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Kein Schiff wird kommen : Politik verschleppt Erneuerung veralteter Forschungsflotte

Die „Polarstern“, nahe des Nordpols eingefroren, macht zurzeit Schlagzeilen. Doch die deutsche Forschungsflotte ist überaltert. Die Politik lässt sich Zeit.

(K)alter Kahn. Die „Polarstern“ ist in diesem Winter das Zuhause für Dutzende Spitzenforscher, die das Nordpolarmeer erforschen. Doch das Schiff hat bereits 38 Jahre auf dem Buckel. Ein moderner Nachfolger für das Forschungsschiff ist jedoch nicht in Sicht.
(K)alter Kahn. Die „Polarstern“ ist in diesem Winter das Zuhause für Dutzende Spitzenforscher, die das Nordpolarmeer erforschen....Foto: Gauthier Chapelle/AWI

Die deutsche Polarforschung hat in den vergangenen Wochen für viele Schlagzeilen gesorgt: mit der großen Arktisexpedition „Mosaic“, bei der Dutzende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, eingeschlossen im Eis, am Nordpol vorbeidriften und erforschen, wie die Arktis im Winterhalbjahr „tickt“. Sie leben auf dem Schiff „Polarstern“, das sie vor Sturm, Kälte und Eisbären schützt und mit diversen Forschungsgeräten ausgestattet ist.

Doch ob solche Expeditionen auch künftig möglich sein werden, ist offen. Denn die „Polarstern“ ist mittlerweile 38 Jahre alt. Längst müsste eine Nachfolgerin fahren. Aber noch nicht einmal das Vergabeverfahren für einen Neubau eines modernen Forschungsschiffs, das die „Polarstern“ ersetzen könnte, ist abgeschlossen.

Dies geht aus einer Anfrage der Bundestagsabgeordneten Ekin Deligöz (Grüne), Mitglied im Haushaltssausschuss, an das Bundesforschungsministerium (BMBF) hervor, die dem Tagesspiegel vorliegt. Auch für die Nachfolge der etwas kleineren Schiffe „Meteor“ (gebaut 1986) und „Poseidon“ (1976) verzögert sich die Neubeschaffung.

Vier von acht Forschungsschiffen gehen bald aus der Fahrt

Die Überlegungen des Ministeriums basieren auf „Empfehlungen zur künftigen Entwicklung der marinen deutschen Forschungsflotte“, die der Wissenschaftsrat 2010 vorgelegt hat und die in einer Gesamtschiffsstrategie eingeflossen sind. Darin heißt es unter anderem, dass Experten eine „schiffbaulich und wirtschaftlich tragbare Nutzungsdauer von Forschungsschiffen“ von maximal 30 Jahren sehen.

„Bei der Entscheidung über Neubauten sind die steigenden Betriebskosten von überalterten Forschungsschiffen, erhöhte Ausfallrisiken, erhöhte sicherheitstechnische und umweltrelevante Standards sowie die Einsatzmöglichkeit neuer Forschungstechnik maßgebende Kriterien.“ Bereits zu Beginn des Jahrzehnts wurde klar formuliert: Vier der acht hochseetauglichen Forschungsschiffe, die den Zuständigkeiten des BMBF zugeordnet sind, werden in den nächsten zehn Jahren aus der Fahrt gehen, wie es im Fachjargon heißt.
Tatsächlich gibt es seit 2014 eine neue „Sonne“. Kein Ersatz gibt es für die „Poseidon“, die im Dezember ausgemustert wurde – und jetzt vom Verein „United4Rescue“ zum Flüchtlingsschiff umgebaut werden soll. Die „Polarstern“ fährt noch weiter.

Doch alte Schiffe können rasch Probleme verursachen. Ende 2014 musste eine Fahrt in der Antarktis wegen eines schweren Schadens am Antrieb abgebrochen und das Schiff nach Deutschland zurückbeordert werden. Zweieinhalb Monate Expeditionszeit waren verloren, mehr als 100 Wissenschaftler und Techniker waren vom Ausfall betroffen.

10 Millionen Wartungsaufwand jährlich - und je älter, umso mehr Reparaturen

Eine derart folgenschwere Panne habe es seitdem nicht mehr gegeben, teilt das Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (Alfred-Wegener-Institut, AWI) mit. „Auch auf der aktuellen Expedition im Nordpolargebiet gibt es bislang keine technischen Probleme mit dem Schiff“, sagt Uwe Nixdorf, stellvertretender Direktor des AWI und verantwortlich für die Logistik. „Welcher Wartungsaufwand nötig sein wird, werden wir im Herbst sehen, wenn die Polarstern zurückkehrt und in die Werft kommt.“ Knapp zwei Monate Aufenthalt sind dafür vorgesehen.
„Mit zunehmendem Alter muss man damit rechnen, dass neben den üblichen Erneuerungen auch ungeplante Reparaturen nötig sind“, sagt Nixdorf. Das AWI kalkuliere den Wartungsaufwand derzeit mit 10 Millionen Euro pro Jahr.
Diese Kosten wären bei einem neuen Schiff natürlich geringer. „Als die Planungen für eine Nachfolgerin im Jahr 2008 begannen, wurde festgelegt, dass diese die gleichen Leistungen bieten soll wie die Polarstern.“ Zusätzlich erhofft man sich einige Verbesserungen. „Mit einem optimierten Rumpf ließe sich weiter ins Eis vordringen als bisher“, nennt Nixdorf ein Beispiel.

Außerdem hätten die Forscher gern einen Moonpool: ein etwa vier mal vier Meter großer Schacht im Innern des Schiffs, von dem aus sie auch bei starkem Seegang oder Eis Tauchroboter und anderes Forschungsgerät in die Tiefe lassen können. Die alte Polarstern hat nur einen kleinen Schacht, der für wenige Apparate nutzbar ist.
Eigentlich sollte die neue Polarstern laut Gesamtschiffsstrategie schon seit 2017 fahren. Doch noch nicht einmal die Verhandlungen für den Neubau sind bis dato abgeschlossen. Der BMBF-Webseite zufolge hätte das schon 2019 passieren sollen. Dem Tagesspiegel teilte das Ministerium auf Anfrage mit, dass das Vergabeverfahren noch immer laufe. Auskünfte zur aktuellen Kostenschätzung und einem möglichen Einsatzzeitpunkt werden mit Verweis auf „vergaberechtliche Gründe“ nicht erteilt.

2012 wurden für eine neue Polarstern 450 Millionen Euro kalkuliert - das reicht heute nicht mehr

2012 wurden für den Neubau 450 Millionen Euro veranschlagt; ob das heute noch ausreicht, ist fraglich. Ebenso, ob das neue Schiff rechtzeitig einsatzbereit ist. Der aktuelle Bereederungsvertrag für die Polarstern zwischen der Reederei F. Laeisz und dem AWI enthält eine Verlängerungsoption bis maximal März 2024.
Was tun die Forscherinnen und Forscher, wenn dieser Vertrag ausläuft und kein neues Schiff da ist? Zumindest aus technischer Sicht sei das Ende der Polarstern nicht zwingend, meint Uwe Nixdorf vom AWI. „Uns wurde in Aussicht gestellt, dass die Polarstern 2022 noch einmal eine „große Klasse“ bekommt – eine Art Schiffs-Tüv“, sagt er. „Dann könnte sie bis 2027 fahren.“ Das Schiff wäre dann 45 Jahre alt.
Die Forscher halten sich mit Kritik zurück, anders Ekin Deligöz: „Trotz mehrfacher Ankündigungen ist noch immer kein Ersatz für das Forschungsschiff Polarstern in Sicht. Es liegt weder ein verlässlicher Zeitplan vor, noch ist absehbar, wie viel der Neubau den Bund am Ende kosten wird“, sagt die Abgeordnete. „Mittlerweile dauert das Vergabeverfahren schon so lange, dass die Kalkulationsgrundlage längst veraltet ist. Das Forschungsministerium lässt die Zukunft der deutschen Polarforschung damit im Unklaren und wird dessen Bedeutung für den Klimaschutz nicht gerecht.“

Noch lassen sich Lücken schließen - doch das verursacht lange Wartezeiten für Forscher

„Fast nirgendwo werden die Ressortegoismen deutlicher sichtbar als bei der Ausschreibung von Schiffen“, sagt die Bundestagsabgeordnete Claudia Müller (Grüne). Das BMBF sei mit der Aufgabe überfordert. „Wenn die einzelnen Ministerien es nicht selbst schaffen, ihre Ausschreibungen für Schiffe auszuführen, muss zukünftig eine einheitliche Stelle des Bundes alle seegängigen Schiffe betreuen.“ Eine Einrichtung, in der entsprechende Kompetenz vorhanden und für alle nutzbar ist.

„Die aktuell leider noch begrenzten Aufgaben bei der Bundesanstalt für Wasserbau könnten ausgeweitet werden. Mit einer ganzheitlichen Kontrolle der Bundesflotte wären nicht nur Kostenvorteile verbunden, sondern auch Vorteile hinsichtlich Umwelt- und Klimaschutz.“

Was den Neubau eines Schiffes betrifft, das die Poseidon und die Meteor ersetzen soll, teilt das BMBF mit, „dass eine europaweite Ausschreibung mit vorgeschaltetem Teilnahmewettbewerb geplant ist. Das Verfahren hat noch nicht begonnen. Angaben zu weiteren Details für dieses geplante Verfahren sind derzeit nicht möglich.“

Laut dem Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel sollte der Schiffsneubau ursprünglich nach der „Polarstern“ eingetaktet werden, doch womöglich wird er vorgezogen, sodass das Schiff im besten Falle 2024 fahren könnte. Die Lücke, die die Poseidon hinterlässt, lasse sich mit anderen Schiffen schließen. „Die Meteor zum Beispiel ist noch in Betrieb“, sagt Klas Lackschewitz, Schiffskoordinator beim Geomar. „Es kann aber vorkommen, dass ein Forscher ein Jahr warten muss, bis er zum Zuge kommt.“

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