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Leidtragend. Tropische Küsten sind besonders gefährdet; hier ein Pazifischer Rotfeuerfisch (Pterois volitans).
© imago stock&people

Gefahr für Kugelfische, Thunfische und Haie: Klimawandel bedroht Meeresbewohner

Für fast 90 Prozent der Meerestiere könnte es im schlimmsten Fall riskant werden. Tropische Küstenökosystemen besonders betroffen.

Dass die Erderwärmung für die Meerestiere eine Bedrohung darstellt, ist bereits bekannt. Ein internationales Team um den kanadischen Forscher Daniel Boyce hat nun mit Hilfe eines neuen globalen Klimarisiko-Index diese Einschätzung untermauert. 

Demnach besteht beim Eintreten des Worst-Case-Szenarios des Weltklimarates IPCC (SSP5-8.5) bis Ende 2100 für rund 87 Prozent der fast 25.000 betrachteten Meeresarten ein hohes Risiko, dass sie in ihrem derzeitigen Lebensraum nicht überleben können. Auf neun Prozent der Meeresfläche wären dann über die Hälfte der Arten gefährdet, vor allem in Küstenregionen mit hoher Biodiversität wie der Karibik oder Indonesien. Es bestehe die Gefahr, dass marine Ökosysteme zusammenbrechen.

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Die nun in „Nature Climate Change“ erschienene Modellstudie gibt eine Prognose für Tiere, Pflanzen, Chromisten, Protozoen und Bakterien ab, die in den oberen 100 Metern der Ozeane leben. Die Analyse beschränkt sich auf die Veränderung der Temperatur. Nach Ergebnissen der Forschenden sind größere Raubtierarten – vor allem solche, die als Nahrungsquelle gefischt werden wie Kugelfische, Thunfische und Haie sowie tropische Arten – am stärksten bedroht. 

Die Untersuchung ermöglicht auch eine regionale Differenzierung des Risikos, wonach vor allem stark von der Fischerei abhängige Länder des globalen Südens und tropische Küstenökosysteme stärker betroffen sind. Starke Verschmutzung wird als weiterer Risikofaktor genannt. Für polare Regionen wird das Risiko als geringer eingeschätzt.

Erste hoch aufgelöste Abschätzung

Der Hydrobiologe Christian Möllmann von der Universität Hamburg, der nicht an der Studie beteiligt war, wies allerdings darauf hin, dass die Gefährdung der Arten nicht zwangsläufig als Aussterben zu interpretieren sei. Die Gefährdung beinhalte auch negative Einflüsse etwa auf die Populationsgröße, Reproduktion und das Wachstum, sagte er gegenüber dem Science Media Center (SMC). 

Dass die Kohlenstoffemissionen die Meerestiere gefährden, sei nicht neu, die Relevanz der Ergebnisse bestehe darin, dass erstmals eine einheitliche und hoch aufgelöste Abschätzung des Risikos für die Weltozeane getroffen wird, so Möllmann.

Haie gehören zu den Leidtragenden der Erderwärmung.
Haie gehören zu den Leidtragenden der Erderwärmung.
© imago/imagebroker

Der Nachwuchsgruppenleiter Sebastian Ferse vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) Bremen verweist auch auf das Potenzial einzelner Arten zur Migration. Vor allem tropische Meerestiere könnten demnach noch in andere Regionen ausweichen. „Das tatsächliche Risiko für einzelne Arten kann daher also geringer sein, als in der Studie berechnet“, sagte Ferse dem SMC. Auch zeige die Studie keine Korrelation zwischen Aussterbe- und Klimarisiko.

Dennoch stuft der Biologe die Ergebnisse der Studie als alarmierend ein: Zwar sei das extrem negative IPCC-Szenario mit Vorsicht zu genießen. „Aber die Tatsache, dass auch beim optimistischsten Szenario immer noch über die Hälfte aller Arten am Ende des Jahrhunderts in ihrem gesamten jetzigen Verbreitungsgebiet stark bedroht sind, ist dramatisch.“ 

[Wie der Klimawandel Wissenschaftler in den zivilen Ungehorsam treibt und die Politik immer noch nicht verstanden hat, was eigentlich auf dem Spiel steht, hat Tagesspiegel-Autor Armin Lehmann hier aufgeschrieben.]

Die wichtigsten Grundaussagen der Untersuchung würden zudem auch unabhängig vom gewählten Szenario gelten, so die Gefährdung der tropischen Küstenökosysteme und, dass der Nutzen von Emissionsreduktionen in armen, von Fischerei abhängigen Ländern größer ist als beispielsweise in Europa.

Tiefseearten nicht erfasst

Die Zoologin Angelika Brandt vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum, Frankfurt/Main bemängelte gegenüber dem SMC, dass die Studie sich nur auf die oberen 100 Meter der Ozeane bezieht. Denn der größere Teil des bewohnbaren Ozeanraumes sei die Tiefsee. Dennoch würden die Ergebnisse bekannte Muster widerspiegeln, „die Entscheidungsträger offenbar nicht verstehen oder verstehen wollen“. Insofern sei bereits die Berechnung des Risikos allein für die obere Schicht der Meere ein wichtiger Ansatz. 

Die Autor:innen der Studie regen an, ihre Ergebnisse zu nutzen, um dem Schutz gefährdeter mariner Arten und Ökosysteme im Rahmen von klimaorientierten Strategien Vorrang einzuräumen, etwa durch das wiederholt geforderte Ziel, 30 Prozent der Meeresfläche unter Schutz zu stellen. Wobei allerdings die Bedeutung geografischer Unterschiede und der Lage der Lebensräume berücksichtigt werden sollte.
Zoologin Brandt erinnert dabei aber, dass in der Analyse nur die obere Meeresregion betrachtet werden. „Marine Schutzgebiete sind jedoch Regionen, die die komplette Wassersäule beinhalten.“ Zudem basiere die von den Autoren verwendete Metrik für das Aussterberisiko ausschließlich auf dem Status auf der Roten Liste. „Das ist schwach und voreingenommen, da marine wirbellose Arten in der Roten Liste systematisch unterrepräsentiert sind und vor allem über 90 Prozent der Tiefseearten ja noch gar nicht bekannt und beschrieben sind“, bemängelt Brandt.

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