeckt werden. Vor allem die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle und Erdöl treibt den Klimawandel voran. Der Energiesektor war laut Umweltbundesamt (UBA) mit etwa 85 Prozent im Jahr 2014 die größte Quelle anthropogener Treibhausgasemissionen in Deutschland. Die Energiewende, hin zur verstärkten Nutzung von Sonnen- und Windkraft, soll mittelfristig Besserung schaffen. „Der Staat sollte aber auch vormachen, wie der Energieverbrauch gesenkt werden kann“, betont Endlicher. „Also zum Beispiel seine Rathäuser und Schulen ordentlich dämmen.“

Auch in anderen Bereichen gibt es Einsparpotenziale: Im Jahr 2014 war der Verkehrssektor laut UBA für 18 Prozent der Treibhausgasemissionen Deutschlands verantwortlich (mit Überschneidung zum Energiesektor). 95 Prozent davon wurden durch den Straßenverkehr verursacht. Insgesamt war die Industrie im selben Jahr für knapp sieben Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Dazu kommen aber noch 14 Prozent für den energetischen Bedarf (der in den 85 Prozent des Energiesektors enthalten ist). Einerseits sinken die Emissionen in Deutschland mittlerweile, die Tendenz geht also schon mal in die richtige Richtung. „Aber das ginge noch besser“, mahnt Endlicher. So liegt Deutschland im Staaten-Ranking der weltweit größten CO2-Emittenten auf Platz acht.

„Im Gegensatz zu Deutschland steigen die Emissionsraten global gesehen aber sogar noch weiter an“, sagt Endlicher. „Diese Steigerungsrate der Treibhausgasemissionen müsste unbedingt in den nächsten Jahren ihr Maximum erreichen und dann zurückgehen, um Schlimmeres zu verhindern.“ Es gibt aber auch ein Best-Case-Szenario, von der Wissenschaft definiert und von der Politik übernommen, es trägt den Namen „Zwei-Grad-Ziel“. Das heißt: Wenn ab jetzt alles getan wird, was möglich ist, kann die Klimaerwärmung abgemildert werden, so dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde um nicht mehr als zwei Grad über den vorindustriellen Wert steigt.

Was machbar ist, zeigt sich etwa am Ozonloch. 1987 verpflichteten sich fast alle Staaten der Welt zur Reduzierung und schließlich zur vollständigen Abschaffung der Emission von chlor- und bromhaltigen Chemikalien, die das Ozon in der Stratosphäre zerstören. Dazu zählen die berüchtigten Fluorchlorkohlenwasserstoffe, kurz FCKW. „Dank dieser Entscheidung sinkt die Ozonkonzentration in der Stratosphäre nun nicht mehr weiter“, sagt Endlicher. Doch selbst dadurch könne die Ozonschicht erst Ende des 21. Jahrhunderts wieder in den Zustand zurückversetzt sein wie um 1950.

„Der Klimawandel ist komplexer als das Ozonproblem, aber das Beispiel zeigt, dass Lösungen für globale Umweltprobleme möglich sind“, sagt Wolfgang Lucht. Der Physiker ist Professor für Nachhaltigkeitswissenschaften an der Humboldt-Universität und Leiter des Forschungsfeldes Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Am Handlungsbedarf hat er keinen Zweifel: „Unsere Forschungen mit einem Computermodell der Vegetation der Erde zeigen, dass sich bereits bei einer Erwärmung von nur zwei Grad auf ungefähr einem Zehntel der weltweiten Landoberfläche die Ökosysteme grundlegend verändern.“ Bei drei Grad Erwärmung habe sich die betroffene Fläche bereits verdoppelt, bei vier Grad sei ein Drittel der weltweiten Landfläche vom Risiko solcher Umwälzungen bedroht. „Vier Grad werden am Ende des Jahrhunderts aber erreicht, wenn wir nicht gegensteuern“, betont Lucht. „Ein ungebremster Klimawandel riskiert weitreichende Umbrüche. Dies ist das Ergebnis zahlreicher wissenschaftlicher Analysen der letzten Jahre.“

Damit es soweit nicht kommt, arbeiten die Wissenschaftler auch mit anderen Institutionen eng zusammen. Der Standort Berlin schafft dabei besondere Synergieeffekte. Neben anderen Hochschulen gibt es unter anderem ein enges Netzwerk mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und mit dem ebenfalls dort angesiedelten Deutschen GeoForschungsZentrum. Eine wichtige Rolle spielt auch das fakultätsübergreifende Integrative Research Institute on Transformations of Human-Environment Systems (IRI THESys), welches die Humboldt-Universität im Rahmen der Exzellenzinitiative neu eingerichtet hat.

Dem globalen Phänomen Klimawandel wird nicht zuletzt auch wissenschaftlich global begegnet. Die Humboldt-Experten arbeiten unter anderem eng mit Kollegen in Polen, Argentinien und den USA zusammen. Gemeinsam ist man stärker. „Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen“, sagt Lucht. „Aber auch eine große Chance, unsere Gesellschaften weiterzuentwickeln.“

- Dieser Text erschien in der Beilage "Humboldt-Universität 2015".

Lars Klaaßen

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