Klimawandel und Artenschwund : Verhungern am letzten Eisloch

Fette Robben sind die wichtigste Energiequelle für Eisbären. Doch ohne intakte Eisdecke haben sie kaum eine Chance, an die Beute zu kommen.

Solange Robben nur an wenigen Eislöchern Luft holen konnten, zahlte sich das Warten für die Eisbären oft genug aus.
Solange Robben nur an wenigen Eislöchern Luft holen konnten, zahlte sich das Warten für die Eisbären oft genug aus.Foto: Anthony Pagano, USGS

Wer auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit zu lange Fußmärsche auf sich nimmt und dabei mehr Energie verbraucht, als er später aufnehmen kann, hat ein Problem. Genau dieses Schicksal erleiden immer mehr Eisbären – eine direkte Folge des Klimawandels, berichten Anthony Pagano von der University of California in Santa Cruz und Kollegen im Fachblatt „Science“.

Steigende Temperaturen erschweren den Eisbären die Jagd

Naturschützer beobachten schon seit Jahren, dass die steigenden Temperaturen die Eisbären in Schwierigkeiten bringen. Während Bären in der Regel Allesfresser sind, haben sich Eisbären auf fette Beute in Form von Robben spezialisiert. Robben wiederum jagen unter dem Eis des Nordpolarmeers gern Fische und Kalmare, müssen aber wie alle Meeressäugetiere in regelmäßigen Abständen zum Atmen auftauchen. Das tun sie oft an kleinen Löchern im Eis. Dort lauern ihnen die Eisbären auf.

Satellitendaten haben inzwischen bestätigt, dass die Eisdecke auf dem Meer schrumpft – und damit auch die Anzahl der Eislöcher und die Jagdgründe der Eisbären. Aber gefährden diese Umweltveränderungen die Raubtiere auch?

Um das herauszufinden, haben die Forscher einen Eisbären im Zoo darauf trainiert, ruhig zu sitzen, um zu messen, wie viel Sauerstoff er aufnimmt. Da schon lange bekannt ist, wie viel Sauerstoff ein Organismus benötigt, um eine bestimmte Energiemenge bereitzustellen, lässt sich daraus der Ruhe-Energie-Bedarf des Tieres errechnen.

Bis zu sechs Mal höherer Energieverbrauch als ein Mensch

In der Natur kommt dazu allerdings noch die Energie, die beim Laufen, Schwimmen und Jagen verbraucht wird. Also fingen Anthony Pagano und seine Kollegen vor der Nordküste Alaskas kurzfristig neun Eisbärinnen, um sie mit einem Halsband auszustatten, an dem die Forscher ein GPS-Ortungsgerät, eine Videokamera und einen Bewegungsmesser befestigten. Außerdem spritzten sie den Tieren Wasser, das statt der normalen schwere Wasserstoff- und Sauerstoffatome enthielt. Diese Isotope sind nicht radioaktiv und völlig unschädlich. Mit der Zeit scheiden die Eisbärinnen beide Atome als Wasser zum Beispiel mit dem Urin wieder aus. Den schweren Sauerstoff verlieren sie zusätzlich noch in Form von Kohlendioxid, das beim Bereitstellen der Energie entsteht und ausgeatmet wird.

Nach acht bis elf Tagen in freier Wildbahn fingen die Forscher die Eisbärinnen wieder ein, maßen die im Blut verbliebenen schweren Wasserstoff- und Sauerstoffisotope und konnten so den Energieverbrauch für jede der Eisbärinnen ermitteln: etwa 12 000 Kilokalorien.

Das ist vier- bis sechsmal mehr, als ein Mensch im Normalfall benötigt. Selbst Hochleistungssportler verbrauchen nur halb so viel Energie wie ein Eisbär, der doch die meiste Zeit ruhig an einem Eisloch auf das Auftauchen einer Robbe wartet. Genau dieses Verhalten bestätigen auch die Videoaufzeichnungen: Gerade einmal ein Zehntel ihrer Jagdzeit verfolgten die Bärinnen eine Beute, den gesamten Rest lauerten sie am Luftloch einer Robbe. Obendrein waren die Tiere nur an einem guten Drittel eines Tages aktiv und ruhten den Rest der Zeit. Trotz dieses relativ bequem erscheinenden Lebens aber liegt der Energieverbrauch der Eisbärinnen 1,6-mal höher als bisher vermutet.

Kein einziger Bär konnte eine Robbe fangen

Damit aber ist auch klar, dass den Eisbären an die Küste geschwemmte Kadaver von Walen oder die Jagd auf Tiere an Land nicht genügen, weil sie so nicht genug Energie aufnehmen. Nur wenn Eisbären an Löchern im Eis Robben jagen, die sich zum Schutz vor der Kälte des Nordpolarmeers mit einer dicken und extrem energiereichen Speckschicht wärmen, können sie genug Energie sammeln. Tatsächlich verloren vier der observierten Eisbärinnen in acht bis elf Tagen Beobachtung mindestens zehn Prozent ihres Gewichts. Keine einzige dieser vier abmagernden Bärinnen hatte bei der Robbenjagd Erfolg. Zwei der Eisbärinnen begnügten sich mit Kadavern, die erheblich weniger Energie liefern, die anderen beiden Tiere bekamen in dem Zeitraum gar nichts zu kauen. Schrumpft die Eisdecke also weiter, dürfte die Robbenjagd noch seltener Erfolg versprechen als bisher.

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