Jobs in der Coronakrise : „Viele Branchen suchen studentische Kräfte“

Die Krise vernichtet zahlreiche Nebenjobs – schafft aber auch neue. Ein Gespräch mit Eckhard Köhn, Personaldienstleister für Studierende.

Eckhard Köhn, Geschäftsführer von Studitemps.
Eckhard Köhn, Geschäftsführer von Studitemps.Foto: Promo

Eckhard Köhn ist Geschäftsführer von Studitemps, dem nach eigenen Angaben größten deutschen Personaldienstleister für Studierende mit Hauptsitz in Köln und Filialen u.a. in Berlin.

Herr Köhn, durch das Stellenportal Jobmensa haben Sie einen guten Einblick in die aktuelle Situation von Studierenden mit Nebenjobs. In der Corona-Krise verlieren viele Studierende ihre Nebentätigkeit. Dies hat häufig existenzielle Folgen, weil viele auf ein solches Arbeitsverhältnis angewiesen sind. Wie nehmen Sie die aktuellen Entwicklungen wahr und was bedeuten sie für Studierende?

Die Corona-Krise hat viele Studierende kalt erwischt. Restaurants, Bars und Cafés wurden geschlossen. Die meisten Geschäfte im Einzelhandel ebenfalls. Dazu kommen krisenbedingte Einsparungen bei zahlreichen Unternehmen. Viele Studierende haben also in den letzten Wochen ihren Job verloren. Auch wenn es sich dabei nur um Nebenjobs handelte: Die meisten sind auf diese Einkünfte angewiesen. Das Bafög allein reicht oftmals nicht. Kaum einer hat ein Polster, von dem er oder sie leben kann. Und trotzdem müssen ja weiterhin Miete, Essen und Studiengebühren bezahlt werden. Die gute Nachricht ist aber: Branchen, die systemrelevant sind, suchen jetzt händeringend nach Arbeitskräften.

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Dabei gibt es jedoch einige Besonderheiten, auf die Studierende achten müssen. So dürfen sie beispielsweise nur 450 Euro im Monat verdienen, damit bei der Bafög-Berechnung nichts abgezogen wird. Was gilt es außerdem zu beachten?
Man könnte Studierende durchaus als Solo-Selbstständige betrachten. Ihre Hauptbeschäftigung ist zwar das Studium. Das bringt aber kein Geld ein. Daher müssen zwei Drittel der Studierenden in Deutschland neben dem Studium arbeiten gehen. Selbstständige in Deutschland bekommen gerade finanzielle Unterstützung vom Staat. Auf Studierende trifft das nicht zu, da sie offiziell den Job des Studierenden haben und eben nicht offiziell solo-selbstständig sind. Sie müssen sich selbst um Alternativen kümmern. Studierende, die nebenbei arbeiten gehen, sind in der Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung versicherungsfrei. Hinzu kommt: Wer nicht in die Arbeitslosenversicherung einzahlt, kann auch kein Kurzarbeitergeld beziehen.

Was können betroffene Studierende in dieser Situation unternehmen? Und wie flexibel müssen sie sein?
Es gibt nach wie vor viele Jobs für Studierende. Es sind nur eventuell solche, die sie bisher nicht auf dem Radar hatten. Man sollte flexibel sein mit dem, was man macht. Deshalb sind aktuell deutlich mehr auf der Suche nach Jobs als sonst zu dieser Zeit. Das können wir natürlich auch bei uns sehen. Wir erhalten derzeit 7000 Bewerbungen von Studierenden pro Woche. Im März 2020 war die Nachfrage nach studentischen Kräften auf Studitemps rund 78 Prozent höher als im März 2019.

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In welchen Branchen sind Studierende derzeit besonders gefragt?
Vonseiten der Wirtschaft sind jetzt besonders Jobs in systemrelevanten Bereichen gefragt. Dazu zählen zum Beispiel Warenverräumer und Kassierer in Supermärkten, dort verzeichnen wir 460 Prozent mehr Nachfrage. Aber auch Logistiker und Auslieferungsfahrer im Transportbereich – hier haben sich die Werte verachtfacht. Das liegt in diesen Bereichen zum einen natürlich daran, dass jetzt deutlich mehr zu tun ist. Zum anderen sind Studierende jetzt aber auch gefragt, jene Stammkräfte zu ersetzen, die wegen der fehlenden Kinderbetreuung durch Schulen und Kitas zu Hause bleiben müssen. Besonders gefragt sind außerdem Erntehelfer. Die geschlossenen Grenzen sorgen dafür, dass weniger Saisonarbeiter aus Osteuropa einreisen dürfen. Nicht zu vergessen sind außerdem die Bereiche Gesundheit und Kinderbetreuung. Auch hier steigt die Nachfrage an.

Haben Sie den Eindruck, dass die Studierenden die bestehenden Angebote nutzen?
Das ist ganz individuell zu betrachten. Es gibt beispielsweise Studierende, die sich durchaus auch für den Einsatz als Erntehelfer interessieren. Das sind dann diejenigen, die gerne auch harte Arbeit verrichten, unbedingt helfen wollen und den Einsatz in der Natur schätzen. Studierende mit sozialer Ader gehen dafür in die Kinderbetreuung, arbeiten als Auslieferungsfahrer für Essensangebote zur Verpflegung von Senioren oder helfen in Krankenhäusern mit. Es melden sich aber auch mehr als genug Studierende als Warenverräumer oder Kassenkraft. Die Studierenden sind sich derzeit auch der tragenden Rolle bewusst, die sie in der aktuellen Situation spielen.

Wie können Studierende mithelfen, die Corona-Krise zu bewältigen – und was zeichnet sie besonders aus?
Um die Grundversorgung auch in der Corona-Krise zu garantieren, braucht es in vielen Bereichen deutlich mehr Personal. Zum einen steigt die Arbeitslast, zum anderen fällt das Stammpersonal wegen Krankheit oder geschlossenen Kitas und Schulen und der damit verbundenen privaten Kinderbetreuung aus. Bei Studierenden fallen gerade klassische Jobs etwa in der Gastronomie weg. Gleichzeitig ist die Klausurenphase größtenteils vorbei oder Klausuren wurden bis auf Weiteres verschoben, da die Bibliotheken geschlossen haben. Studierende sind dringend auf der Suche nach Ersatzjobs und sie haben derzeit viel Zeit. Ihr Vorteil: Sie sind flexibel einsetzbar, Digital Natives und wahre Alleskönner. Sie arbeiten sich schnell in neue Aufgaben ein und können daher gerade jetzt gezielt in Bereichen eingesetzt werden, in denen ein Mangel herrscht.

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