Kirche im Nationalsozialismus : Schrille Glockenklänge

Mit „Hitler-Glocken“ unterstützten protestantische Kirchen den „Führer“. Manche läuten noch heute.

Manfred Gailus
Glockenweihe mit dreifachem „Sieg-Heil“. Auch in der Wichernkapelle in Berlin-Spandau läutete noch Jahrzehnte nach dem Krieg eine „Hitler-Glocke“. Erst jetzt ist sie durch eine neue ersetzt worden. An katholischen Kirchen sind Glocken mit nationalsozialistischer Propaganda noch nicht entdeckt worden – kein Zufall.
Glockenweihe mit dreifachem „Sieg-Heil“. Auch in der Wichernkapelle in Berlin-Spandau läutete noch Jahrzehnte nach dem Krieg eine...Foto: imago/Bernd Friedel

Wie viele „Hitler-Glocken“ läuten noch auf deutschen Kirchtürmen und wann hört das auf? Seit nunmehr fast einem Jahr erlebt das idyllisch gelegene Weinbaudorf Herxheim am Berg (Rheinland-Pfalz) einen nie gekannten Medienrummel: in der Jakobskirche läutete seit 1934 eine sogenannte „Hitler-Glocke“, auf der ein Hakenkreuz prangt und die politische Parole „Alles fuer's Vaterland – Adolf Hitler“ zu lesen ist. Zeitungsreporter, TV-Journalisten und Schaulustige besuchen seit Sommer 2017 die Gemeinde an der romantischen Weinstraße. Auch politische Parteigänger vom rechten Rand interessieren sich für diese Glocke und für einen Ort, in dem sie ungehindert bis September 2017 hat läuten können. Der Bürgermeister, ein Elektroingenieur, musste nach ungeschickten, teils fragwürdigen Kommentaren zurücktreten.

Seit Dezember 2017 amtiert ein neuer Ortsvorsteher in Herxheim, ein pensionierter Pfarrer, aber auch seine Statements wirken anstößig. Seither wird gestritten im Dorf und in der Region: die Glocke muss weg, sagen die einen; die Glocke soll bleiben, sagen die anderen. Aufgeschreckt durch den Herxheimer Glockenstreit schauten andere Kirchengemeinden genauer auf ihren Kirchtürmen nach. Inzwischen sind allein im Gebiet der evangelischen Kirche der Pfalz fünf problematische Glocken aus der Hitlerzeit entdeckt worden. Und auch andernorts fanden sich „Hitler-Glocken“: eine im Saarland, zwei in Niedersachsen und, man staune, zwei weitere in der gedenkpolitisch doch so korrekten Großstadt Berlin.

Ein großes Hakenkreuz - leicht übersehen konnte man das nicht

Es ist schon ein starkes Stück, dass bis zum Jahr 2017 Kirchenglocken mit Hakenkreuzen und einschlägigen NS-Parolen überhaupt in Betrieb bleiben konnten. In Essingen (Rheinland-Pfalz) läutete bis September 2017 eine 1936 geweihte Glocke mit der Inschrift: „Als Adolf Hitler Schwert und Freiheit gab dem deutschen Land. Goss uns der Meister Pfeifer, Kaiserslautern“. Vom Turm der Kreuzkirche in Schweringen (Niedersachsen) rief seit 1934 eine Glocke mit einem überdimensionierten, 35 mal 35 Zentimeter großen Hakenkreuz zum Gottesdienst. Leicht übersehen konnte man das nicht. Aufgeprägt ist der Glocke die Inschrift: „aus Not und aus Nacht ist Deutschland erwacht – dies Kreuz gab Gelingen half Zwietracht bezwingen – Dank sei dir Gott“. Seit September 2017 schweigt diese Glocke. Der Bürgermeister bekannte angesichts öffentlicher Aufregung: er habe davon nichts gewusst.

In der Wichernkapelle in Berlin-Spandau wurde im Oktober 1934 durch Pfarrer Johannes Rehse eine Glocke geweiht, die ein Christenkreuz und ein Hakenkreuz trug, dazu den Bibelvers (1. Joh. 5. 4): „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“. Dass dieses Glaubensbekenntnis im Jahr 1934 bei der von Nazi-Pfarrern gestalteten Weihezeremonie auch anders verstanden werden konnte, liegt auf der Hand. Nach einem Sprechchor der Konfirmanden „Unter der Fahne schreiten wir“ schloss die Glockenweihe mit einem dreifachen „Sieg-Heil“ auf Hitler sowie dem Gesang des Deutschland- und des Horst-Wessel-Lieds. Die Spandauer Glocke, deren Existenz in der Nachkriegszeit der Gemeinde wie auch der Kirchenleitung Berlin-Brandenburg von Zeit zu Zeit bekannt war, verstummte erst im November 2017 und ist inzwischen durch eine neue Glocke ersetzt worden.

Das protestantische Milieu war vom NS-Zeitgeist stärker durchdrungen als das katholische

Insgesamt sind im Reformationsgedenkjahr 2017 etwa ein Dutzend Glocken mit gedenkpolitisch fragwürdigen bis völlig inakzeptablen Widmungen und Symbolen aus der NS-Zeit entdeckt worden. In sämtlichen Fällen handelt es sich um evangelische Kirchen. Aktuell ist keine katholische Kirche dabei, die ähnlich betroffen wäre. Ein Zufall? Oder haben womöglich die Katholiken noch nicht genau nachgeschaut auf ihren Kirchtürmen? Nein, kein Zufall – vielmehr ist in diesem Befund ein später Nachklang des historisch Faktischen zu sehen, eine Bestätigung der These, dass das protestantische Milieu im „Dritten Reich“ vom NS-Zeitgeist vergleichsweise viel stärker durchdrungen war als die katholische Kirche.

„Alles fuer’s Vaterland“. Die Kirche im pfälzischen Herxheim will sich von ihrer Glocke nicht trennen.
„Alles fuer’s Vaterland“. Die Kirche im pfälzischen Herxheim will sich von ihrer Glocke nicht trennen.Foto: imago/epd/Monika Franck

Als straff zentralisierte Kirche und Bestandteil einer von Rom aus regierten Weltkirche war der deutsche Katholizismus weniger anfällig für die völkischen Ideologien der Epoche. Es gab in der katholischen Kirche keine innerkirchliche, von Theologen geführte Massenbewegung wie die evangelischen Deutschen Christen (DC). Das ist der markanteste Unterschied zu den Protestanten, wo die DC-Bewegung, die ebenso christlich-völkisch wie antisemitisch war, etliche der 28 Landeskirchen vollständig, viele andere wie die große preußische Landeskirche zu erheblichen Teilen eroberte. Gewiss gab es auch „braune Priester“ unter Katholiken, die Parteimitglied waren oder NS-Ideologie aufnahmen. Auf die Gesamtheit der Priester bezogen machten sie jedoch weniger als ein Prozent aus. Wie eine Reihe jüngerer Studien gezeigt hat, gehörten in evangelischen Landeskirchen durchschnittlich etwa 15 bis 20 Prozent der Pfarrer der NSDAP an. Unter den gut 400 Gemeindepfarrern der Hauptstadt hatten sich etwa 20 Prozent der Hitlerpartei angeschlossen und über 40 Prozent engagierten sich (zeitweilig) in der „Glaubensbewegung“ der DC.

Neben christlichen Motiven diverse Nazi-Symbole

Darum überrascht es nicht so sehr, wenn heute noch in Betrieb gebliebene Kirchenglocken als Relikte aus jener Vergangenheit entdeckt werden, als sich viele evangelische Kirchen braun färbten. Inspiriert von DC-Pfarrern hielten nationalsozialistische Ideen, Bilder und Symbole Einzug in Kirchen, Gemeindehäuser, durchdrangen die Predigten und Kirchenblätter. Das Hakenkreuz war allgegenwärtig: auf Fahnen, fest in Stein gemeißelt an Kirchengebäuden, hart in Metall geprägt auf Kirchenglocken. Die 1933 renovierte Tempelhofer Glaubenskirche trug an einem Hauptpfeiler im Innern ein großes, in Stein gehauenes Hakenkreuz. Wohl als erste in Berlin installierte „Hakenkreuz-Glocke“ kann die „Vaterlandsglocke“ der neu erbauten Charlottenburger Gustav-Adolf-Kirche gelten, die neben dem NS-Symbol die Widmung „Für unser Vaterland“ trug. In der Eingangshalle der Mariendorfer Martin-Luther-Gedächtniskirche grüßten den Besucher Reliefporträts von Hindenburg und Hitler und im Kirchenraum selbst zierten neben christlichen Motiven diverse Nazi-Symbole einen mächtigen Triumphbogen.

Auf der 1935 in Mariendorf geweihten „Vaterlandsglocke“ prangte ein Hakenkreuz und das Hitlerzitat „Möge Gott unsere Arbeit in seine Gnade nehmen, unseren Willen recht gestalten und unsere Einsicht segnen!“ Hakenkreuz und Christenkreuz, so meinte 1934 der Friedenauer DC-Pfarrer Bruno Marquardt und mit ihm viele seiner Pfarrerkollegen, seien keine Gegensätze: „Bringt das Christuskreuz unsere christliche Gesinnung zum Ausdruck, so fügt das Hakenkreuz dem unsere restlos deutsch-völkische Einstellung hinzu.“

Wie heute umgehen mit den „Hitler-Glocken“? Die Reaktionen in Herxheim am Berg und andernorts lassen erstaunliche Unsicherheiten und teils wohl auch Schlimmeres erkennen. Viele „Bürger“ meinten, die Glocke könne in Betrieb bleiben. Nicht alles war schlecht damals – auch das war zu hören. Und die Glocken – man sehe sie doch nicht, wenn sie läuteten. Der neue Bürgermeister von Herxheim, ein pensionierter Pfarrer, argumentierte schließlich, die Glocke könne doch auch als Mahnmal verstanden werden und so weiter in Betrieb bleiben. Seine Äußerung anlässlich eines TV-Interviews: „Ich sage nur: Ich höre die Opfer, das waren auch deutsche Bürger, also nicht nur die jüdischen“ erregte erhebliches Aufsehen.

Auf Antrag eines empörten jüdischen Bürgers entschied das Amtsgericht Bad Dürkheim am 6. Februar 2018, dass Ortsbürgermeister Welker diese Aussage so nicht wiederholen dürfe. Ende Februar 2018 beschloss der für die Glocke mit zuständige Herxheimer Gemeinderat, die „Hitler-Glocke“ im Kirchturm zu belassen. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, dazu: Diese Entscheidung mache ihn fassungslos und zeuge von tiefer Respektlosigkeit gegenüber allen Opfern des Nationalsozialismus: „Wie eine Kirchenglocke, die einem der größten Menschheitsverbrecher der Geschichte gewidmet ist, mit dem Christentum vereinbar sein soll, ist mir ein Rätsel.“

Die von der Glockenaffäre am meisten betroffenen Landeskirchen der Pfalz und in Hannover sollten dem inakzeptablen Geschehen vor Ort nicht allzu lange tatenlos zuschauen. Und die „Hitler-Glocken“ von heute gehen auch die EKD etwas an, angesichts vielfach beteuerter Bekenntnisse zu einer protestantischen „Lerngeschichte“ während der 500-Jahrfeiern der Reformation. Ein beträchtlicher Imageschaden ist bereits entstanden und größerer Schaden kann noch folgen. Von den zuständigen Kirchenbehörden ist Bereitschaft signalisiert worden, die kontaminierten Glocken aus dem Betrieb zu nehmen und durch neue zu ersetzen. Das wäre wohl das Minimum und müsste unverzüglich geschehen.

Und mehr Aufmerksamkeit verdiente dann vor allem die kirchliche Aufarbeitung vor Ort. Wie die aktuellen Vorgänge zeigen, liegt sie 70 Jahre nach der NS-Katastrophe häufig noch im Argen. In der betroffenen Spandauer Kirchengemeinde hat sich 2017 anlässlich der (wieder-) entdeckten „Hitler-Glocke“ sofort eine Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der Vergangenheit gebildet.

Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin.

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